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F.E.W. Spirits: Ein wenig Ehrlichkeit

Als Gründer von F.E.W. Spirits gehört Paul Hletko zu den führenden Akteuren der Szene ambitionierter US-amerikanischer Craft-Brenner.  Reinhard Pohorec hat ihn getroffen und ein Bild von dem eigenwilligen Mann gezeichnet, der die Anwaltsrobe gegen das Wagnis der eigenen Destillerie eingetauscht hat.

Fakt ist: kaum ein Land hat einen ähnlich prüden Ruf wie die Vereinigten Staaten. Fakt ist auch: nirgendwo sonst sind Körperkult und Pornografie derart ausgeprägt wie zwischen Connecticut und California. Weniger freizügig, aber genauso nackte Wahrheit, ist so manch alkoholische Abstrusität: die größte American Whiskey-Marke steht auf trockenem Boden – Moore County, „dry county“. Man wäre leicht geneigt zu mutmaßen, dass die Amis ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu ihren Genussmitteln pflegen. Alkohol, Tabak, Feuerwaffen – nicht umsonst feucht-fröhlich und quasi friedlich unter einem Steuer- und Bürodach vereint.

Vom Patentamt zur Pot Still

Paul Hletko hingegen ist der Inbegriff von „straight“, von liebenswürdiger Direktheit. Man weiß, woran man ist bei dem Mann. Während seine Vorfahren vor Generationen noch Bier in Tschechien gebraut haben, hat Paul sich in die amerikanischen Untiefen der Paragraphen und Juristerei geworfen und als Patentanwalt seine Brötchen verdient. Heute muss der Schnaps diesen Zweck erfüllen. Mit durchschlagendem Erfolg und zunehmend internationaler Dimension.

Dass dies ausgerechnet in einem der Epizentren der Prohibition von Statten geht, scheint der Situationskomik nur eine weitere Grimasse ins Gesicht zu zaubern. Denn gerade das „noble Experiment“ des 18. Verfassungszusatzes muss wohl als Höhepunkt der Ambivalenz und Bigotterie in den Geschichtsbüchern markiert werden.

Eine der treibenden Kräfte hinter den Prohibitionsbemühungen des ausgehendenden 19. Jahrhunderts war die Women’s Temperance Movement, die in Evanston, als gänzlich „trockene“ Kommune gegründet, besonders starke Ausprägung erfuhr. Teil der Metropolitan Area Chicago und nördlich der Stadtgrenzen gelegen, war das beschauliche Örtchen lange Zeit Heimat und Wirkungsstätte einer gewissen Frances Elizabeth Willard. Für manche eine Heldin, für andere ein Schreckgespenst, war die Dame wohl definitiv nicht die Art gemütlicher Zeitgenossin, mit der man sich gerne abends auf einen Drink verabredet.

Die Nachwehen des „noblen Experiments“

Ganze Bibliotheken könnte man füllen mit Anekdoten über die alkoholfreien Jahre der USA, bis heute spürt man die Nachbeben der historischen Eruption. Evanston erlebte übrigens erst 1990 eine Legalisierung von Bier, Wein und Hochprozentigem, doch es war Hletko, der das eigentliche Comeback alkoholischer Genüsse einläutete. Seit 2011 läuft in seiner F.E.W. Spirits Distillery der „new make“ aus den Kupferbrennblasen.

„Ich wollte etwas tun um die Geschichte meiner Familie weiterzuschreiben. Nachdem meine Vorfahren ihre Brauerei an die Nazis verloren hatten, war mein Großvater der einzige Überlebende der Konzentrationslager“, erinnert sich der Master Distiller und Gründer. „So suchte ich nach einer neuen historischen Verbindung, um das Erbe weiterzuführen statt es für immer zu verlieren.“

Von Handwerk, Authentizität und Glaubwürdigkeit

Doch er hat sich kein leichtes Metier ausgesucht. Und dass die Brötchen anfangs weniger und härter gewesen sein müssen als bei einem Patentanwalt, liegt auf der Hand. Few bottles, buchstäblich ein paar wenige, die Idee des „Klein aber Fein“ wohnt all den Erzeugnissen inne und spiegelt sich in Name und Etikett wieder. Die Marke ist gleichsam Wortspiel und schmunzelnde Selbstironie, mit Blick auf die eigene Ausbringungsmenge. Ganz beiläufig und wie durch des Zufalls trocken-humoristischen Fingerzeig, findet so manch geneigter Leser außerdem die Initialen der militant-trickenen Spießgesellin Frances Elizabeth Willard im Titel. Nicht minder historienschwanger ist die Ikonographie des Labels, welches Motive der Weltausstellung 1893 in Chicago zeigt.

„Ich denke, die Marke F.E.W. ist eine Kombination vieler verbindender Faktoren. Wir brachten den ersten Alkohol in die Heimat der Prohibition, die Verbindung mit Chicago, der Columbian Exposition von 1893, und der persönliche Kontext – all das ist wahr und authentisch.“

Ebenjene Authentizität schmeckt man mit jedem Schluck aus den markant-eckigen Flaschen. Gin und Whiskey sind die Kernkompetenzen der F.E.W. Spirits Company, wenngleich man sich hier diverser Interpretationen dieser zwei Thematiken hingibt.

Manche Produkte sind und waren One-offs – einmalige Abfüllungen – limitierte Chargen, spezielle Fasslagerungen, andere wiederum haben sich mit Fug und Recht ihren Platz als Herzstück des Portfolios erkämpft.

Alles aus einer Hand

Der American Gin basiert auf einer klassischen Bourbon-„mash bill“ mit Mais, Weizen und Gerste, ein sensorisch klar herausgearbeitetes Merkmal, das Eigenständigkeit verleiht. Unter den elf Botanicals lassen sich cremige Vanilletöne und komplexe Zitrusnoten ausmachen, dennoch scheint stets der Wacholder hervor. Man bleibt dem Titel Gin gerecht. Das Getreide stammt von Farmern aus Wisconsin sowie Indiana. Dass hier kein Neutralsprit zugekauft wird, scheint eigentlich mehr als selbstverständlich.

Diese Brücke zwischen Wacholder und Whiskey spinnt sich als roter Faden fort, auch im „Standard Issue Gin“, abgefüllt mit Navy Strength und gedacht als Hommage an Soldaten und Seemannsrationen. Auch im vier Monate in Fünf-Gallonen-Fässern gelagerten „Barrel-Aged Gin“ ist die Signatur klar erkenntlich. Wären da noch White Dog, Bourbon und Rye Whiskey, allesamt Jungspunde des American Whiskey, mit Charakter und Individualität, aber von makelloser Machart und höchstem Qualitätsstandard.

Paul Hletko gibt sich keineswegs der Illusion hin, mit nichts als einem guten Produkt am Markt erfolgreich bestehen zu können: „Es ist ein nahezu unmögliches Business, wenn es darum geht Erfolg zu haben. Nichts ist einfach“. Von dem vieltraktierten Wort „craft“ und dem reinen Fokus auf gute Erzeugnisse hält der Destillateur nicht viel, und er betont gleichsam, dass dies ja ohnehin Grundvoraussetzung sein muss.

Spirituosen seien einfach nicht wie die Bier-Szene, wo das „ganze gecrafte“ auch seine Anfänge genommen habe. Und ein höherwertiges Produkt als die Massenware herzustellen, wäre alleine als Strategie zu wenig. Hletko ist überzeugt, es braucht:„herausragende Qualität, einen unwiderstehlichen Anreiz zum Kauf und einen gesicherten Weg auf den Markt“. Gerade letzteres vernachlässigen viele junge Hersteller von eigentlich grandiosen Produkten. Klingt dann eigentlich ganz einfach, oder? Und wenn es nach Frances Elizabeth Willard ginge, wäre ja sowieso besser heute als morgen Schluss mit dem ganzen Schnaps.

Wie schön, dass in den USA, trotz aller Ambivalenz und zwiespältig prüder Semitoleranz, doch die Vernunft gesiegt hat. Zumindest in manchen Belangen.

Credits

Foto: Paul Hletko via F.E.W Spirits

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