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Wehmut trifft Wermut: F37 Bar und Galerie

Ein optimistischer Neuanfang mit einem Erbe, das verpflichtet. Kunst und Cocktail werden ehrgeizig wiederbelebt an traditionsreicher Barstätte. Wo bis vor kurzem ein unpersönlicher Society-Spot auf wenig Interesse stieß, erlebt nun vielleicht eine „beste Adresse“ ihre Renaissance.
Bewanderte Barflys der Hauptstadt blicken versonnen-wehmütig drein, wenn der Name der „Galerie Bremer“ in der Runde fällt. Eine Legende des alten Westberlin. Die Galeristin und Kunsthändlerin Anja Bremer gründete 1946 ihre Galerie, die ab 1955 am Fasanenplatz, in der Fasanenstraße 37 in Berlin-Wilmersdorf, residierte.
Vorne Galerie, hinten die Bar, entworfen im Stile des Bauhaus von keinem Geringeren als Hans Scharoun, dem Beauftragten für den Wiederaufbau Berlins und Architekten von Philharmonie, Kammermusiksaal und Neuer Staatsbibliothek zu Berlin.
Unvergessen auch Rudolf „Rudi“ van der Lak, Lebensgefährte Anja Bremers, formvollendeter Gentleman und Bartender bis ins hohe Alter. Noch mit über 80 Jahren bediente der Mann aus Surinam seine Bartools.
Ein paar Jahre Niedergang
Nach Rudis Tod 2006 führte Rolf Rohlow die Bar noch vier Jahre weiter, bevor die Türen verriegelt und die bemerkenswerte Barausstattung ausgebaut und eingemottet wurde. 2010 übernahm der omnipräsente Herr der Haarpracht, Udo Walz, das Objekt und inszenierte sich selbst im Rahmen eines unzeitgemäßen Pseudo-Schickeria-Treffpunkts.
Wo früher Wolfgang Neuss, Friedrich Luft, Romy Schneider, Walter Scheel, Hildegard Knef oder Billy Wilder verkehrten, wo Klaus Kinski zuweilen des Hauses verwiesen wurde, kehrten nun fade Bussi-Gesellschaften in seelenlosem Plastik-Ambiente ein. Traditionslos und trostlos. Nach zwei Jahren war Schluss und das riesige Bild mit dem Konterfei des Walz verschwand aus dem Fenster.

Ambitionierter Neuanfang
Heute betreibt Ulrich Redder die F37 Bar und Galerie in den hellen Altbau-Räumlichkeiten und belebt entschlossen sowohl die Kunst, als auch die Barkultur an traditionsreicher Stätte. Ambitionierte Ausstellungen von bewährten Künstlern und aufstrebenden Talenten werden ergänzt um ein erfrischendes Barkonzept unter der Federführung von Barchef Godwin Eke.
Als freundlicher Gastgeber und engagierter Bartender versteht Godwin sein Handwerk in der Tradition eines Rudi van der Lak und gewinnt ein wachsendes, treues Stammpublikum an den hellen, hufeisenförmigen Tresen, den man aus der Ära Walz übernehmen musste. Viele selbstgefertigte Infusionen und Zutaten sorgen für Twists in Drinks, wie dem Cucumber Smash oder dem Salbei Mojito.
Aber auch elegante Klassiker, wie Last Word oder Old Cuban beherrscht der Tresenkünstler, umrahmt von den abwechslungsreich bebilderten Wänden. Preislich liegen die meisten Cocktails mit ca. 10 Euro durchaus im Rahmen. Ein getrennter Raum dient dem Rauchvergnügen und ein Humidor versorgt Zigarrenliebhaber.
Beste Nachbarschaft
Auf einige der weißen Sitzmöbel und pseudo-glamourösen, überdimensionierten Champagnerflaschen könnte der ansonsten stilvolle Ort sicherlich noch verzichten. Andererseits hebt man sich so optisch von den Barklassikern der Nachbarschaft ab.
Mit dem Rum Trader und der Fasanen 47 Bar finden sich Orte mit anspruchsvoller Trinkkultur und hervorragenden Gastgebern nur wenige Meter entfernt. Aber Berlin beweist vielerorts, dass eine angenehme, bereichernde und kollegiale Nachbarschaft von Bars durchaus möglich ist. Warum also nicht auch im beschaulichen Wilmersdorf.
Die neue Philosophie bei Kunst und Cocktail erscheint jedenfalls stimmig. Frischer Wind an einer besonderen Adresse wird von einem charmanten Team als Ansporn und Verpflichtung verstanden. Überzeugen Sie sich selbst!

Credits

Foto: Fotos via F37

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