TOP

Eine globale Angelegenheit – Chinin im Faktencheck

Fieberbaum, Cinchona, Chinarinde – die Basis für Chinin hat viele Namen. Seine wesentliche Eigenschaft, die Bitterkeit, hat es nicht nur im Tonic Water, sondern auch in einigen Spirituosen zum Bestandteil gemacht. Doch was kann Chinin sonst noch? Wie wird es heute gewonnen? Sechs Fakten über den mythischen Stoff.

„Da sucht man nun mit Macht mir neues Leben// und neuen Mut und neue Kraft zu geben; Drum reichet mir mein Doktor Medicinä// Extrakte aus der Cortex Chinä“, schrieb etwa 1768 Johann Wolfgang Goethe an Mademoiselle Oeser in Leipzig. Was so ein bisschen Tonic ausmacht! Wobei der Geheimrat das Chinin noch in anderer Form zu sich nahm. Bis 1820 war der Wirkstoff unbekannt, die Cinchona-Gattungen kannte man aber längst. Allerdings besteht sie aus rund 40 Baumarten, die bis zu 20 Meter hoch werden, und sich durch die Farbe der Blüten, aber auch Gehalt an Chinin in der Rinde unterscheiden. Als Faustregel kann man von ungefähr 5% des Bitterstoffs in der Fieberbaum-Rinde ausgehen. Womit wir beim Namen des Chinin-führenden Baums wären. Zwar wurde die fiebersenkende Wirkung historisch vielen Bitterstoffen zugeschrieben, „febrifug“, wie die Pharmazeuten das so schön nennen, wirkt aber tatsächlich das Chinin.

Wie kam die Rinde denn nach China?

Schon der Name China-Rinde bzw. Cinchona sorgt aber für Verwirrung und das gleich doppelt. Denn während die deutschsprachige Welt China für die Heimat des Chinins hält, kommen die spanischsprachigen, aber auch englische Autoren immer wieder auf die wundersame Heilung der Gräfin von Chinchon, einer spanischen Gouverneursgattin, zurück. Tatsächlich sagen die englischen Synonyme der „cinchona bark” mehr über die Realität aus: „Jesuit’s bark“ erinnert an die großen Förderer des Fieberrindenbaums, den Jesuitenoden (auch am Festland sprach man vom „pulvis Jesuiticus“), „Peruvian bark“ bezieht sich auf das erste bekannte große Vorkommen der fiebersenkenden Rinde. Und die vom Schamanen geheilte Gräfin? Sie gilt heute als Erfindung, das Tagebuch ihres Gatten Don Luis Geronimo Fernandez de Cabrera y Bobadilla erwähnt die Fiebererkrankung samt Heilung mit keinem Wort.

Der Name der Gräfin ging dennoch in die botanische Nomenklatur ein, nachdem Carl Linné den Fieberrindenbaum „Cinchona“ nannte – und dabei einfach ein „h“ wegließ. Bliebe nur noch die „chinesische“ Verwirrung zu klären: Das peruanische „quina“, wörtlich: Rinde, wurde im Sprachgebrauch zu „China“. Für die Indios war die Heilpflanze schlicht „Rinde der Rinden“, also „quinquina“.

Von Peru nach London via Paris: die Reise des Chinins

Obwohl Tonic Water mit dem British Empire verbunden wird, führt die Geschichte des Chinins weiter nach Frankreich. Am Pariser Place Louis-Marin steht das Denkmal für die per Inschrift als „Wohltäter der Menschheit“ apostrophierten Gelehrten Pierre-Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou. 1820 gelang den beiden – übrigens im Wettstreit mit dem Deutschen Friedlieb Ferdinand Runge, der ebenfalls daran arbeitete – die Entdeckung des fiebersenkenden Wirkstoffs. Dass die Suche so lange dauerte, liegt an den vielen biochemischen Inhaltsstoffen der Chinarinde, mehr als zwei Dutzend kennt die Wissenschaft. Am bekanntesten neben Chinin wurde übrigens das Quinidin, das bei Herzrhythmus-Störungen bis heute eingesetzt wird.

Monsieur Pelletier sorgte mit der ersten Chinin-Fabrik bereits 1826 für rund zwei Drittel der gesamtfranzösischen Produktion von rund 2,7 Tonnen. Was wenig klingt, wird in Paul Rossignols 1989 erschienener Würdigung des Chinin-Entdeckers („Les travaux scientifiques de Joseph Pelletier“) als ausreichende Menge bezeichnet, „um eine Million an Sumpffieber Erkrankte zu versorgen“.

Mehr als ein Jahrhundert später und getrieben von der japanischen Besatzung Indonesiens, eines Hauptlieferanten des Malaria-Bekämpfers, gelang die synthetische Herstellung von Chinin. Im April 1944 lieferte der damals 27-jährige Robert Burns Woodward mit William von Eggers Doering die Sensation, die ihn auf das Cover der New York Times brachte und 1965 den Chemie-Nobelpreis eintrug. Die letzte Ehrung für Caventou und Pelletier wiederum gab es 1970, als die französische Post den beiden eine Briefmarke zur 150. Wiederkehr der Chinin-Entdeckung widmete. Ihr Denkmal hatte man bereits 1951 wieder errichtet, nachdem die Nazis es zehn Jahre vorher während der Okkupation von Paris zerstörten.

Ohne Chinin keine Homöopathie!

1790 jedenfalls war die südamerikanische Rinde bereits eine bekannte Größe in Europa. So bekannt, dass sie für einen folgenreichen Selbstversuch herangezogen wurde. „Ich nahm […] zweimahl täglich jedesmahl vier Quentchen gute China ein; die Füse, die Fingerspitzen, u.s.w. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind, eine unleidliche Aengstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; Dann ein Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nacheinander; doch ohne eigentlichen Fieberschauder“. Notiert wurden die Beschwerden vom Meißener Dr. Samuel Hahnemann (1755-1843). Der Arzt und Chemiker formulierte daraufhin das Ähnlichkeits- oder Simile-Prizip: Eine Krankheit werde demnach dadurch geheilt, was bei Gesunden möglichst ähnliche Symptome hervorruft. Der als „Chinarinden-Versuch“ bekannt gewordene Vorfall gilt daher heute als so etwas wie die Geburtsstunde der Homöopathie. Allerdings streiten Gegner und Anhänger bis heute, ob der Versuch reproduziert werden kann. Wir widmen uns lieber einer anderen Frage.

Warum bekommen auch G&T-Trinker Malaria?

Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung dürfen in Deutschland alkoholfreie Getränke maximal 85 Milligramm Chinin pro Liter enthalten. Damit liegt man praktisch gleichauf mit dem Grenzwert der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA), die 83 Milligramm zuläßt. Beide Werte sind aber weit entfernt von der therapeutischen Dosierung von Chinin, die 500 bis 1.000 Milligramm beträgt.

Warnungen vor hohem Tonic-Genuss gelten heute vor allem für Schwangere. Chinin-Tabletten wurden tatsächlich früher heimlich auch als Abtreibungsmittel eingesetzt. Der Fall einer finnischen 17-Jährigen wurde 1966 besonders gut dokumentiert. Bei dieser Vergiftung mit Tabletten, zu welcher Alkohol und ein Saunabesuch hinzukamen, wurde der Chiningehalt im Blut bestimmt; er betrug rund 6,6 Milligramm pro Liter Blut.

Wie gefährlich ist Cinchonismus?

Aber auch bei eigenen Tonic-Experimenten ist Vorsicht angesagt, wie die berühmte Geschichte von Avery Glassners „Cinchonismus“-Erkrankung lehrt. Die von Camper English via „Alcademics“ vor zwei Jahren verbreitete Story schildert die Symptome, die sich der Bittermens-Gründer ausgerechnet während „Tales of the Cocktail“ durch einem unsauberen Tonic-Syrup einhandelte. Der Kritik an Jeffrey Morgenthalers berühmten Tonic-Rezept („um das 15-Fache höher als erlaubter US-Grenzwert“) folgen die Tipps zum Umgang – vor allem beim Filtern – mit der handelsüblichen Chinarinde.

Wo kommt der Bitterstoff heute her?

Cinchona calisaya und Cinchona pubescens wurden von den Holländern und Briten aus Südamerika geschmuggelt, wesentlichen Anteil daran hatte auch der deutsche Botaniker Justus Karl Hasskarl, der 1854 dafür sorgte, dass im niederländischen Kolonialreich die Pflanzung auf Java gelang. Zeitweilig dominierte das Amsterdamer „Kina bureau“ 90% des weltweiten Anbaus. Kurz bevor die Japaner Niederländisch-Indien eroberten, umfassten die Chinchona-Plantagen dort 15.000 Hektar.

Cinchona succirubra und Cinchona ledgeriana ergeben die höchste Ausbeute an Chinin und sind daher heute die bevorzugten Anbau-Varianten. Die seit fünf Generationen aktive Chininfabrik der Familie Buchler in Braunschweig etwa verarbeitet „jährlich mehrere hundert Tonnen“ davon. Heute kommt der Rohstoff immer noch aus Peru, Bolivien oder Ecuador (von hier bezieht etwa Martini die Rinden für seinen Wermut), an Bedeutung gewinnen aber auch afrikanische Anbauländer.

Während etwa das Schweizer Tonic Gents (nur) einen Teil der Bitterkeit aus der Enzianwurzel bezieht, kommt man im ebenfalls schweizerischen Feldmeilen gänzlich ohne Chinin aus: „Absinthum eTonic“ setzt stattdessen auf Wermutkraut. Das von der Interflava AG erzeugte Tonic in der Dose enthält dafür auch kleine Mengen der psychoaktiven Droge Thujon und Coffein.

Übrigens: Eine weitere Eigenschaft des Chinins schreit geradezu nach kreativem Einsatz an der Bar: Unter Schwarzlicht oder anderen UV-Lampen schimmert es blau.

Credits

Foto: Lupe via Shutterstock. Post: Tim Klöcker.

Kommentieren