Inventur am 22. Juli 2018

News 22.7.2018

Kommen Sie, kommen Sie! Mit Siegfried Wonderleaf gibt es bald die nächste „alkoholfreie Spirituose“, während Jägermeister sich zum Start-Up-Motor auswachsen will. Und sonst? Wir schauen, ob Abstinenz wirklich glücklich macht, weshalb man dem Fachkräftemangel im Gastgewerbe am besten mit Respekt vor dem Personal begegnet, und wir betrachten den traurigen Niedergang eines einst respektierten Bartenders.

Frohen Sonntag, allerseits! Haben Sie gestern Abend vielleicht ein Glas zu viel getrunken? Im Laufe der Woche eventuell auch? Und dann morgens immer schön mit Kaffee gekontert? Man kennt das als Bartender oder Barfly ganz gut, man macht seltener „Pause“ als man es sollte. Wie es einem dabei geht, wenn man wirklich über viele Monate oder gar Jahre weder Kaffee noch Alkohol zu sich nimmt, erzählte Blogger Tobias Van Schneider schon vor einiger Zeit: Aus einem Selbsttest, wie es sich ohne Alkohol lebt, wurde ein permanenter Zustand – der gerade in New York City alles andere als normal ist, wie Van Schneider betont. Seine Ausführungen sind vor allem deshalb spannend, weil ihnen nichts Missionarisches innewohnt. Wer sich mit dem Gedanken trägt, vielleicht auch mal wieder tiefer zu schlafen, der schaut gern in seinen noch immer lesenswerten Text rein. Wir lassen derweil bei einer Tasse schwarzem Tee Revue passieren, welche News und Themen die barkulturelle Woche sonst noch so für uns bereitgehalten hat.

Jägermeister mit neuer Beteiligungsgesellschaft

Die viel beachtete „Strategische Partnerschaft“, die Jägermeister und Gin Sul vor zwei Wochen bekanntgegeben haben, ist zwar die erste Beteiligung an einer anderen Marke, die das Traditionshaus aus Wolfenbüttel jemals getätigt hat – es wird jedoch aller Voraussicht nach nicht die letzte bleiben. Die LebensmittelZeitung hat’s herausgefunden , NGIN Food berichtet im Anschluss detaillierter: Denn Jägermeister hat mit der Firma „M-Ventures“ einen eigenen Ableger gegründet, der sich als Investmentpartner bei Start-Ups betätigen und dem Mutterschiff so neue Aktivitätsfelder erschließen soll.

Es ist somit wahrscheinlich, dass der Deal mit Gin-Sul-Gründer Stephan Garbe eher ein Auftakt und Prototyp für weitere vergleichbare Kooperationen in der Zukunft sein könnte. Agieren wird M-Ventures unter separater Leitung sowie autark von der eigentlichen Mast-Jägermeister SE und soll so „flexibel und schlagkräftig“ aufgestellt sein, wie Sprecher Andreas Lehmann mitteilt. Überdies wird man sich nicht auf Beteiligungen bei Spirituosenfirmen beschränken, heißt es. Ob es also bald auch Technologie-Start-Ups mit Involvierung des braunen Kräuterlikörs geben wird?

Fachkräftemangel und Arbeitszeiten – der Zusammenhang bleibt

Dass gerade das gehobene und höhere Gastgewerbe immer größere Probleme haben, qualifizierten Nachwuchs zu rekrutieren, ist wahrlich keine Neuheit. Neu hingegen ist, dass das Thema immer mehr auch durch die großen Publikumsmedien aufgegriffen wird, und ebenso dadurch, dass eine steigende Anzahl an Gastronomen selbst nach Lösungen sucht, um gutes Personal an sich zu binden.

Ein zentrales Thema bleiben hier, neben der Bezahlung, vor allem Arbeitszeiten, die den Beruf für sehr viele Menschen aus nachvollziehbaren Gründen unattraktiv machen. Dabei geht es weniger um potentielle Arbeit zur Nacht oder am Wochenende, sondern schlicht um Überstunden und zermürbende „Teildienste”, die ein Privatleben teilweise unmöglich machen. Diese Erkenntnis war u.a. ein zentrales Ergebnis der Recherche unseres Autors Steffen Goubeaud vor einigen Wochen, die Kollegen von Zeit Online finden im Gespräch mit Restaurantbetreiber Ralf Felder ähnliche Symptome heraus. Felder bekämpft jene Symptome nun aktiv, er hat Angebot und Öffnungszeiten so umgestellt, dass alle Mitarbeiter immer auf fünf Tage kommen, keine Teildienste mehr schieben müssen und mit einem Acht-Stunden-Tag rechnen können. Es geht nämlich, wenn man will.

Adam Seger: Nun auch noch sexueller Missbrauch…?

Erinnern Sie sich noch an den Oktober 2016? Damals kam heraus, dass der angeblich historische Seelbach Cocktail doch nur das Ergebnis eines Schwindels war, den der seinerzeit junge, ambitionierte Bartender Adam Seger in den 1990er Jahren im ehrwürdigen Seelbach Hotel in Louisville/Kentucky inszeniert hatte. Es war ein veritabler Skandal, dessen Aufdeckung vor allem dem Fachjournalisten Robert Simonson zuerkannt werden darf. Für Seger, mittlerweile längst erfolgreicher Spirituosenproduzent und durchaus renommierte Persönlichkeit im nordamerikanischen Bar-Business, bedeutete die Aufdeckung definitiv einen Imageverlust.

Bessern dürfte sich jenes Image künftig nicht, im Gegenteil: Wie die örtliche Zeitung The Times-Picayune aus New Orleans berichtet, wurde der heute 48-jährige Seger vorläufig festgenommen. Gegen Seger, der sich aufgrund der aktuell stattfindenden Tales Of The Cocktail in der Stadt aufhält, liegt eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs vor. Er soll 2015 – ebenfalls im Rahmen der „Tales“ – an einem schwerst betrunkenen, schlafenden Mann gegen dessen Willen Oralsex praktiziert haben, was in den USA den Tatbestand des „third-degree rape“ erfüllt. Noch liegen relativ wenige belastbare Informationen vor, auch stellt sich die Frage, weshalb die Angelegenheit erst jetzt hochkocht. Es bleibt also noch abzuwarten. Tales-Vorstandsmitglied Caroline Rosen jedenfalls gab bereits bekannt, dass Segers geplante Vorträge gestrichen wurden und er auch für die Teilnahme am Gesamtevent gesperrt wurde.

Photo credit: Shutterstock

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