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„Im Dialog zwischen Glas und Form gibt es noch viel zu erforschen.“ Felicia Ferrone im Interview

Sie wurde von italienischer Aperitifkultur zu ihrem Design inspiriert und baut ihre Gläser wie Skulpturen. Im Interview mit MIXOLOGY Online spricht die US-amerikanische Designerin Felicia Ferrone über die Kunst, ikonische Gläser zu schaffen.

MIXOLOGY: Liebe Felicia Ferrone, Sie leben heute wieder in Chicago in den USA, haben aber auch am Anfang Ihrer Karriere einige Jahre in Mailand gearbeitet. Haben Sie dort eine Sympathie für die klassische, italienische Aperitifkultur entwickelt?

Felicia Ferrone: Ja, absolut! Es ist dort einfach ein sehr wichtiger Teil des Lebens. Meine Vorliebe war immer ein Getränk mit Campari, entweder ein Campari Soda oder ein Negroni.

MIXOLOGY: Wie ich gelesen habe, haben Sie erst nach Ihrer Zeit in Mailand angefangen haben, selbst zu entwerfen. Hat sie diese italienische Aperitifkultur letztlich dazu inspiriert?

Felicia Ferrone: Ja. Meine erste Kollektion namens Revolution entstand eigentlich bereits 2001, als ich noch in Mailand lebte und arbeitete. Aber meine Designfirma und all die anderen Kollektionen kamen erst, als ich wieder nach Chicago gezogen war. Ich habe immer einzigartige, antike Gläser geliebt, schon seit ich ein Kind war. Revolution habe ich als eine Antwort auf die typischen Abendessen mit Freunden in Mailand entworfen. Traditionell umfassen die Dinners eine breite Palette an Getränken, vom Aperitivo über Wein und Wasser bis hin zu einem Digestif, in meinem Fall oft Grappa. Dies führte mich dazu, über Glaswaren nachzudenken, da sie Erinnerungen repräsentieren, die wir formen, wenn wir Zeit mit unseren Lieben verbringen.

»Ich glaube eher an das Credo „Die Funktion folgt der Form“. Dies ermöglicht unbegrenzte Möglichkeiten.«

— Felicia Ferrone

Felicia Ferrone wurde von der italienischen Aperitifkultur zum Design inspiriert
Produkte aus der fferrone-Serie „Boyd“ von Felicia Ferrone zitieren den Brutalismus

MIXOLOGY: Worauf achten Sie beim Entwerfen von Gläsern, insbesondere für Cocktails, besonders: die Form, das Material, das Aussehen?

Felicia Ferrone: Ich glaube, hinter jedem Glasdesign muss ein Konzept stehen. Damit ein Gegenstand seinen Platz in der Welt einnehmen und die dafür begrenzten natürlichen Ressourcen beansprucht, muss sein Design etwas Originelles und Einzigartiges haben. Es muss zum Dialog und zur Geschichte des Designs beitragen. Man muss etwas Neues erreichen, entweder durch Funktion, Materialien oder durch neue Wege, um unsere Vorstellungen davon, was ein Glas sein könnte und wie wir mit ihm interagieren, in Frage zu stellen – am besten alle drei.

MIXOLOGY: Könnten Sie etwas näher auf die Beschaffenheit des von Ihnen gewählten Glases eingehen ?

Felicia Ferrone: Die Gläser werden aus Borosilikatglas hergestellt. Dieses ermöglicht ein breites Anwendungsspektrum, von Heißgetränken wie Tee über heiße Cocktails bis hin zu gekühlten Gläsern in der Tiefkühltruhe für Drinks oder Eiscreme.

MIXOLOGY: „Form follows Function“ ist eine klassische Designregel. Wie jede Regel kann sie adaptiert oder in Frage gestellt werden. Aber ist sie für Gläser wichtig? Die Art und Weise, wie wir trinken – ein Glas nehmen, es an die Lippen bringen, trinken – ist schließlich seit Jahrtausenden die gleiche …

Felicia Ferrone: Ja, das Zitat geht im Allgemeinen auf den großen Chicagoer Architekt Louis Sullivan zurück, aber ich glaube auch daran, den umgekehrten Weg zu erforschen: „Die Funktion folgt der Form“. Dies ermöglicht unbegrenzte Möglichkeiten. Im Dialog zwischen Glas und Form gibt es noch viel zu erforschen.

»Ich weiß, dass viele Bartender die Gläser als Inspiration für ihre neuen Rezepte benutzen.«

— Felicia Ferrone

MIXOLOGY: Nehmen wir Ihre Kollektion Mai: Wenn man das Coupette-Glas anhebt, fühlt es sich mit seinem breiten Griff und der schmalen Standfläche sehr ungewohnt an. Was haben Sie sich dabei gedacht?

Felicia Ferrone: Das ist ein Beispiel dafür, wie ich Archetypen erforsche und die Vorstellungen von allgemeinen Erwartungen und dem Verständnis von Objekten in Frage stelle. Vielleicht aus meinem Hintergrund in der Architektur kommend, ist diese Neudefinition dessen, was ein „Stiel“ sein könnte, ein Teil dieser Designuntersuchung. Meine zweite Kollektion, die ich 2003 entworfen habe, hieß Margot. Dort habe ich zum ersten Mal den breiten Stiel eingeführt, der einen sockelartigen Effekt auf das Gefäß ausübt.

MIXOLOGY: Da Sie ursprünglich Architektin sind, würden Sie sagen, dass es eine Art „skulpturalen Ansatz“ für Ihre Gläser gibt?

Felicia Ferrone: Architektonische Einflüsse weben sich auf die eine oder andere Weise in die meisten meiner Arbeiten ein, das ist richtig. Wie auch beispielsweise die Kollektion Boyd, die vom Brutalismus inspiriert wurde. Es gibt immer eine spezifische. skulpturale Sprache, die den einzigartigen Charakter jeder Kollektion und jedes Designs definiert.

MIXOLOGY: Praktisch für einen regen Abend am Tresen ist der Stiel nur bedingt. Haben Sie mit Bartendern gearbeitet, um sich beispielsweise Feedback zu Prototypen einzuholen?

Felicia Ferrone: Nein, eigentlich noch nicht. Aber ich weiß, dass viele Bartender auf der ganzen Welt die Gläser als Inspiration für ihre neuen Rezepte und Cocktail-Menüs benutzen.

MIXOLOGY: Hatten Sie Bars als Kunden für Ihre Produkte im Sinn – oder eher den privaten Verbraucher für seine Homebar?

Felicia Ferrone: Beides. Bei Design geht es um Emotionen und Erinnerungen. Mein Wunsch ist es, diese Momente der Freude und Überraschung zu fördern, sei es in einer Bar oder zu Hause.

MIXOLOGY: Letzte Frage: Welches Getränk mögen Sie am liebsten und in welchem Glas von Ihnen?

Felicia Ferrone: Ah, das ist wie die Frage, wer Ihr Lieblingskind ist! Ich benutze sie täglich, sei es für meinen Kaffee oder mein Wasser während der Arbeit oder abends für ein Getränk. Ich rotiere durch, wenn ein bestimmtes Design für eine gewisse Zeit zu meiner Lieblingsbeschäftigung wird. Dann wähle ich für gewöhnlich wieder einen anderen Stil als meinen Lieblingsstil. Es hat Momente gegeben, in denen ich zum ersten Mal ein Glas benutze und mich darüber freue, wie gerne ich es benutze. In diesem Sommer war mein Lieblingsgetränk ein Gin & Tonic mit einer Scheibe Blutorange, serviert in einem Glas Revolution Water/Wine.

MIXOLOGY: Frau Ferrone, vielen Dank für das Interview.

Felicia Ferrone wurde in Chicago geboren und hat an der Miami University in Ohio Architektur studiert. Danach lebte sie in Mailand, bevor sie wieder in ihre Geburtsstadt zurück übersiedelte, wo sie ihr Label fferrone gründete. Mit diesem hat sie u.a. für Audi, Boffi oder The Macallan gearbeitet. Felicia Ferrone hat mehrere Auszeichungen für ihr Design gewonnen und unterrichtet heute auch an der Universität von Illinois in Chicago.

Credits

Foto: Porträt Felicia Ferrone: David Johnson

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