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Erstanlauf in Sachen konsequenter Regionalität: Die Hotelbar „Flora“ verzichtet auf Import-Spirituosen

Aus internationalen Bars wie dem Pariser „Le Syndicat“ kennt man das Konzept einer Bar, die auf jegliche Import-Spirituosen verzichtet. Der Erstanlauf in Österreich in Sachen konsequenter Regionalität kommt von ungewöhnlicher Seite – dem Grazer Hotelier Philipp Florian und seiner radikal umgebauten Bar „Flora“ in der steirischen Hauptstadt. Das funktioniert aromatisch ebenso wie frei von Chauvinismus.

Gehen wir es vorsichtig an, mit Biss auf die Unterlippe. Notiz an mich selbst: Kein „Krise als Chance“! Einfach Fakten. Alsdann. Philipp Florian hat die Lockdown-Zeit genutzt, um eine „Operation am offenen Herzen durchzuführen“, von der er schon länger geträumt hat: das ehrwürdige 4-Sterne-Superior-Hotel mit dem „Rosengarten“, einem großzügigen Innenhof, baulich zu verbinden.

Blöd nur, dass die Bar, die das „missing link“ zwischen Lobby und Garten darstellt, mitten im Hotel lag. Ein Umbau bei voller Belegung war also quasi ausgeschlossen. Und dann kam das große „C“ … Die Monate auf der Baustelle und 1,5 Millionen Euro Investment ergaben jedenfalls nicht nur eine neue Patio-Situation. Florian erneuerte auch die 200m² große Bar. Auch wenn im Hintergrund die Porträts der Urgroßeltern August und Maria Florian streng schauen: Das alte Holz und die in die Jahre gekommenen Sessel wichen neuem Mobiliar. Gänzlich modern legte es der Hotelier bei der Barkarte an. Mit Ausnahme des Champagners stammen alle alkoholischen Getränke und selbst ein erklecklicher Teil der Filler aus Österreich.

Im Backboard der Flora Bar finden sich ausschließlich österreichische Spirituosen, auf Importe wird verzichtet
Auch die Bloody Mary wird regional interpretiert

Apotheken-Bitter statt Allerwelt-Schnaps

Doch mit der Entscheidung, internationale Spirituosen aus der „Flora“-Bar zu verbannen, schließt sich – zumindest semantisch – ein Kreis. Denn die „Goldene Birne“ war der Name des jahrhundertealten Hauses, das die erste Generation der Hoteliersfamilie 1934 übernommen hatte. Und Birnenbrand und Co. stehen auch in der radikalen Neuausrichtung im Fokus. 50 Spirituosen von zehn Produzenten sind es zur Eröffnung geworden, die hier ein Schaufenster ihrer Brennkunst vorfinden.

„Beim Essen schauen wir bei jeder Zutat genau, wo sie herkommt, bei der Bar so gut wie gar nicht“, nennt Philipp Florian einen Ansporn für sein Konzept. Der weit gereiste Hotelier war selbst erstaunt, „dass es bisher noch niemand hierzulande umgesetzt hat“. Zumal er sich kaum als ökobewegter Planetenretter geriert, sondern klar sieht, wie herausfordernd sein Ansatz auch wirtschaftlich ist. Denn nicht die Pressemeldungen, mit denen er es immerhin in nationale Tagespresse wie den Kurier schaffte, verkaufen Drinks. „Entscheidend wird sein, den lokalen Gästen die Schwellenangst zu nehmen“, so der Grazer.

Dem internationalen Gast brauche man das Novum nicht zu erklären. Im Gegenteil, der freut sich über lokale Alternativen zu den ubiquitären schottischen Blends und britischen Ginmarken. Speziell, wenn sich ein Barchef wie Deni Obid auch auf das Storytelling versteht, während er etwa die ungezuckerte Kräuterspirituose Schwarzer Hund aus der PurPur-Apotheke Dina Rahmans in einen Longdrink namens „Windhund“ verwandelt. Graz im Glas liefert dieser Bitter aus dem Stadtteil Andritz, ist aber nur einer von sieben Longdrinks, von denen einige auch besagte Angst vorm heimischen Destillat (merkt man beim Lesen, wie komisch das ist?!) nehmen soll. Also gibt es neben einem reinen Austro-„Hugo“ auch einen ebensolchen „Spritz“. Nur eben mit Heidelbeerlikör.

Selbst den landesweit geliebten Weißen Spritzer, die Weißwein-Schorle, hat man in der Flora Bar mit Gelbem Muskateller und Kräutern als „Winzerpost“ neu erfunden. Mutigere kosten lieber den ersten Wermut auf Schilcher-Basis – „Miss Rosy“ – mit Tonic Water. Mit Katharina Lackner-Tinnacher und Katrin Strohmaier liefern übrigens Winzerinnen hier die Basis und zertrümmern subversiv das Klischee vom weißen alten Mann am Schnapskessel.

Mit dem Neuausrichtung der Flora Bar gehen Philipp Florian (rechts) und sein Team optisch wie inhaltlich radikal neue Wege
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Biotope für heimische Brände schaffen

Mit weiteren sieben Signature Cocktails wartet das Barbuch auf, das auch jedem von diesen einen Absatz mit Nennung der Hersteller:innen widmet. Und ein generelles Merkmal, das auffällt unter diesen Eigenkreationen, stellt ihre Leichtigkeit dar. Das nächste Vorurteil, dass Mixen mit Heimischem nämlich automatisch einen Mangel an Eleganz oder gar „Spritigkeit“ bedeutet, entkräftet der erste Schluck des „Kaiserlichen Trunks“ (12,50 Euro). Mit Motif-Wermut und dem Vorarlberger Likör Mirtillo wird eine fruchtige Basis gelegt, die Holundersirup süß abrundet – schließlich rinnt auch noch ein Katarakt vom heimischen Schaumwein auf diese bunte Landschaft.

Der einzige zu zaghaft mit Destillat versehene Drink war lediglich der „Steirische Zauber“, die Grazer Version eines Mojito. Doch das bügelt man mit einer weiteren Abwandlung locker wieder aus: Die „Austrian Mary“ verzichtet bereits auf dickflüssigen Tomatensaft und bringt eine überaus trinkanimierende Fassung – ohne würzige Kanten und Gussgrate – hervor. Auch den „Ö-Feschioned“ braucht man hinsichtlich der Zutaten kaum erklären, lediglich die köstlichen Einlegekirschen zum Ruotker’s-Whiskey sollte man auch zum Mitnehmen anbieten.

Flora Bar

Leonhardstraße 8
8010 Graz

Mo - Sa ab 18 Uhr; So ab 15 Uhr

Klarte Kante mit lokaler Note

Aromatisch am balanciertesten ist der Wodkatini namens „Gold im Glas“ (12,50 Euro), bei dem Bergkräutertee und Runny Honey den steirischen Wermut von Winzer Manfred Tement („Alfred“) und Reisetbauer-Vodka abrunden. Klare Kante und doch mit lokaler Note! Diese Botschaft lässt sich mit einigen Produkten vermitteln, die ansonsten allenfalls als zweite Wahl am Rückbuffet stehen. Hier haben sie nicht nur die Hauptrolle inne, auch das Drehbuch wurde im Idealfall sogar für sie geschrieben.

So findet etwa ein herrliches Produkt wie der steirische Overproof-Rum von David Gölles im „Zwetschkensegler“ ein Habitat, das ihm endlich gerecht wird. Deni Obid mixt den Tiki-Cocktail (15 Euro) mit einem Rum-Blend aus drei Sorten des Vulkanland-Brenners. Und er ergänzt ihn auch noch um Zwetschkenessig aus der Produktion von Vater Alois Gölles. Das Erklärproblem anderer Bars, warum denn ausgerechnet der Overproof aus Österreich stammt, wo doch als Basis stets Karibisches fungiert, stellt sich hier nicht. Zumal auch ein weiterer Riegersburger mit magischem Klang in good old Austria, Chocolatier Josef Zotter, beim Ausgarnieren des Pflaumen-Drinks zitiert wird. Das schmeckt Lokalpatrioten und Schleckermäulern gleichermaßen!

Inklusion bei der Trink-Geographie

Es spricht allerdings für Philipp Florian, dass er der Versuchung eines noch lokaleren Konzepts widerstanden hat. Denn bei genauer Zählung stammt ein erklecklicher Teil der Spirituosen aus seinem Heimat-Bundesland. Doch es sollte in der Flora Bar keinesfalls um Chauvinismus, um „Styria first“ gehen. Sondern vielmehr ein Schaufenster für die „phantastischen Qualitäten der Brenner“ geschaffen werden, wie der Hotelier betont. Wenn also aus Axberg Vodka des oberösterreichischen Platzhirschs Hans Reisetbauer und dem Mister Ginger-Filler aus Steyr ein Longdrink gemixt wird, kann der immer noch „Graz Mule“ heißen. Denn schließlich kommen die beiden ja erst an Deni Obids Bar zusammen. Und vorerst nur hier.

Der 31-Jährige hat das Konzept verinnerlicht, was sich im Gespräch um die „Speakeasy-Cocktails“ zeigt, die er ebenfalls vorbereitet hat, aber noch nicht auf der Bar-Karte präsentiert. Da darf dann selbst das steirische Kürbiskernöl einen cremigen Vodka-Drink bekränzen, können wir einen kleinen Spoiler-Alarm setzen. Schaut man mit diesem Cocktail in den herbstlichen Rosengarten, den Klang des hoteleigenen Bösendorfer-Flügels im Ohr, dann darf die Flora einfach nur gemütliche Hotelbar sein. Allerdings mit einem progressiven Konzept, das Kontrapunkte setzt wie das kanari-gelbe Porträt von Philipp Florians Tochter, das gegenüber den Ölbildern der Gründergeneration hängt.

Credits

Foto: Parkhotel Graz

Comments (1)

  • Nino Berger

    War ein Stück Arbeit das Konzept zu erstellen, hat sich aber gelohnt wenn es ins Mixology erscheint!

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