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Fluch oder Segen: Der Last Call

Die letzte Runde ist ein kontrovers diskutiertes Thema: Je nach Situation laufen lassen oder doch lieber konstante Handhabe? MIXOLOGY ONLINE hat mit Bargrößen dieses Landes über die Vor- und Nachteile des Last Calls gesprochen.

Wir schreiben einen ganz gewöhnlichen Freitag-oder Samstagabend in einer der vielen guten Bars dieses Landes. Ab einer gewissen Uhrzeit füllt sich das Lokal unaufhaltsam und Heerscharen von Gästen betreten das Etablissement. Sie bestellen kräftig und treiben den Bartendern Schweißperlen auf die Stirn. Mit ihrem Alkoholkonsum, der mit fortgeschrittener Stunde zumeist ansteigt, bessert sich auch ihre Laune. Aus einem vermeintlich gewöhnlichen Abend wird eine regelrechte Sause, von der auch andere Gäste zunehmend eingefangen werden. Die Party ist in vollem Gange und die reguläre Öffnungsuhrzeit längst überschritten. „Was nun?!“, fragt sich der mittlerweile müde werdende Bartender. Letzte Runde: ja oder nein ist jetzt die Frage.

Zugegeben, eine Frage, die nicht unbedingt leicht zu beantworten ist. Viel zu groß und übermächtig erscheinen die Argumente auf beiden Seiten, viel zu groß ist die Angst, einen Gast zu verlieren und es sich dadurch auf ewig mit seiner Kundschaft zu verderben. Und dennoch ist dies – das zeigt auch der Meinungsspiegel jener Bartender, Barbesitzer und Barchefs, die zu dem Thema befragt wurden – eine Grundsatzdiskussion, die vor allem eine rote Linie benötigt.

David Rippen aus der SquareBar, einer Trinkstätte mit Speakeasy-Atmosphäre in Düsseldorf, ist davon überzeugt, dass „irgendwie irgendwann immer einmal Schluss sein muss. Wenn jemand beim Abrufen noch reinkommt, dann sollte dieser Gast auch noch einen Drink bekommen. Dennoch sollte man eine Linie ziehen, das ist wichtig für den Schlaf und die Gesundheit. Du kannst nicht bis morgens acht Uhr zaubern und um drei oder vier Uhr nachmittags wieder an der Bar stehen. Außerdem ist es irgendwann auch einfach nur noch rückläufig. Nach drei Uhr nachts wird nicht mehr viel Gutes passieren. Natürlich ist so etwas abhängig von der Lage und dem Credo des Hauses.“

Ähnlich sieht es Mo Kaba, der momentan in den Vorbereitungen und der Planung seiner neuen Bar Guts & Glory in Karlsruhe steckt. Er sieht die Last Order viel eher als Richtzeit für den Gast und hebt hervor, dass die Freizeit des Gastes die Arbeitszeit des Bartenders ist. Bei Speakeasy-Bars sieht er dennoch einen Unterschied. „Ich glaube, für Speakeasy-Bars, die wenige Plätze haben, ist das Thema etwas leichter zu handhaben. Hier kann man ohne Probleme die Türe hinter sich zumachen und mit den wenigen verbleibenden Gästen in den Feierabend gehen, ohne dass es den Barkeeper belastet.“ Für wichtig erachtet er vor allem die Kommunikation der letzten Runde. „Ich glaube, hier braucht man wirklich viel Fingerspitzengefühl. Wenn man das vernünftig und respektvoll sagt, dann hat man das Verständnis eines Gastes. Der Gast, der dennoch schimpft und sich beschwert, ist nicht der richtige Gast für deine Bar.“

Das bekannte Problem

Kaba spricht hier etwas an, was uns allen bekannt sein dürfte. Der mittlerweile, am Ende des Abends verbleibende, möglicherweise stark alkoholisierte – sonst würde er die Aufräumarbeiten des Bartenders ja beobachten und als freundlich gemeintes Zeichen deuten, nach der Rechnung zu fragen – Gast ist einfach nicht mehr aufnahmebereit genug, freundliche Hinweise zu erkennen. Die Angst, dass jener Gast am nächsten Tag aus seinem Unmut heraus jene Bartender oder betreffendes Etablissement bei seinen Freunden diskreditiert, herrscht häufig vor. Volker Seibert aus dem Seiberts in Köln sieht die Situation jedoch pragmatisch: „Ich habe damit noch nie Probleme gehabt. Man muss nicht die letzte Runde kommunizieren, wenn man zuvor eine gute Kommunikation geführt hat. Da gibt es dann keine Diskussion, wenn jeder Gast schon weiß, dass die Öffnungszeiten rigoros eingehalten werden. Klar probieren manche dann immer noch zu bestellen, aber nur wenn du unentschlossen bist, tanzen sie dir auf der Nase herum. Ich denke auch, dass es eine Generationsfrage ist. Jüngere Leute können mit der letzten Runde schlechter umgehen als erfahrene Connaisseure.“

Alles anders im Hotel?!

Nicht selten kursiert die Vorstellung, dass sich die Uhren im Hotel scheinbar anders drehen. Die Hotelbar symbolisiere schließlich nichts anderes als das Prestige des Hotels und sei vor allem aus Imagegründen installiert worden. Gäste kämen ja so oder so, auch wenn man einmal ungalant die letzte Runde abriefe. Die Bar würde schon irgendwie mitgetragen werden, schließlich zeige sie ja in gewisser Hinsicht auch die Macht und spiegele die finanzielle Situation des Hauses wider. Arnd Henning Heissen aus dem Curtain Club und dem Fragrances im Berliner Ritz Carlton-Hotel räumt mit diesem antiquierten Weltbild auf. „Man hat im Hotel gewisse finanzielle Ziele, die man erreichen muss. Gelingt einem dies nicht, so hat man auch hier ein Problem. Außerdem hat eine Hotelbar auch viele Gäste von außerhalb.

Um die finanziellen Ziele zu erreichen, werden diese auch benötigt, wenn wir von Wirtschaftlichkeit sprechen. Das Wichtigste in einer Bar sind vor allem Stammgäste. Viele der Hotelgäste sind gleichzeitig Wiederholungstäter, die jede Woche oder aus geschäftlichen Gründen wiederkommen. Ich verstehe gar nicht, warum alle immer denken, eine Hotelbar wäre so anders? Hier in der Hotellerie gibt es ganze Abteilungen, die sich mit dem Wohl und den Wünschen des Gastes auseinandersetzen.“

Generationenfrage?

Und doch scheint es, als sei die Meinung bei älteren Bartendern und Barbesitzern hinsichtlich des Konflikts einer Sperrstunde deutlich gefestigt und teilweise gereifter als bei der jungen Gilde am Brett. Arash Ghassemi, Bartender im Green Door und der Schwarzen Traube in Berlin, hält es eher locker und als eine Frage des Augenblicks. „Ich mache das ganz unterschiedlich. Kommt immer auf die Stimmung an. Ich würde nie auf die Idee kommen, die letzte Runde einzuläuten, wenn die Stimmung hervorragend und der Laden noch gut besucht ist. Das Schlimmste ist, wenn der Gast zu spüren bekommt, dass der Bartender den Feierabend erzwingen möchte. Es ist so ein bisschen wie das nächtliche Theaterstück. Wenn du als Regisseur gut durch den Abend führst, dann verstehen deine Gäste das auch.“

Ähnlich hält es der Münchener Lukas Motejzik. „Bei uns gibt es keinen wirklichen Last Call. Eine halbe Stunde vor Ende fangen wir damit an, die Mixstation aufzuräumen. Es gibt dann nur noch easy Longdrinks und Flaschenbier. Dafür trinken wir dann mit den letzten Gästen noch einen Schnaps. Egal, wie man die ganze Sache handhabt, Konstanz ist sehr wichtig dabei. Die Gäste müssen sich daran gewöhnen können und auch damit rechnen.“

Fazit

Die letzte Runde wird immer ein Thema bleiben, das Diskussionen hervorruft und die Streitbereitschaft so mancher Gastronomen fördert. Wie auch immer man sie handhabt, so spiegelt sie auch die enorme Vielfalt wider, der wir im Nachtleben begegnen. Ob der Last Call erst um acht Uhr morgens oder schon um zwei Uhr Nachts erfolgt, ist und bleibt die individuelle Entscheidung des Gastgebers, die er häufig auf seine Lage, seine finanzielle Situation und sein Konzept abstimmen muss.

Für die Gäste bedeutet sie – die letzte Runde – nichts anderes als eine Zäsur des Abends, ein Endpunkt in der einen, möglicherweise durch unterschiedliche Öffnungszeiten in unserem Lande aber auch ein Startpunkt in der anderen Bar. Die letzte Runde ist im Grunde nichts anderes als ein Kammerspiel zwischen Bartender und Gast. Der eine fürchtet die Reaktion des anderen. Spannend wie ein Hitchcock und doch komisch wie Molière.

Credits

Foto: Bartresen und Uhr via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Comments (3)

  • Volker Seibert

    Zur Richtigstellung: Wir machen immer eine letzte Runde , jedoch nur 1 MAL :-!

    Aufgrund der frühen Öffnungszeiten schließen wir FAST IMMER pünktlich zwischen 2- 3 Uhr .:-)

    Beste Grüße Volker Seibert / Seiberts Köln

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  • Philipp Gaux

    Lieber Volker,

    entschuldige bitte die Verkürzung des Zitats und die dadurch entstandene, etwas schwammig geratene Aussage bezüglich der Öffnungszeiten. Vielen Dank für die Richtigstellung und beste Grüße ins Seiberts.

    Philipp Gaux

    reply
  • Volker Seibert

    Alles bestens:-)

    reply

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