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Frankfurter Bars entdecken den „Industrie-Chic“

Frankfurt ist gastronomisch schon lange gut aufgestellt. Jetzt entdeckt die Stadt am Main den Industrie-Chic und eine neue Gastlichkeit. Eine willkommene Ergänzung zu den High-End Bars in der Bankenmetropole.
„Man hat das Gefühl die Menschen wollen wieder zurück zu etwas Ehrlichen und Erlebbaren.“ Mit diesen Worten beschreibt Christian Langosch den derzeitigen Bruch, der sich durch Frankfurts Gastronomie zieht. Wo bis vor Kurzem nur wenig zu finden war, das die Nische zwischen Apfelweinstube und High-End Bar besetzte, haben in den letzten Monaten einige Konzepte eröffnet die durch gute Produkte und netten Service, eingebettet in den Charme des modernen „Industrial Design“, diese Lücke füllen.
Gewolltes Chaos als Konzept
Dabei haben diese Konzepte, als Beispiele seien das Naïv, das Langosch, die Bar ohne Namen oder auch das Vai Vai genannt, eine gewisse Ähnlichkeit und strahlen durch die Einrichtung aus Holz, Metall und Sichtbeton eine eigene Wärme aus. Was viele als Industrial Design bezeichnen, ist oftmals gewolltes Chaos und nicht selten wird der Stil als „Berliner Stil“ bezeichnet.  Christian Langosch, einer der Inhaber des Langosch am Main und außerdem beteiligt am Tafelspitz und Söhne sowie dem Restaurant Fleischeslust in Offenbach, kann sich aber nicht mit dem Begriff anfreunden. „In Berlin findet man oftmals wirklich Einrichtungen, die vom Sperrmüll zusammengesucht wirken. Das gilt dann als schick. Unsere Einrichtung ist äußerst wertig und gepflegt.“ Hierin liegt in seinen Augen ein entscheidender Unterschied. So ist zum Beispiel das Barbrett im Langosch aus einem verbrannten Dachstuhl gefertigt. Das Mobiliar besteht zum größten Teil aus Holz, auf den mit Tafelfarbe bemalten Wänden findet man mit Kreide die aktuellen Angebote und eine kleine Cocktailkarte.
Eine sich ergänzende Nachbarschaft
„Wir wissen wie verwöhnt das Frankfurter Publikum in Sachen Cocktails ist, daher versuchen wir immer etwas Spezielles anzubieten“, beginnt Langosch die Erklärung zum Konzept. Man kredenzt frisches Essen von hoher Qualität, hat sowohl vegetarische als auch vegane Gerichte im Angebot, serviert aber auch Hausmannskost und Klassiker und zieht so ein frisches und junges Publikum an und schafft eine familiäre Atmosphäre.
Bei einem Besuch im Langosch erkannte man schnell, was das Publikum hier schätzt. Sowohl Craft Beer als auch Cocktails finden zu späterer Stunde ihre Liebhaber und am Wochenende sorgt ein DJ für die passende Stimmung. Seit knapp einem Jahr ist das Langosch nun geöffnet, und mit der Resonanz der ersten zwölf Monate sind die Betreiber durchaus zufrieden. „Diese etwas andere Art von Gastronomie wird toll angenommen, man scheint zu spüren, dass wir es ernst meinen. Zudem haben wir zwei Bars in der Nachbarschaft, die ähnlich denken wie wir. Die Konzepte befruchten sich gegenseitig auf tolle Art und Weise“, schließt Christian Langosch sein Resümee.
Eigene Möbel, eigenes Bier
Begibt man sich in eben jene Nachbarschaft, muss man nur über die Straße gehen und steht vor dem Naïv. „Wir sind eine Bar, servieren aber keine Cocktails, sondern wollen unsere Gäste mit Longdrinks und Bier überzeugen.“ Vor allem mit Bier. Zwei eigene Sorten werden angeboten. Ein Landbier und ein Kellerbier, die beide in Kooperation mit einer kleinen Brauerei in Fulda produziert werden. Außerdem findet der Gast ein paar lokale Biere und Craft Beer vor. Christian Daam, einer der Betreiber stellt heraus: „Wir haben Spaß an Bier und wollen diesen auf unsere Gäste übertragen. Wir haben das Glück, eine Location ohne Brauereibindung gefunden zu haben und können uns diesbezüglich voll austoben.“
Kein Möbelstück im Naïv ist gekauft, sondern alles selbst gefertigt. Allein die Rückseite der Bar besteht aus 7500 einzelnen Holzblöcken während der Tresen aus Beton gegossen ist. Tische und Stühle kommen bei den Gästen so gut an, dass es schon Bestellungen gab und die Besitzer der Bar die Möbelstücke gern auch auf Nachfrage noch einmal bauen. Das aus alten Bierfässern gefertigte Waschbecken vor den Toiletten zeigt dann, wie weit das Thema Bier sich in den Köpfen der Verantwortlichen festgesetzt hat. Zusätzlich will man seine Gäste für die vielfältige Welt des Bieres begeistern, indem man Tastings mit begleitendem Menü anbietet und dazu verschiedene Brauer einlädt.
„Allgemein bemerkt man gerade viel Bewegung in der Frankfurter Gastronomie“, konstatiert Daam. „Auch die großen und eingesessenen Gastronomen schauen sich nach neuen Objekten um und wollen neue Dinge ausprobieren.“ Ein Trend den Daam in einem neuen Verständnis unter den Gästen begründet sieht: „Viele suchen derzeit eine warme und herzliche Atmosphäre in der sie ehrliches Essen und ehrliche Getränke bekommen, abseits des manchmal etwas abgehobenen und aalglatten Service der High-End-Gastronomie.“
Die Hotelbar als Vorbild
Eine andere Bar, die sich in Bartenderkreisen bereits einen Namen gemacht hat und die bestens in die hier aufgeführten Beispiele passt, ist die Bristol Bar.
Während man hier bis vor drei Jahren noch in einer dunklen Hotelbar saß, die in Punkto Design dem so typischen Frankfurter Chic folgte und nur wenig Wärme aufkommen ließ, hat Branimir Hrkac, der im Bristol Hotel bereits seine Ausbildung machte, die Bar komplett umgekrempelt und aus einem sehr glatten und leicht unterkühlten Ort eine Bar gemacht, die durchaus als zweites Wohnzimmer taugt.
Zwischen holzvertäfelter Wand und Schaukelstuhl serviert man hervorragende Drinks, Burger und die vielleicht besten Spareribs der Stadt. Ganz nebenbei bekommen junge Künstler die Möglichkeit, sich zu präsentieren und möchte die Bar möchte vor allem eines: Hervorragende Qualität zu fairen Preisen servieren und den Gästen ein Gefühl von privater Atmosphäre vermitteln.
„Das schwierigste ist es, den Menschen klar zu machen, dass sich der Weg aus der Innenstadt in die Bahnhofsgegend lohnt.“ So beschreibt Barbetreiber Branimir Hrkac die Herausforderung. Natürlich ist die Bahnhofsgegend auch in Frankfurts Innenstadt, aber generell spielt sich das meiste Barleben in der Nähe der Fressgass ab und für viele bedeutet die Fahrt in die Bristol Bar eine halbe Weltreise. „Deswegen ist es ein tolles Kompliment für uns, dass mittlerweile jeden Abend so viele Gäste den Weg auf sich nehmen und zu uns in die Bristol Bar kommen.“
Nicht zuletzt aus diesen Gründen führt Christian Langosch die Bristol Bar als eine der Inspirationen an für sein eigenes Konzept. „Hier hat jemand, der aus der gehobenen Bargastronomie kommt, sein Herz in die Hand genommen. Das sieht und das spürt man, und das inspiriert andere.“


Kein Name aber überall bekannt
Wenn man über junge und frische Frankfurter Gastronomie spricht, darf man eine Bar nicht vergessen. Die Bar ohne Namen am Eschenheimer Tor. Sollte man sich als Tourist an einem Sommerwochenende durch Zufall hierher begeben, könnte man im ersten Augenblick an eine Demonstration denken. 200 bis 300 Menschen stehen auf dem Bürgersteig und sitzen auf Blumenkästen, während der Durst aus einer winzig erscheinenden Bar gelöscht wird. Die Bar war ursprünglich eine kleine Dönerbude in der vorbeigehende ihren Hunger stillten. Seit 2010 ist es hier nun die Bar ohne Namen die ab 11 Uhr morgens die Frankfurter mit Kaffee fit macht und ihnen bis tief in die Nacht Drinks und Kleinigkeiten serviert. Man darf die Bar ohne Namen getrost als einen der Ausgangspunkte der neuen Frankfurter Gastroszene sehen. Warum dieses Konzept so unheimlich gut angenommen wird, erklärt man dabei am besten mit den Worten von Barchef Boris Bouzenna: „Wir sind hier eine Familie und dieses Gefühl strahlen wir aus. Diesen Kontrast zum Büro schätzen und suchen viele einfach. Ehrlichkeit und eine gewisse Leichtigkeit in dem was wir machen. Das ist was wir wollen, und scheinbar auch das, was viele Frankfurter mögen.“
Und auch wenn Frankfurt natürlich noch immer die Stadt der Banken ist, und es sicherlich auch noch immer Bedarf für weitere High-End Bars gibt, es tut gut zu sehen, dass die Gastronomie lebendig bleibt und sich bewegt. Veränderungen dieser Form sind stets ein gutes Zeichen und sollten wohlwollend aufgenommen werden. Der rege Zuspruch den diese Konzepte erfahren, ist eine schöne Bestätigung für den Mut etwas Neues zu probieren.

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