TOP

Wenn Frauen und Männer das gleiche trinken, sollten sie auch vom selben sprechen

Es gibt Männergetränke und es gibt Frauengetränke – aber nicht, weil sich die Geschmacksvorlieben von Frauen und Männern so sehr voneinander unterscheiden würden. Sondern weil es sich um Vorurteile handelt, die historisch und kulturell gewachsen sind. Eine Betrachtung von Eva Biringer.

Zeit für ein Experiment. Eine Frau und ein Mann betreten eine Bar. Er hält die Tür auf, rückt ihren Stuhl zurecht. Sie trägt ein elegantes Kleid und hohe Schuhe. Ohne einen Blick in die Karte zu werfen, bestellt der Mann einen Whiskey Sour und einen Strawberry Daiquiri. Vor wen wird der Service wohl welchen Drink stellen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit den Sour vor den Mann, den Daiquiri vor die Frau. Liegt es daran, dass die beiden bis hierher ihre Geschlechterrollen so brav erfüllt haben? Ist die Frau nicht sogar ein wenig mit schuld, schließlich hätte sie für sich selbst bestellen können? Oder eine Hose tragen?

Im Kern noch Mammutjäger

Wir sind ja alle so wahnsinnig aware. Fordern eine Frauenquote in Aufsichtsräten und mehr weibliche Studierende im Fach Informatik. Gendern ist Pflicht, auch wenn Texte dadurch aussehen wie Sternenhimmel. Beim Thema Geschmack gelten jedoch andere Regeln. Das fängt beim Essen an. Das eingangs erwähnte Experiment lässt sich problemlos auf Restaurants übertragen. Garantiert steht der Salat vor der Dame und das Steak vor dem Herrn. Das passt eigentlich nicht in eine Zeit, in der die in der Speisekarte aufgelisteten Preise für beide Partien ersichtlich sind (echt wahr: Früher fehlten sie in den sogenannten Damenkarten, weil klar war: Er zahlt).

Und doch wird Frauen pauschal unterstellt, auf ihre Figur und Gesundheit zu achten, während der Mann, im Kern ja noch immer Mammutjäger, seinen Energiebedarf mit einem blutigen Stück Tier decken muss. Gibt es Frauen, die ihr T-Bone-Steak rare bestellen? Natürlich. Genau wie es hafermilchtrinkende Männer gibt. Und doch halten sich solche Geschmacksstereotype ähnlich hartnäckig wie Rotweinflecke auf weißen Blusen.

Hefeweizen vs. Maracujaprosecco

Schmecken Frauen anders als Männer? Zunächst einmal schmecken sie besser. Auch sind sie erwiesenermaßen aufgeschlossener für Neues. Abgesehen davon zeigen sich zwischen den Geschlechtern keine nennenswerten Unterschiede in der Wahrnehmung von süßen, salzigen oder bitteren Aromen. Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Mintel zufolge finden sowohl knapp die Hälfte aller Männer als auch 41 Prozent aller Frauen vor allem bittere Getränke gut, Bier zum Beispiel. Viel eher gilt, dass Geschmack ebenso sozial konstruiert ist wie Geschlecht als solches.

Mitverantwortlich ist die Industrie. Produkte wie Ramazzotti Rosato, Strawberry Baileys oder der vegane Unicorn Tears Gin Liquor senden eindeutige Signale. Ebenso der bei Lidl zu erwerbende Bierflaschenträger mit der Aufschrift „Herrenhandtasche“ oder der Eisminzlikör Männergrippe. Geschichtsinteressierten sei das Standardwerk „Was ein wahres Mannsbild saufen mag. Die besten Getränke nach Altväter Sitte für echte Männer“ ans Herz gelegt, da stehen dann auch die Rezepte für Feuerland Punsch und Absinth Kamikaze drin.

Den Rest besorgen Rituale. Jungs leeren beim DFB-Finale Hefeweizen, Mädels kichern sich mit Maracujaprosecco durch Germany’s Next Top Model. Am Vatertag zieht die Männerclique Schnapsbollerwagen durch die Landschaft, beim Junggesellinnenabschied knallen die Piccolokörkchen. Wer in der Eckkneipe ein Herrengedeck bestellt, bekommt Bier und Korn. Ein Damengedeck hingegen bestand ursprünglich mal aus einem Piccolo und Orangensaft, später aus Sekt und Eierlikör oder einem Stück Schwarzwälder Kirsch mit Amarettokaffee. Günter Windhorst von der gleichnamigen Berliner Bar versteht darunter Leitungswasser, eine Schachtel Zigaretten und einen Cosmopolitan.

Alkohol als Gradmesser für Emanzipation

Fairerweise lassen sich beim Thema Alkohol und Geschlechtsunterschiede biologische Gründe anführen. Frauen vertragen ihn weniger gut. Die WHO empfiehlt für sie pro Tag maximal ein Achtel Wein oder ein kleines Bier, für Männer das Doppelte. Da ergibt es Sinn, dass dieses eine kleine Bier weniger Volumenprozent hat, und der Cocktail der Wahl ein Aperol Spritz ist, kein Boulevardier. Trotzdem schlagen Frauen nicht weniger gern über die Stränge, genau genommen sogar mehr. Während der Pro-Kopf-Konsum bei Männern rückläufig ist, trinken Frauen im Durchschnitt mehr als vor zehn Jahren. Das hat auch feministische Gründe. Professor Jürgen Rehm, der an der TU Dresden über Alkohol forscht, sagt: „Es besteht ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem Grad an Emanzipation in einem Land und dem Anteil an Alkohol, den Frauen dort konsumieren.“

Mitte des vergangenen Jahrhunderts war Rauchen für Frauen salonfähig geworden – eine Werbekampagne aus dieser Zeit zeigt eine Superwoman und den Slogan Women are biologically superiour to men – als nächstes war Alkohol dran. Dahinter steckten knallharte wirtschaftliche Interessen: Je größer die Zielgruppe, desto mehr Umsatz. Was tranken Frauen damals? Als erstes kommen einem vielleicht Diven wie Marlene Dietrich und ihre Schwäche für Old Fashioned in den Sinn, oder die Tequilagöttin Frida Kahlo.

Oder Dorothy Parker und ihr herrliches Geständnis “I like to have a Martini, two at the very most. After three I’m under the table, after four I’m under the host.” In Wahrheit jedoch waren viele Frauen auf die Hausfrauenrolle reduziert, demnach wurde auch in den eigenen vier Wänden getrunken. Zum Beispiel das sogenannte Frauengold, ein stimmungsaufhellendes Herz-Kreislauf-Tonikum mit 16,5 % Alkohol. Oder Zaren-Kaffee, einen in einer Kaffeekanne gelieferten Likör, den „überlastete und erschöpfte“ Damen sich heimlich gönnen konnten und der damit angepriesen wurde, nicht dick zu machen. Rund zwanzig Jahre später wirbt ein blondes Föhnfrisurgirl mit dem Satz: „Ich trinke Jägermeister, weil mir der Tanztee noch so schwer im Magen liegt.“ Wahrscheinlich hätte sich diese Tänzerin aber eher einen Asti oder Martini-Sprite ausgeben lassen – schnapstrinkende Frauen waren damals nämlich genauso verpönt wie heute.

Wenn Frauen und Männer trinken, tragen Medien zu Vorurteilen bei

Männer trinken anders als Frauen – dazu, dass sich dieses Vorurteil so hartnäckig hält, tragen auch die Medien bei. Wenn Mad-Men-Charakter Don Draper einen harten Tag hatte, genehmigt er sich einen Canadian Club, seine Frau Betty hingegen einen Wodka Gimlet oder Tom Collins. Ihre Nachfolgerin Megan bevorzugt Mai Tais. Wenn Carrie Bradshaw in Sex & the City nicht gerade Starbuckskaffee trinkt, dann einen Cosmopolitan, Mr. Big hingegen Scotch (im wahren Leben hält Chris Noth übrigens Anteile an einer Tequilabrennerei). Selbst die Weinwelt ist zweigeteilt: Auf der einen Seite die britische Weinkritikerin Jancis Robinson mit ihrer Vorliebe für klassische, filigrane Weine, auf der anderen Seite Robert Parker, dessen gleichnamiges Punktesystem einen wuchtigen, hochprozentigen Stil salonfähig gemacht hat.

Es gibt Männergetränke und es gibt Frauengetränke, und zwar nicht, weil sich deren Geschmack so sehr unterscheidet, sondern weil diese Vorurteile historisch und kulturell gewachsen sind. So wie beim Eierlikör. Der hat einen Stammplatz in Tante Ernas Schnapsschrank und schmeckt ausschließlich dem weiblichen Teil der Verwandtschaft, besonders aus diesen essbaren Waffelbechern, oder?

Sebastian Tigges verneint. Gemeinsam mit Christopher Leidinger und Philipp Nagel vertreibt er den Premiumeierlikör Rübbelberg. „Etwa 65 Prozent der Besucher unseres Onlineshops sind Frauen, im direkten Verkauf sogar noch ein wenig mehr“, erklärt der Wahlberliner am Telefon. „Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass unser Produkt vielen Männern nach anfänglichem Zögern – im Sinn von „das ist doch ein Frauengetränk“ – doch sehr gut schmeckt. Das deckt sich mit den offiziellen Zahlen. Zwar sind die Käufer größtenteils Frauen, getrunken wird Eierlikör aber mindestens genauso viel von Männern.“

Der ewige Tumbler

Geschmack ist hochindividuell und auch von wissenschaftlicher Seite aus nicht eindeutig erklärbar. Wer sein Lieblingsgetränk gefunden hat, soll es trinken. Trotzdem lohnt es sich, mal über den Champagnerflötenrand zu schauen. Als Frau mit großer Selbstverständlichkeit einen Talisker on the Rocks zu bestellen oder als Mann eine Pińa Colada. Oder mal das Glas zu wechseln. Das empfiehlt Paul Sieferle vom Mannheimer Sieferle & Koe.

Abgesehen davon, dass bei ihm auffallend viele Frauen Bitteres wie Negroni und kräftige Cocktails mit Kräuterdestillaten bestellen, hat er die Erfahrung gemacht, dass liebliche, in der Coupette servierte Drinks bei Männern oft auf wenig Gegenliebe stoßen. Kommt derselbe (!) Drink im Tumbler, schmeckt er dann auf einmal. Scheint so, als ob wir viel öfter ein anderes Experiment durchführen sollten: Blindverkostungen.

Credits

Foto: Editienne

Comments (4)

  • Johannes

    Super Artikel! Kein Pseudo Feminismus, sondern konstruktive Kritik auf Augenhöhe. Gerne mehr davon 👍

    reply
  • Robert Schröter

    Schöner runder Artikel!
    Mein persönlicher Favorit: der „Sternenhimmel“ unserer aktuellen deutschen Literatur.

    Eine Lanze möchte ich hier allerdings für den Cosmopolitan brechen. Denn ich bin mir nicht sicher, ob er in Deinen Augen in der „süß und saftig“-Kategorie steckt. Denn das ursprüngliche (Prä-Sex-and-the-City-) Rezept ist ein herzhafter Hochprozenter. Wie ihn auch Günter Windhorst reicht, bin ich sicher.
    Erst mit dem Millionenpublikum von Sex and the City wurde er von vielen jungen Menschen süßer und saftiger gewünscht, als er meiner Meinung nach auch von Carrie Bradshaw und Samatha Jones getrunken wurde. Und damit zu einem weiteren Beispiel wurde, wie unsere Kultur unsere Getränke(wahl) verändert!

    reply
  • eine Dame

    Der Schreiberling hat aber auch keine Ahnung, sonst wüsste er, dass man Talisker nicht on the rocks bestellt!

    reply
    • Mixology

      Verehrte Dame,

      ich denke, die Beantwortung der Frage, in welcher Form auch immer man einen Talisker bestellt, sollte im Jahre 2020 einer einzigen Person überlassen werden: der Person, die den Talisker trinkt.

      Liebe Grüße
      // Nils Wrage

      reply

Kommentieren