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FÜNF! Bücher für die Homebar

Zahllose grandiose Spirituosen, japanischer Shaker, geschliffenes Rührglas und feingezwirbelter Barlöffel. Aber wie sieht es mit den richtigen Büchern aus?Zeit, sich einmal zu überlegen, welche konzeptionelle Grundlage man der heimischen Bar eigentlich geben möchte. Diese FÜNF! Barbücher dürften fast alle wichtigen Felder abdecken.

Der lesende Bartender ist vielleicht das zentrale Symbol, wenn es darum geht, zu zeigen, dass der Bar-Beruf eben genau das ist — ein Beruf. Der lesende Bartender vollzieht die Abkehr vom „Tankwart“ zum Gastgeber, zum Mixologen, zum ernsthaften Handwerk. Der lesende Bartender zeigt uns, dass das Handwerk in Form wirklicher Fachliteratur hinausgeht über austauschbare, bunt bebilderte Mixbücher, die für wenig Geld zu haben sind. Zwar mag man einwenden, dass es schon seit Jahrzehnten, seit über eineinhalb Jahrhunderten „wirkliche“ Barbücher gegeben hat. Allein: ihre weltweite Verfügbarkeit gibt es in der heutigen Form erst seit wenigen Jahren.

Ein weiteres Phänomen der letzten Jahre ist — neben dem Erstarken der professionellen Barkultur — auch das in die Höhe geschossene Interesse geneigter Gäste und Laien daran, in den eigenen vier Wänden selbst Shaker und Löffel zu schwingen. Doch dafür braucht es nicht nur guten Schnaps und die richtigen Tools, sondern gleichwohl hochwertigen Input, damit das flüssige Resultat keine Enttäuschung ist. Vielleicht suchen Sie auch einfach nach geistiger Urlaubslektüre? Wie liefern FÜNF! Vorschläge.

1) Jerry Thomas: Bartenders Guide — How To Mix Drinks, Or The Bon-Vivant’s Companion (1862)

Die Wiederentdeckung und Revitalisierung dieses „ersten“ wirklichen Fachbuches für die Bar kann gelesen werden als Synonym der global neu belebten Barkultur. Denn das Werk von Jerry „The Professor“ Thomas, der durch sein berufliches Wirken in verschiedenen Städten der USA erheblich zur damaligen Professionalisierung des Berufs beitrug, ist das älteste verfügbare Werk, das so etwas wie eine Systematik der Bar preisgibt.

Gemischt wurde 1862 in den Vereinigten Staaten und an vielen anderen Ecken der Welt schon lange, und das mit Herzenslust. Thomas jedoch gelang der Schritt, die damals gängigen Getränke einem strukturierenden Prinzip zu unterwerfen und Standards für Rezepturen und Zubereitungen vorzuschlagen. Zudem stellt sein Buch heute die älteste nachweisbare Erwähnung zahlloser Drinks dar. Lange war das Werk nur antiquarisch erhältlich, seit einigen Jahren liegt jedoch ein anschaulicher Faksimile-Druck vor, der für wenig Geld erstanden werden kann. Ein Vergnügen. Und eine Pflicht für jede gute Heimbar!

ISBN: 978-1440453267; ca. 13 € via Amazon

2)  David A. Embury: The Fine Art Of Mixing Drinks (1948)

David Embury war eigentlich erfolgreicher Rechtsanwalt in einer großen New Yorker Kanzlei direkt an der mondänen Park Avenue. Es verwundert daher nicht, das der begüterte Herr sich den einen oder anderen Drink in den vornehmen Hotelbars Manhattans gegönnt haben mag. Umso schöner scheint es indes, dass David Embury den Beruf des Bartenders und das Wesen der Bar zutiefst verstanden und geschätzt zu haben scheint — sonst wäre ihm sein Buch nicht so gut gelungen.

Neben seiner eleganten, unterhaltsamen Erzählweise ist es vor allem der Umstand, dass Embury sich jenseits der eigentlichen Drinks auch solchen Dingen wie grundlegenden Arbeitstechniken, Gläsern und Zitrusfrüchten widmet. Daneben nimmt er als einer der ersten eine Bestimmung sogenannter „Basic Cocktails“ vor, von denen sich die meisten anderen damaligen Drinks ableiten ließen. Auch die Verbreitung der gängigen dreiteiligen Cocktail-Formel von Basis, „Modifier“ und „Flavouring Agent“ fand im Zuge des großen Erfolges von Emburys Buch weite Verbreitung in den Bars der Zeit. Einzig sein bevorzugtes Sour-Verhältnis von 8/2/1 (Spirituose/Säure/Süße) mag auf viele heutige Gaumen doch sehr „wohlmeinend“ wirken. Dennoch eines der schönsten Barbücher, die heute existieren.

ISBN: 978-1603111645; ab ca. 40 € via Amazon

3) Charles Schumann: American Bar — The Artistry Of Mixing Drinks (1991/2011)

1991 war das Jahr, in dem Charles Schumann der deutschsprachigen Barwelt jenes Buch schenkte, das bis heute für fast alle — auch den derzeitigen Nachwuchs — noch den Standard darstellt. Sein „American Bar“ wird nicht zu Unrecht vielerorts als „Die Bibel“ apostrophiert. In den frühen 1990er Jahren, als der Begriff Cocktail allmählich auch bei uns gebräuchlich wurde, aber vor allem alkoholische Saftschüsseln meinte, kam mit Schumanns Buch das Lehrwerk, das der große Charles selbst bis dahin so schmerzlich vermisst hatte.

Denn das Buch erhält seine Wirkung nicht durch seinen Rezept-Teil, sondern durch zweierlei anderes: die, in enger Zusammenarbeit mit Stefan Gabányi entstandene, detaillierte Warenkunde sowie Schumanns lakonischer, leichter, aber dennoch jederzeit ernsthafter Stil, der eine für damalige deutsche Verständnisse revolutionäre Erkenntnis proklamierte: Bartending ist zwar Spaß, vor allem aber ein Beruf.

Mochte doch der einfache Bargast denken, dass jeder nebenjobbende Student Drinks mixen kann — Charles Schumann lieferte indes den Nukleus und Impuls für eine Neudefinition im Selbstverständnis des Berufs und legte damit vielleicht den allerersten Grundstein für das, was die heutige Barkultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist. Leider ist das Original seit Jahren nur noch gebraucht erhältlich. Die überarbeitete (und nicht überall wohlwollend aufgenommene) Neuauflage von 2011 gibt es im regulären Buchhandel oder online.

ISBN: 3-89910-006-9; 35 €

4) Dave Arnold: Liquid Intelligence — How To Think About Drinks (2014)

Das Booker & Dax in New York ist gleichzeitig Kompetenzzentrum und eine jener modernen Bars, die sich auch als Labor begreifen. Geführt wird sie von Dave Arnold, der mit seinem jüngst erschienenen Buch „Liquid Intelligence“ an der vordersten Front derer steht, die versuchen, die Bar als eigenes System mit seinen spezifischen Funktionsweisen sichtbar zu machen, zu beschreiben, zu hinterfragen und weiter zu entwickeln.

In „Liquid Intelligence“ schreibt Arnold umfassend über all jene großen alten und neuen Themen der Bar: angefangen bei klassischen Rezepturen über den Ansatz eigener Infusionen, Eiswürfelbereitung als eigene Disziplin, Karbonisierungstechniken, bis hin zu umfassenden Darstellungen avantgardistischer Arbeitsfelder und -geräte wie etwa dem Rotationsverdampfer. Der Autor durchleuchtet die zeitgenössische Bar mit professionellem, aber verständlichem Gestus. Übrigens: auch der Einrichtung der Homebar widmet Arnold einen eigenen Abschnitt.

ISBN: 978-0393089035, 26,95 € via Amazon

5) Jacob Grier: Cocktails On Tap — The Art Of Mixing Spirits And Beer (2015)

„Cocktails on Tap“ bringt zwei Felder zusammen, die in den letzten Jahren eine explosionsartige Entwicklung durchlaufen haben: die Bar und Craft Beer. Warum einen Gin Fizz mit Soda auffüllen, wenn ein gutes Bier noch zusätzliches Aroma bringen kann?

In seinem Buch widmet sich Jacob Grier nicht nur den Grundlagen in Bezug auf Bier und Brautraditionen, er rollt auch das Feld der Biermischgetränke in ausgiebigster Form auf. Angefangen bei klassischen Bierdrinks wie dem Shandy, bereitet der Autor auch das zeitgemäße Mixen mit Bier, sowohl als Basis sowie als eigenständige Cocktailzutat, in fundierter Weise auf. Wer immer dachte, Bier sei die schnöde Alternative zum Cocktail, wird von Grier eines Besseren belehrt.

Dabei richtet sich der Autor an einen großen Kreis von Lesern: „Cocktails on Tap“ spricht Bierliebhaber, Cocktailkenner und professionelle, an dieser vernachlässigten Materie interessierte Bartender gleichermaßen an. Ein weiterer Pluspunkt für den Band ist die liebevolle Ausstattung mit einem stimmigen Farbkonzept und unzähligen herausragenden Fotografien der Drinks. Hier kommen Tradition und Moderne in anschaulicher, zugänglicher und vor allem delikater Weise zusammen.

ISBN: 978-1617691423; ca. 24 € via Amazon

 

Offenlegung: In diesem Artikel werden Amazon-Partnerlinks verwendet.

Credits

Foto: Bücher & Bar via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Comments (4)

  • Alex

    Gute Bücher – und zusätzlich empfehle ich „Cocktailkunst – die Zukunft der Bar“: umfassend, mit neuen Techniken – sehr inspirierend und mit guten Bildern und Mindmaps die helfen, Warenkunde usw. zu verstehen.

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  • Armin Zimmermann

    Viele der historischen Bar-Bücher sind mittlerweile im Internet einsehbar. Ich habe eine Bibliographie der im Internet einsehbaren Büchern aus den Jahren von 1827 – 1941 erstellt. Die Einleitung und Teil 2 (Literatur zwischen 1827 und 1881) ist bereits erschienen, die restlichen Teile folgen in Kürze. Darunter findet sich natürlich auch ein Verweis auf Jerry Thomas‘ Bartenders‘ Guide von 1862: http://bar-vademecum.de/literatur-2/
    Cheerio!
    Armin

    reply
  • Matthias

    Also mir fehlt hier ganz definitiv Jeffrey Morgenthalers Barbook, für mich eines der besten Bücher rund um Cocktails der letzten 10 Jahre und durch seinen Schwerpunkt auf Methodik wirklich extrem praktisch für die Homebar.

    Jerry Thomas dagegen ist etwas, das zwar ganz interessant ist, aber direkt FÜR die Homebar, wenig bringt

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    • Redaktion

      Lieber Matthias,

      Du hast mit Deiner Aussage über Jeffreys Buch natürlich vollkommen Recht: ein toller Beitrag. Tatsächlich haben wir lange überlegt, welche fünf Werke wir in der Liste versammeln sollen. Die nun präsentierte Auswahl versteht sich daher vor allem als ebensolche – als Aus-Wahl. Und die kann niemals erschöpfend sein!
      Sie kam, so wie sie vorliegt, zustande unter dem Gedanken, fünf möglichst unterschiedliche Werke verschiedener Provenienz und aus verschiedenen Epochen zu versammeln. Dies vielleicht als Begründung.
      Dennoch sind natürlich Einwände und Anregungen wie die Deine immer schön und jederzeit willkommen.

      Herzliche Grüße aus der Redaktion // Nils Wrage

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