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FÜNF! Platten zum Trinken

Es gibt sie ab und an, diese Tage. Tage, an denen man sich einfach ein Gläschen gönnen muss. Oder zwei. Oder Drei. Manchmal muss es auch noch eins mehr sein. Ob Bartender oder nicht: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink!“. Etwas so kluges kann nur Woody Allen von sich geben. Wie sieht es aber mit der Beschallung zum ernsthaften Trinken aus? Unsere FÜNF! liebsten Platten, um gepflegt einen über den Durst zu nehmen.
Verstehen Sie uns nicht falsch. Es soll hier mitnichten um Ballermucke für den Großraumclub gehen. Sondern um Musik zum Trinken. Ganz gleich, ob allein oder in Gesellschaft: manchmal muss der Glimmer herbeigeführt werden. Ob nun zur Kontemplation, aus Trauer oder aus reiner Langeweile. Musik, die den Rausch entweder unterstützt oder einem das Gefühl verleiht, ihn wenigstens mit Schöngeistigkeit zu flankieren.
Es ist auch unerheblich, was Sie trinken. Hauptsache, Sie nehmen sich einmal diese paar Perlen zur Hand, schalten den Plattenteller ein und machen sich den Drink, nach dem Ihnen nunmal gerade ist.
1)  Oasis – Definitely Maybe (1994)
Starten wir mit dem Krawallkollegen in unserer Liste. Ein Paukenschlag ins Gesicht von Grunge, der da Mitte der 90er Jahre aus Manchester kam. Getränkt mit jeder Menge Arbeiterstolz, Dreck, Schweiß, Virilität und Fusel. Aufgebrachtes Gekläffe junger Männer, die sowieso jeden verachtenswert finden, der nicht aus ihrem Viertel kommt. Darauf das nächste Pint im damals noch heruntergekommen ManCity-Stadion.
Und noch eins! Da muss man einfach mitmachen, auch wenn Blur immer wesentlich smarter waren. Bis alles schließlich kulminiert zu einer Zeile, die in unseren heutigen Hype-Tagen nicht zeitgemäßer formuliert werden könnte: „I’m feeling supersonic, give me Gin and Tonic!“
2)  Tom Waits – Closing Time (1973)
Es gab eine Zeit, da hatte Tom Waits noch nicht diese unglaubliche Stimme, die er heute hat. Dieses whiskeygetränkte, praktisch stimmlose Knistern, Knacken und Brummeln, für das er letztendlich berühmt geworden ist. Es gab eine Zeit davor, aber seine Stimme war nicht weniger berührend. Auf seinem Debütalbum ist es eher noch ein wehleidiges Krächzen, teilweise entrückend hoch und klar, aber dennoch schon gezeichnet von einem jungen Leben, in dem das meiste schiefgelaufen war. Unsterblich wurde Waits durch andere Alben, keine Frage.
Aber es ist Closing Time, auf dem sich in entwaffnend unkitschiger Weise das komplette Universum an Zweifeln artikuliert und auf dem sich mehr Suff, Sex, Verkanntheit und enttäuschte Liebe finden, als in den ganzen Karrieren anderer Musiker. Danken wir dem Himmel, dass Waits seit den Achtzigern trocken ist, sonst wäre wohl vieles ungesagt geblieben. Aber danken wir dem Himmel ebenso, dass er 1973 noch schwer gesoffen hat. Sonst gäbe es jetzt nicht diese Platte, wie gemacht als Begleiterin für einen Abend voller Brown Ales.
3)  Miles Davis – Bitches Brew (1969/1970)
Nein, diese Platte steht hier nicht nur wegen ihres Namens. Obwohl der schon ausreichen würde, so cool ist er bis heute. Aber diese Platte ist auch ein durstiges Monstrum. Aufgenommen an drei durchwachten Tagen, hat sie nichts von ihrer Aktualität verloren. Geballter Eklektizismus, Rastlosigkeit und die Suche nach Eingängigkeit gehen hier unverhohlen Hand in Hand.
Und durch alles hindurch schimmert eine löchrige Dunkelheit, leuchten kalt die Selbstzweifel, die einen dazu verleiten, zu dieser Musik die Nerven verlieren zu wollen. Hirn kurz abzuschalten, leicht gemacht. In einem solchem Meer aus Wildheit und fein ausziselierter Rohheit geht man unter ohne einen Drink. Unsere Empfehlung dazu: Licht ganz runterdrehen und dann ein Herrengedeck aus Manhattan und einem sehr, sehr großen Stout. Aber nicht nur eins.
4)  Bon Iver – For Emma, Forever Ago
Die Platte für jeden unglücklich Liebeskranken. Als Justin Vernon sich 2007, krank vor Liebe und körperlich schwer angeschlagen in eine Waldhütte zurückzog, hatte er neben Unmengen Bier und einer Gitarre wenig dabei. Beides zusammen hat ihn geheilt und als Dankeschön dafür hat Vernon der Welt For Emma, Forever Ago geschenkt.
Eine einzige, dahinflutende Elegie, zart und zerbrechlich wie die ersten Sonnenstrahlen eines Wintermorgens. Gesungen und gespielt von einem schwindelig Betrunkenen, der sein brüchiges Falsett erhebt, um sich vom ganzen Universum loszusagen. Gerade in all der Verschwommenheit, Verstimmung und dem Nebel liegt der vielleicht präziseste Ausdruck des schwerstbesoffenen Trauernden. Ein Fall für Ihren besten Rye! Geht auch, wenn Sie gerade keinen Liebeskummer leiden.
5) Bright Eyes – I’m Wide Awake, It’s Morning
Zugegeben, dieses Album ist eine Herzensangelegenheit des Autors, der es wahrscheinlich in jeder Liste unterbringen könnte. Aber wo soll man mit solch einer Platte sonst hin, wenn nicht in diese Aufzählung? Ein Album, das derart vor Suff trieft, dass man tatsächlich vor Beginn des ersten Songs hört, wie Conor Oberst beim Reden Rotwein schlürft! Auf keiner anderen jüngeren Platte zeigen sich in solchem Maße Zweifel, Fremdheit und gleichzeitige Gefangenheit des Individuums in einer Umwelt, die nur feindlich wahrgenommen wird.
Und das alles erzählt, geschluchzt, gewimmert und gebellt von einem damals gerade 24-Jährigen, der mit seiner Abgeklärtheit und Weisheit, mit der Wärme seiner Stimme jedem alten Country-Helden die Credibility abnimmt. Man weiß gar nicht, was man zu dieser Musik zuerst trinken soll? Bourbon, Bier, White Dog oder doch einen Eimer mit ledrigem, pelzigen Malbec? Am besten alles zusammen: „The End of paralysis, I was a statuette, now I’m drunk as hell on a piano bench.“ Darauf ein letztes Glas!

Credits

Foto: Plattenspieler via Shutterstock

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