TOP

FÜNF! Songs für’s letzte Glas

Nicht nur jeder Drink, auch jeder Abend geht irgendwann zu Ende. Nichts ist schlimmer, als ein schönes Beisammensein ausfransen zu lassen. Um in Würde gehen zu können, entscheidet man sich bisweilen bewusst für einen finalen Drink. Doch der will auch angemessen begleitet werden. Wir geben heute ein paar Ideen mit unseren FÜNF! natürlich vollkommen subjektiven Songs für das letzte Glas des Abends.

Am Ende jedes Abends gibt es diesen Punkt, an dem man weiß, dass es reicht. Wenn sich der Krach gelegt hat, wenn die Kellner anfangen, die Stühle hochzustellen, wenn es neblig wird und draußen vielleicht sogar die Sonne schon wieder ihre spitzen Strahlen auspackt. Meist ist dieser Augenblick an die Erkenntnis gekoppelt, dass es Zeit für einen ganz besonderen Drink wird: den letzten.

Wenn der Krach sich gelegt hat, das Gelächter oder Geschrei sich verflüchtigt haben, dann dürstet die Seele danach, sich neu zu organisieren – denn manche Nacht gleicht einem Flug. Niemand wird nun noch auf wildes musikalisches Gebretter hoffen, es ist die Zeit für Kontemplation. Wir gehen nur noch eben frisches Eis und einen Plattenspieler holen, denn der letzte Drink hat nicht nur Hingabe verdient, sondern auch mindestens FÜNF! Songs für’s letzte Glas.

1) Dean Martin & Ricky Nelson – My Rifle, My Pony and Me

Es ist kaum vorstellbar, wieviel Dean Martin in seinem Leben wohl gesoffen, geraucht, gegrölt und herumgehurt haben mag. Noch viel erstaunlicher ist deshalb die ungeheure Seidigkeit, die seiner Stimme über all die turbulenten Jahre dennoch nie abhanden gekommen ist. Schmalzigkeit im unkitschigsten Wortsinne, denn das, was da aus Mr. Martins Mund tropft, wirkt niemals aufgesetzt.

Für alle Großstadtcowboys, die einsehen, dass der elfte Old Fashioned wohl der letzte sein sollte, kann es eigentlich nur einen Soundtrack dazu geben: dieses wunderbare, vor Klischees triefende Gringo-Schlaflied aus dem Epos „Rio Bravo“. Ricky Nelson? Ach ja, der darf auch mitmachen. Aber wenn man sich den Rest des Films ansieht, wird schnell klar, dass er diese Berechtigung wohl nur des Songs halber erhalten hat. Wie soll man denn als Sängerjungspund gegen Dean Martin und John Wayne überstehen? Eben. Aber der Song, der ist bombastisch! Vielleicht liegt ja irgendwo noch eine Dose Bohnen, die man als Prophylaxe gegen den Saufappetit übers Lagerfeuer hängen kann.

2) CocoRosie – Werewolf

Solange es um Pop geht, fällt es mitunter schwer, sich etwas Abgefahreneres als das vorzustellen, was die beiden Pfarrerstöchter Bianca und Sierra Casady seit gut einem Jahrzehnt unter dem Namen CocoRosie veranstalten. Weirdo-Hip-Hop-Opernfolk aus dem Kindergarten für Hyperaktive. Doch dieser Klang gewordenen Eklektik wohnt auch eine unglaubliche, entrückte Schönheit inne.

Und könnte eine musikalische Untermalung des Absackers einen besseren Titel haben als „Werewolf“? Uns will zumindest aus dem Stegreif keiner einfallen. Wenn es am Anfang heißt „I dreamed, I was a werewolf“, dann beschreibt das die Befindlichkeit am Ende einer langen Nacht oder Schicht bisweilen ziemlich treffend. Wer sämtliche Instrumente, Maschinen, Spielzeuge und Haushaltsgeräte heraushört, der bekommt bei der nächsten Kneipentour ein Herrengedeck spendiert. Verwirrend. Und bezaubernd.

3) Tom Waits – Innocent When You Dream

Hatten wir eben über samtig-weiche Stimmen gesprochen? Hm. Es geht auch anders. Tom Waits hat zwar schon vor dreißig Jahren mit dem Saufen aufgehört, aber die Erinnerungen aus der verkommenen Zeit davor reichen für ein ganzes Künstlerleben – von der Stimme ganz zu schweigen. Klanglich zwischen Motorsäge, Lungenkrebs und einer alten, ungeölten Tür angesiedelt, schwankt das, was aus dem Munde von Waits tropft, teilweise erheblich.

So auch in diesem zerpflügten, naja, irgendwie-Gutenachtlied an die Verlassene, das – man merkt es kaum – in seinen Grundfesten tatsächlich ein Walzer ist. Mit einer Stimmfarbe, die gleichzeitig so sehr nach Krawallbruder und tieftraurigem, gebrochenen Liebhaber klingt, wird hier das unrettbar kaputte Verhältnis zur Geliebten bekläfft. Das alles ist so verstörend, dass man nicht weiß, ob man Angst haben, lachen oder weinen soll. Aber wenn jetzt wirklich, tatsächlich noch ein Scotch sein muss: dann bitte in Gesellschaft dieses bösen Wiegenliedes. Wie bei fast allen Schöpfungen von Tom Waits existieren zahlreiche Versionen. Diese hier trifft das Wesen des Songs ziemlich gut.

4) Mumford & Sons – Holland Road

Wer ein Problem mit Banjos, Bluegrass und Countryromantik hat, der sollte lieber etwas anderes hören. Aber gerade in Zeiten, in denen Whiskey aus den Südstaaten der USA zum Heiligtum erhoben wird, darf ein wenig Auseinandersetzung mit den musikalischen Rahmenbedingungen gefordert werden. Kentucky, Mississippi und Tennessee? Heimat bester Ryes und Bourbons, aber auch von Country und Bluegrass. Man mag nun einwenden, dass Mumford & Sons aus London sind. Klingt trotzdem wundervoll.

Zum letzten Glas Rye empfehlen wir daher eine ordentliche Dosis der vier bärtigen Londoner Herren als Side-order. „Holland Road“ ist nicht nur traumhaft und herzzerreißend, sondern gleichwohl eine wunderbare Gelegenheit, den langsam aussetzenden Gleichgewichtssinn als rhythmisches Schunkeln zu tarnen. Und wenn das Banjo im Refrain imaginäre, kleine, aber umso stärker funkelnde Sterne über den Tresen zeichnet, wenn Marcus Mumford so hingebungsvoll „I wished you well as you cut me down“ singt, dann haben wir so etwas wie Reinheit und Unantastbarkeit erreicht. Und niemand denkt an den dicken Schädel von morgen.

5) James Blake – Limit To Your Love

Manchmal wird es sehr dunkel. Auf der Straße und im Herzen. Für solche Momente hat der Liebe Gott James Blake gemacht. Wenn die Welt für eine kurze Zeitspanne einfach nichts mehr zu melden hat, wenn man irgendwas braucht, das einem die Kraft gibt, den Rest vom Gin & Tonic doch noch auszutrinken. Es geht um Momente, die zu schade sind für Gedanken, in denen nur Leere und Freiheit zählen. So ein Stück Musik ist „Limit To Your Love“, das Blake von der kanadischen Künstlerin Feist übernommen und quasi vollendet hat.

In seiner Interpretation treffen zwei Kosmen zusammen, die trotz aller Gegensätze zu etwas Größerem verschmelzen: markerschütternder Sub-Bass und asketische Zurückhaltung in der musikalischen Gestaltung. Blakes Grenzen der Liebe werden markiert durch eine kalte Statik, deren innere Aufgewühltheit man erst nach einiger Zeit wahrnehmen kann. Aus diesen beiden Gegensätzen, wie aus den Zutaten des letzten Manhattan, macht Blake etwas, das so viel mehr ist als die Summe der Teile. Es ist die absolute innere Einkehr, die hier zelebriert wird, ohne Hast, ohne Pathos, aber dennoch zweifellos. Danach kann nichts mehr kommen. Auch kein weiterer Drink.

Credits

Foto: Gitarre, Zigarre und Drink via Shutterstock. Postproduktion: Tim Klöcker.

Comments (2)

  • Norman

    Und auch nicht zu verachten ist: „The closing song“ von Red Peters (https://www.youtube.com/watch?v=yNCVriK5PjI)… Da habe ich schon viele brave, anständige, gut situierte und bis unters Dach volle Dänen in Kopenhagen das Lokal innerhalb kürzester Zeit verlassen sehen.

    In diesem Sinne: finish all your beer, and get the fuck out of here…

    reply
  • Benedikt Rausch

    Oh es fehlt ganz klar One Burbon, One Scotch, One Beer von John Lee Hooker 🙂 https://www.youtube.com/watch?v=q-fSZRYeBWk

    reply

Kommentieren