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Der Urknall und seine Kinder: Fünf Varianten des Manhattan Cocktails

Der Manhattan Cocktail ist eine Ikone, mit dem ein neues Zeitalter anbrach. Er stellt für die Entwicklung der Cocktailgeschichte eine Art Urknall dar, von dem aus sich eine Vielzahl von Mischgetränken ableiteten. Wir präsentieren fünf populäre klassische und moderne Varianten des großen Whiskey-Cocktails.

Der Manhattan Cocktail ist eine Ikone der Mischgetränke, auch weil mit ihm ein neues Zeitalter anbrach: Als man Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts verstanden hatte, welche Vielfalt sich aus der Kombination eines Branntweins mit einem fortifizierten Wein eröffnete, waren der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Bis heute jedoch gibt es viele unterschiedliche Geschichten, wer den Manhattan erfunden hat.

In Wahrheit war es wohl ein gewisser George Black, wie William F. Mulhall 1923 berichtet: „Der Manhattan-Cocktail wurde von einem Mann namens Black erfunden, der in den Sechzigerjahren einen Platz zehn Türen unterhalb der Houston Street am Broadway hatte – zu seiner Zeit wahrscheinlich das berühmteste Mischgetränk der Welt.“

Förderlich war die Tatsache, dass zu jener Zeit immer mehr Zutaten in den Bars erhältlich wurden und man auch bei den Likören eine reichhaltige Auswahl zur Verfügung hatte. Es entstanden unzählige Varianten. Nicht nur der Rob Roy, der mit Scotch zubereitet wird, sondern auch der Martinez Cocktail, der später den Namen Martini Cocktail erhielt und bei dem der Whiskey durch Gin ersetzt wurde, sind eine Abwandlung des Manhattan Cocktails. So ist der Manhattan der Kulminationspunkt und für die weitere Entwicklung einem Urknall vergleichbar. Er ist der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Cocktails. Was die heutige Musikwissenschaft vielfach in Ludwig van Beethoven sieht – nämlich Zielpunkt des Vorherigen und Beginn für (fast) alles Folgende –, das ist der Manhattan für die Cocktailgeschichte. Hier präsentieren wir fünf frühe und spätere Interpretation des Manhattan.

5 klassische und moderne Varianten des Manhattan

Springtime in Charleston

Dieser Cocktail entstand Ende 2012 im Hamburger Le Lion und ist eine Kreation der Bartender Andrej Busch und Gregor Stitzl. Letzterer beschrieb, wie es zur Namensgebung kam: „Der Drink weckte in mir von Anfang an Assoziationen an die 1920er- und 30er-Jahre, an Frauen in schmalen, kurz- geschnittenen Paillettenkleidern, Zigaretten- spitzen und Kurzhaarfrisuren, die ausgelassen trinken und Charleston tanzen. Ob nun in der Stadt Charleston oder anderswo. So entstand der Name.“ Hier zeigt sich, wie man bei einer Manhattan-Variation den Likör auch durch einen trockeneren Aromageber, in diesem Fall Birnenbrand, austauschen kann. So spielt man mit neuen Aromen, reduziert aber auch gleichzeitig die Süße.

Brooklyn

Der Brooklyn Cocktail ersetzt den klassischen Bitters eines Manhattan Cocktails durch den 1837 erfundenen Picon, ein aus Frankreich stammendes, bitteres Aperitifgetränk. Seinen Namen erhielt der Cocktail nach dem an Manhattan angrenzenden New Yorker Stadtbezirk gleichen Namens, der erst 1898 in die Stadt New York eingegliedert wurde. Erstmals publiziert wurde der Brooklyn Cocktail im Jahr 1908. Eine spannende, komplexe Variante eines Manhattans, die sich unter Bartendern großer Beliebtheit erfreut.

Föhr Manhattan

Die nordfriesische Insel Föhr war früher durch den Walfang zu einer reichen Insel geworden. Später zwang wirtschaftliche Not viele Bewohner zur Auswanderung in die USA, aus New York wiederum brachten viele den Manhattan Cocktail nach Föhr zurück. Seitdem ist der Manhattan Cocktail das wichtigste Getränk, das man Gästen anbietet, oder das bei Feierlichkeiten gereicht wird. Vielfach findet sich eine Flasche des Cocktails fertig zubereitet im Kühlschrank. Jan Hinrichsen, Betreiber einer Whisky-Destillerie auf Föhr, bringt es auf den Punkt: „Diese Insel hat harte Jahre des Walfangs und der Landwirtschaft überstanden, und das Trinken wurde Teil unseres sozialen Gefüges. Von der Geburt bis zum Tod ist es Teil dessen, was wir sind.“

Remember the Maine Cocktail

Dieser Cocktail wird von Barleuten häufig als kleine, geheime Liebe erwähnt: Der „Remember the Maine“ ist wie der Greenpoint eine Manhattan-Variante, bei der statt der üblichen Liköre der heute eher weniger gängige Kirschlikör verwendet wird, und zwar in einer größeren Menge, als es beim üblichen Manhattan Cocktail üblich wäre. Beschrieben wird er erstmals 1939 von Charles H. Baker, der ihn im kubanischen Havanna kennengelernt hatte. Benannt wurde er nach einem Ereignis des Jahres 1898: Angeblich versenkte die spanische Armee auf Kuba das US-amerikanische Schiff USS Maine.(Inzwischen weiß man, dass die Ursache eine Explosion im Innern des Schiffes war.) Der Vorfall wurde damals propagandistisch aufgegriffen, und der Schlachtruf „Remember the Maine, to hell with Spain!“ etablierte sich. Der Spanisch-Amerikanische Krieg begann und führte zur Inbesitznahme von Kuba, Puerto Rico, Guam und der Philippinen durch die USA.

Greenpoint Cocktail

Der Greenpoint ist eine Manhattan-Variante, bei der anstelle der traditionell üblichen Liköre (also Curaçao, Maraschino oder Absinth) Chartreuse verwendet wird, und zwar in einer größeren Menge, als es beim ursprünglichen Manhattan Cocktail üblich wäre. Erfunden wurde der Greenpoint Mitte der Nullerjahre von Michael McIlroy, Bartender im Milk & Honey, der den Drink nach dem Stadtteil benannte, in dem er wohnte. So lag es nahe, eine grüne Chartreuse zu verwenden; doch aus geschmacklichen Gründen entschied er sich für eine gelbe. Es gibt inzwischen zahlreiche Varianten des Rezeptes. Oft verwendet man Punt e Mes, verschiedene Bitters und verschiedene Mengenverhältnisse. Diese weichen jedoch oft von der hier angegebenen Originalrezeptur ab. Dieser zufolge ist kein Punt e Mes zu verwenden, sondern ein süßer Wermut; im Milk & Honey verwendete man damals Antica Formula sowie den regulären Rye von Rittenhouse.

Diese fünf Manhattan-Variationen sind der Ausgabe MIXOLOGY 1-2021 entnommen. Für diese Wiederveröffentlichung wurde ihre Geschichte sowie auch die Einleitung des Print-Textes stark gekürzt. Die ganze Geschichte des Manhattan, geschrieben von Armin Zimmermann, findet sich in der Printausgabe MIXOLOGY 1-2021. 

Credits

Foto: Jule Frommelt

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