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Der Americano Cocktail | Die Geschichte des erfrischend herben Klassikers

Der Collins & seine Anverwandten, Teil 14: Der Americano

Mit der Geschichte des Americano beenden wir unsere 14-teilige Serie über den Collins. Wie sich zeigt, ist der Americano weit mehr als nur ein Negroni mit Sodawasser. Er ist vielmehr eine eigene Getränkegattung, und nicht zwangsläufig muss Campari dazu verwendet werden.

Americano:

3,5 cl roter (süßer) Wermut, optional trockener
1,5 cl Campari oder ein anderer Amaro
5 cl Sodawasser

Zubereitung: Im Highballglas mit Eiswürfeln zubereitet und serviert.

Der Americano ist nicht das, was man denkt. Gemeinhin wird gesagt, er sei der Vorgänger des Negronis gewesen und hätte anfänglich noch Milano-Torino geheißen. Doch stimmt dies so vereinfacht? Nicht unbedingt.

Der Americano – ein Cocktail?

Ein wichtiger Hinweis auf den Americano stammt von Arnaldo Strucchi. In seinem 1909 erschienenen Buch „Il vermouth di Torino“ beschreibt er den Americano mit den Worten: „BITTERER WERMUT ODER AMERICANO – Er wird Americano [amerikanisch] genannt, weil in den Vereinigten Staaten der Brauch besteht, Wermut mit bitteren Likören und Gin (Whisky) zu einem Getränk namens „Cocktail“ zu mischen. Diese Zubereitungen können je nach dem verwendeten Bitterlikör sehr unterschiedlich sein, denn es gibt unzählige Qualitäten dieses Likörs mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, die allesamt auf einer bitteren Basis beruhen.“

Diese Beschreibung muss uns aufhorchen lassen. Für Arnaldo Strucchi ist ein Americano also nichts anderes als eine Mischung aus Wermut, einem Bitterlikör und einer Spirituose wie Gin oder Whiskey. Im Grunde genommen entspricht das der Definition eines Martini Cocktails oder Manhattan Cocktails. Für gewöhnlich fehlt jedoch eine hochprozentige Spirituose in einem Americano. Warum das? Hat Arnaldo Strucchi unrecht? Wusste man anfangs noch nicht so genau, was ein Americano eigentlich ist? War es nur eine allgemeine Bezeichnung für irgend etwas, das von einer „amerikanischen Art“ ist?

Die Turiner Wermut-Stunde

Man darf bei der Beantwortung dieser Fragen nicht außer Acht lassen, dass man in Turin bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts am Nachmittag die sogenannte Wermut-Stunde zelebrierte. Man trank einen Turiner Wermut. Damals fanden auch Bitterliköre Verbreitung, und bald schon mischte man sie mit Wermut. Verwendete man hierfür einen aus Mailand stammenden Campari, so bezeichnete man das Mischgetränk als Milano Torino. So wird es jedenfalls oft gesagt, ebenso, dass diese Mischung in den 1860er Jahren im Caffè Camparino in Mailand entstanden sein soll. Man hätte den Milano Torino dann Americano genannt, weil er bei amerikanischen Touristen beliebt gewesen sei.

Der Americano als Vorgänger des Negronis

Wann Sodawasser hinzukam, weiß man nicht. Dies war aber anscheinend um 1920 bereits der Fall. Der mutmaßliche Erfinder des Negronis, Fosco Scarselli, berichtet darüber, wie er aus einem Americano durch die Zugabe von etwas Gin den ersten Negroni zubereitete. Von anderer Stelle gibt es Belege dafür, dass der Negroni ursprünglich Soda enthielt und so auch in Florenz zubereitet wurde.

Was belegen die Rezepte?

Doch was lässt sich Abseits jeglicher Spekulation aus den überlieferten Rezepten ableiten? Interessanterweise stammt das älteste Rezept für einen Americano aus dem in Köln im Jahr 1913 erschienenen „Lexikon der Getränke“: „In ein Limonadenglas gebe: 2 Stücke Eis, 2 Scheiben Citrone, 1 Spritzer Angostura, 1 Likörglas Fernet-Branca, 1 Cocktailglas ital. Vermouth, fülle auf mit Selterwasser.“

Es verwundert vielleicht, dass ein Fernet verwendet wird, wo doch heute eigentlich immer Campari zum Einsatz kommt. Doch die Erklärung für diese Variante hat bereits Arnaldo Strucchi gegeben: Man kann jeglichen Bitterlikör verwenden. Ein Campari ist nicht zwingend notwendig. Übrigens sei am Rande erwähnt, dass es keinerlei Beweis dafür gibt, dass im Negroni ursprünglich Campari verwendet wurde – es könnte auch ein anderer Amaro gewesen sein. 1920 publiziert Mazzon ebenfalls einen Americano: „Gib in ein großes Glas: 3 Eisstücke, 1 Marsalla-Glas Turiner Wermut, 1 Teelöffel Bitter F.R.M., 5 Tropfen Cognac, 4 Tropfen Angostura. Umrühren und eingießen wie beim Cocktail ins selbige Glas, mit einer ausgepreßten Zitronenschale.“

Das ist nun wieder etwas ganz anderes, eher einem Vermouth Cocktail ähnlich, der mit zusätzlichem Bitter und etwas Cognac abgerundet wurde.

Victor Hugo Himmelreich definiert hingegen im Jahr 1921: „AMERICANO ist ein italienisches Favorit-Getränk. Gebe 1/4 Fernet Branca, 3/4 ital. Vermouth in ein Limonadenglas (siehe Abbildung), 1 Spritzer Angostura und serviere mit einigen Stückchen klaren reinen Eis und Siphon. Oben auf eine dünne Scheibe Citrone.“ Campari wird erst 1924 erwähnt, in „Manual del barman“ von Antonio Fernández: „In ein großes Glas mit einigen Eisstücken gebe man eine Zitronenschale, einen Teelöffel Bitter Campari und ein Glas Turiner Wermut, rühre und seihe in ein Aperitifglas ab und kröne es mit Sodawasser.“

Die Publikationen der Folgejahre sind sich überwiegend einig, dass man einen Americano mit Wermut, Campari und Sodawasser zuzubereiten habe. 1930 gibt es abweichend davon sogar eine Version aus gleichen Teilen Gin, Wein und Crème de Cacao.

„1000 Misture“, ein italienisches Standardwerk

Ein Buch bringt Licht ins Dunkel, und zwar das italienische „1000 Misture“ von Elvezio Grassi aus dem Jahr 1936. Es ist ein italienisches Standardwerk und zeigt uns die ganze Vielfalt des Americanos. Er beschreibt auch den mutmaßlichen Vorgänger des Americanos, den Milano Torino, in zwei verschiedenen Rezepten: „Im Shaker mit Eis schütteln: 50% Turiner Wermut, 10 % Piemontesischer Branntwein, 40% Bitter Campari. Serviert mit Zitronenzeste.“ Als zweites einen nach eigenen Worten klassischer Aperitivo: „Man gieße in ein Aperitifglas: 20% Bitter Campari, 20% roter Wermut Cinzano, 60% frisches Selters (mit viel Kohlensäure). Servieren.“

Bei den Americani sieht es komplexer aus. Es zeigt sich, dass der Americano eigentlich als eigene Getränkegattung zu betrachten ist, und nicht als ein einziges Mischgetränk. Mit einem Zusatz verdeutlicht man, welchen Americano man möchte. Es gibt Americano Accossato, Americano Argentino, Americano Cinzano, Americano Branca, Americano Cora, Americano Campari, Americano Martini e Rossi, Americano Carpano, Americano Punt e Mes, Americano Ciconi Beltrame, Americano San Romàn. In allen wird ein Bitter eingesetzt, sei es Campari, ein Fernet, Angostura, ein Quinquina oder ein anderer Bitter.

Hinzu kommt Wermut, und zwar süß oder trocken. Aufgefüllt wird mit Mineralwasser. Als Garnitur verwendet man eine Zitronenzeste, aber auch eine Olive darf es stattdessen sein. Die Mengenverhältnisse variieren. Betrachtet man nur die Rezepte, die Campari einsetzen, so besteht das durchschnittliche Mischungsverhältnis für einen Americano aus 15% Campari, 35% Wermut und 50% Mineralwasser. Ich empfehle jedoch, statt Mineralwasser stets ein echtes Sodawasser zu verwenden.

Die Vielfalt des Americano

Es zeigt sich also, wie vielfältig ein Americano zubereitet werden kann, und ich möchte dazu aufrufen, diese Vielfalt auch in den Bars zu kultivieren und zu servieren. Wir sehen also, dass die ersten Rezepte, die einen Fernet verwendeten, gar nicht so ungewöhnlich sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. Auch Elvezio Grassi kennt sie, und sie entsprechen voll und ganz der Definition eines Americanos, der wiederum eine Spezialform des Highballs ist.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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