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Gin & Juice: Von der Unerschöpflichkeit des Einfachen

Der Gin & Juice ist alles andere als ein Drink, für den eine Bar berühmt wird. Diesen Anspruch hat er auch niemals gehabt. Das ändert nichts daran, dass er ein genialer Highball ist, besonders natürlich im Sommer. Aber er ist nicht nur ein unkomplizierter Erfrischer, er „kann“ auch Qualität. Er will sogar!

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Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Sagt bisweilen die innere Stimme. Denn der Gin & Juice ist nun wirklich kein Drink, über dessen Zubereitung man ewig sprechen, diskutieren, streiten, abwägen muss. Am Ende ist es eben: Schnaps mit Fruchtsaft. Genau, solche schlichten Mischungen kriegen meist nichtmal einen eigenen Namen, sondern folgen einer schnöd-technischen Nomenklatur: Gin & Juice, Gin & Tonic, Scotch & Soda (der „Screwdriver“ lächelt an dieser Stelle schelmisch).

Wir könnten also diesen Text hier auch gleich wieder beenden, zum Kühlschrank gehen, uns einen Gin & Juice machen und Snoop Dogg hören gehen. Aber damit würde uns dann doch eine ganze Menge entgehen. Denn das Problem beim Die-Kirche-im-Dorf-lassen ist oft: Man nimmt Dinge für gegeben, schaut nicht richtig hin und verpasst dann das Beste. So ungefähr ist das mit dem Gin & Juice.

Nein, der Gin & Juice ist kein Mixologen-Drink. Zum Glück!

Tatsächlich wird der Gin & Juice schon dadurch zur schönen Ausnahme, dass er im Gegensatz zu den meisten Drinks, die bei MIXOLOGY besprochen werden, einfach keinen Ursprung hat, den man benennen könnte oder wollte. Kein großer Bartender-Urheber, der in einer berühmten, vorzeitigen Bar ein exakt bestimmtes Rezept entwickelt und in seine Cocktailkarte oder gar ein Buch geschrieben hat. Klar: Mit solchen Drinks kommt man irgendwie in die Geschichtsbücher und erhält Szene-Fame. Ein Gin & Juice schafft das nicht. Doch das ist für einen solchen Drink wahrlich kein Fluch – es ist der reine Segen.

Der Gin & Juice braucht nämlich gar keinen Szene-Fame. Er wird stattdessen lieber getrunken, und das überall. Wie oben schon erwähnt, hat er zwar den Nachteil: Schnaps mit Saft. Aber er hat halt auch den gewaltigen Vorteil: Schnaps mit Saft.

Grapefruit oder Traube? California calling.

Diese gewisse Leichtigkeit des Seins hat der Gin & Juice zwar mit anderen Drinks gemein, aber er hat punktet noch zusätzlich, weil er zumindest vom Namen her wirklich keinerlei Einschränkungen macht. Welcher Saft? Der Name konkretisiert da erstmal gar nichts, wir kommen da aber auch gleich nochmal zu – solche eine libertäre Ader mag nicht in jeder kleinen Speakeasy Bar super ankommen, sorgt aber dafür, dass sich niemand vor einem Drink fürchtet.

Und zuletzt trägt der Gin & Juice seine Leichtigkeit eben nicht nur in seinem Wesen, sondern auch in seiner Assoziationswelt: Besungen hat ihn, natürlich, damals Snoop Dogg auf seinem ersten Album, sogar mit Brand Call: Seagram’s oder Tanqueray sollte es sein. Zwei Jahrzehnte später war es dann aber zum Beispiel auch Zuckerpopqueen Katy Perry, die in der gleichnamigen Single ihre California Gurls ebenfalls am Gin & Juice „sippen“ ließ. Man mag das abstreiten, aber: So ein bisschen Cali-Vibe will, zumindest im Sommer, doch fast jeder.

Vor diesem Hintergrund passt es auch, dass die Welt (also das Internet), aber auch Bartender und sonstige Drink-affine Menschen sich unter dem Begriff Gin & Juice auf zwei Grund-Spielarten geeinigt haben, die wiederum beide perfekt zum Kalifornien-Thema passen: Begegnet man einem Gin & Juice auf Bar-Karten oder online, dann wird er in den meisten Fällen mit Traubensaft zubereitet, seltener mit Grapefruitsaft. Alle anderen Säfte rangieren höchsten unter „ferner liefen“. Konzentrieren wir uns heute auf den Traubensaft.

Gin & Juice: Ein Test für Qualität. Wirklich.

Nun ist Traubensaft kein Produkt, dem man in Bars häufig begegnet. Freundlich ausgedrückt. Vor allem aber gilt für Traubensaft auch die Tatsache, dass er in vielen Fällen furchtbar süß ist. Das ist bei Weintrauben bzw. dem Saft aus ihnen zunächst mal kein Zeichen für schlechte Qualität, schließlich will jeder Weinbauer und Winzer viel Zucker in seiner reifen Frucht. Mostgewicht, ick hör dir trapsen. Traubensaft, auch guter, unbehandelter Direktsaft, ist also eine Angelegenheit, die pur für viele Menschen nicht wirklich trinkbar ist.

Von der Süße einmal abgesehen, bieten aber leider viele Traubensäfte von großen Produzenten nur sehr wenig wirklichen Geschmack und Aroma; nach der Süße kommt da oft nicht viel. Klar, als Schorle passt das. Und sicherlich kann man das in den Gin des Vertrauens kippen. Ob das zielführend ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nachsteuern muss man somit für einen spritzigen, erfrischenden Gin & Juice eigentlich immer mit ein wenig Säure aus Limette oder Zitrone. Wer komplett bei der Traube bleiben will, nimmt Verjus. Allerdings ist es so, dass der Verjus mit seiner zwar intensiven, aber dennoch runden und eleganten Säuerlichkeit ein wenig untergeht, während Zitrusfrüchte schlicht eine etwas spitzere Säure reinbringen und die Süße der Traube besser austarieren.

Passend dazu muss ein crisper, würziger und klassischer Dry Gin gewählt werden, nur so entsteht eine echte aromatische Bereicherung: Die ätherische, knackige Würze des Gins bereichert und vertieft das truchtig-marmeladige des Traubensaftes – und steuert ebenfalls der Süße entgegen. Wer mag, gibt 1 bis 2 cl Soda hinzu, um eine kleine Spur Fluffigkeit einzubauen.

Den Gin & Juice am besten mit Soda etwas Spritzigkeit verleihen
Den Gin & Juice am besten mit Soda etwas Spritzigkeit verleihen

Gin & Juice

Zutaten

4 cl Gin
10-12 cl Traubensaft nach Wahl
2 cl Soda Water (nach Geschmack)
1 cl frischer Zitrussaft (Limette oder Zitrone)

Nie den Traubensaft unterschätzen!

Hat man diese Kern-Regel einmal verinnerlicht, dann gewinnt man im Gin & Juice einen Freund, den man immer wieder unter neuen Facetten wiederentdecken kann. Nicht nur durch Varianz beim Gin, sondern vor allem beim Saft. Glücklicherweise keltern nicht nur eine Reihe toller Mostereien hervorragende Traubensäfte, auch zahlreiche Weingüter bieten (oft sogar mehrere reinsortige) Säfte an, die dann auch jene aromatische Tiefe mitbringen, die man bei Standardprodukten vermisste. Freilich sind 5 Euro für einen Liter Traubensaft nicht billig, aber rechnen Sie das doch mal auf kleine Tonic-Flaschen um, die Sie für einen Liter brauchen.

Gin & Juice in der Ménage Bar: die Textur weitergedacht

Mit solchem Gin & Juice aus einzigartigen Traubensäften konnte etwa die Goldene Bar in München immer wieder begeistern, u.a. bei ihrem Sundowner auf der Terrasse. Wer einen Schritt weitergeht, tut es eventuell wie die Ménage Bar (ebenfalls München), wo das Team um Johannes Möhring und André Kohler den Drink neu gedacht hat: Der Traubensaft wird ersetzt durch hausgemachten Trauben-Kombucha, der dem an sich schlichten Highball eine tolle Tiefe und überdies eine andere Textur gibt – ohne dabei aber die grundlegende Struktur des Drinks zu verändern. Ein gekühlter Würfel aus Trauben-Jelly rundet den Drink optisch und aromatisch ab.

Gut also, dass wir die Kirche nicht im Dorf gelassen haben, sondern doch mal abseits von Los Angeles nachgesehen haben. Denn der Gin & Juice ist zwar ein einfacher Drink, aber einfältig ist er nicht. Da geht noch was, da ist noch Luft nach oben – durch schier unerschöpfliche Vielfalt. Und das sogar ohne fancy Namen.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

Comments (4)

  • Whiskydrinker

    Screwdriver? Wer bestellt hier in Deutschland bitte einen Screwdriver? Gerade bei Orangensaft ist die Nomenklatur durch ein angehängtes -O noch leichter. Wodka-O, Sekt-O, Tequila-O,…
    Und -O funktioniert sogar in der hinterletzten Dorfkaschemme als Bestellung.;-)

    reply
    • Flo

      Genauso wie mit dem „-E“ – pfui teufel.

      reply
  • Arne

    Oder man nimmt einen guten Trauben-Secco. Weniger süß und schon etwas spritzig.

    reply
  • Cheers

    Es soll sogar Scherzkekse gegeben die sich an der Bar einen „Virgin Screwdriver“ bestellen, also schlichtweg einen Orangensaft.

    Alles schon erlebt 😀

    reply

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