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Gin: Geschichte, Herstellung & Stile

Was ist Gin? Es ist fast egal, wie ausgiebig man diese Frage beantwortet, die Antwort wird beinahe immer falsch sein. Weil sie nicht ausführlich genug ist. Denn was Gin eigentlich ist, was Gin sein darf, sein soll oder sein kann – das steht sowohl in Vorschriften und Gesetzen, auch in Lehrbüchern; durch den Lauf der letzten Jahre mit ihrem Gin-Boom ist aber auch unter den Genießern und Barleuten eine vielfältige neue Sicht entstanden auf den Gin.

Gin – eine neu entdeckte Tradition aus Qualität und Aroma

Gin, das war bis mindestens ins Jahr 2000 hinein eine Spirituose, für die sich, grob gesagt, kein Schwein interessiert hat. Vodka war das Ding der Stunde. Davor war es Scotch Whisky. Und die Deutschen kaufen, wenn es um Schnaps geht, traditionell eh am liebsten Likör.

Das hat sich massiv geändert: Gin ist nicht nur »in«. Er ist inzwischen auch im Mainstream angekommen, und zwar massiv. Er ist die meistbesprochene Spirituose in der heutigen Medienlandschaft.

»Gin ist – gerade im Unterschied zu gereiften Rums oder Whiskys – einfach zu verstehen und zugänglich, ohne oberflächlich zu sein. Gleichzeitig fehlt ihm die Beliebigkeit, die man oft dem Vodka unterstellt. Das macht ihn attraktiv und passend für die aktuellen Trends.«

Gin-Festivals überall, Gin-Tastings in Bars und Schnapsläden, es gibt Bücher nur über den Gin & Tonic – der Gin-Boom hat wahrlich in allerlei andere Branchen abgestrahlt. Doch – und das wissen auch viele der neuen Liebhaber und selbst ernannten Kenner gar nicht so wirklich: Was ist Gin eigentlich genau? Wie entsteht er? Wo kommt er her?

Gin, das ist auf den ersten Blick das einfachste der Welt und für jedermann zu verstehen. Theoretisch und oberflächlich zumindest. Um aber zur Seele des Wacholderschnapses vorzudringen, bedarf es schon ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl. Hier gilt es sich einzulassen auf eine bewegende Geschichte aus Medizin und Markt, aus Kulinarik und Krise. An wenigen anderen Spirituosen können wir die jüngste Geschichte Mitteleuropas in puncto Gesellschaft und Genuss so gut nachzeichnen wie am Gin.
Zumindest, wenn man allen Platz und alle Zeit der Welt hätte, denn die Geschichte des Gins ist noch lange nicht vorbei. Doch irgendwo muss man anfangen und es wäre fadenscheinig, wenn ausgerechnet wir es nicht wenigstens versuchen würden.

Was ist Gin?

Wenn Sie also immer schon einmal wissen wollen, welche Zutaten in welche Flüssigkeiten zu welchem Zeitpunkt gegeben werden müssen, damit da nachher ein Gin steht; wenn Sie auf der Suche nach fundiertem Spirituosenwissen über Gin sind, oder wenn Sie einfach nur mehr Knowhow über den passenden Drink zu einer Reise in die 30er Jahre brauchen: hier sind Sie richtig.

  1. Herstellung. Wie entsteht Gin?
  2. Gin-Botanicals. Von Wacholder bis XY.
  3. Gin-Stile. Die verschiedenen Stilrichtungen und Besonderheiten im Überblick
  4. Geschichte des Gins

Herstellung. Wie entsteht Gin eigentlich?

Auch wenn es der Romantik nicht zuträglich ist: Nicht jeder Gin-Hersteller streift mit der Tupper-Dose durch die Wälder, um Wacholderbeeren, Kräuter und Gewürze zu sammeln. Obwohl das sehr schön wäre. Denn natürlich geht es bei professionell oder gar industriell hergestelltem Gin weniger um Romantik, sondern um zwei andere Dinge: Einerseits um Qualität, andererseit um Verfügbarkeiten. Das bedeutet nicht, dass sofort die ganze Seele verlorengeht. Dennoch aber ist es gut, sich an die Realitäten zu gewöhnen.

Gin ist mit Aromen versehener Industriealkohol, was ihn im Übrigen auch zu einer der günstigsten Spirituosen-Kategorien macht. Klingt erst einmal hässlich, ist aber nicht weiter als die reinste Form von Alkohol, die man auftreiben kann. Er wird üblicherweise aus Getreide oder aus Melasse gewonnen. Denn letztlich braucht es – wie für jeden Alkohol – Kohlenhydrate bzw. Zucker als Ausgangspunkt. So gut wie jeder Gin-Produzent (auch die »Kleinen«, also die, die »Craft«-Gin herstellen) kauft fertigen, hochprozentigen Neutralalkohol ein, bestenfalls sogenannten EFF Sprit. Nur sehr, sehr wenige Hersteller brennen den Basis-Alkohol für ihren Gin selbst.

Und tatsächlich ist kaum etwas wichtiger als ein möglichst hoher Alkoholgehalt des Anfangs-Alkohols – denn je stärker er ist, umso stärker wird er die Aromen der verwendeten Gewürze extrahieren. Und da kommt dann er ins Spiel: der Wacholder.

Wacholder & weitere Botanicals

Denn was im Namen verankert ist, muss auch in der Realität stattfinden. Der Wacholder also, und beliebig viele weitere Kräuter, in der Trinkszene liebevoll »Botanicals« genannt, werden in den Alkohol eingelegt, »mazeriert« nennt man das. Die Auswahl jener Zutaten variiert von Hersteller zu Hersteller und unterliegt zunächst einmal keinen Regularien. Lediglich Wacholder ist gesetzt bzw. Gesetz: So sagt es auch die entsprechende EU-Richtlinie.
Tendenziell lässt sich aber sagen, dass es in den letzten Jahren zunehmend exotisch wurde – Tulsi-Basilikum, Baobab und Buchu kommen dazu, ebenso wie Brombeere, Ginseng oder Sellerie. Wenig, was man in den letzten jahren nicht gesehen hat. Klassische, traditionelle Mitstreiter des Wacholder sind z.B. Zitrusschalen, Koriandersaat und Kardamom, Angelikawurzel, Iris oder Süßholz sowie Pfeffer.

»Der niederländische Genever wird heute oft als Vorstufe des Gins bezeichnet. Das ist falsch: Genever war und ist der historische Vorläufer des Gins, er ist aber bis heute eine eigenständige und souveräne Gattung – die mittlerweile endlich wieder wahrgenommen wird«

Die Destillation

Der einfachste Weg, aus Alkohol und Gewürzen nun Gin zu machen? Die Botanicals werden im Alkohol eingelegt und ausgelaugt. Bei gewünschter Intensität der Aromen filtert man alles heraus und verdünnt den aromatisierten Alkohol mit Wasser auf die sogenannte »Trinkstärke«. Doch das Ergebnis dieses Vorgangs – in Großbritannien traditionell (und beschönigend) auch Bathtub-Gin genannt – ist erstens nichtmal so schön kristallklar wie typischer Gin, noch besitzt es dessen Raffinesse.

»Echter« Gin kommt in der Regel aus der Brennblase. Hier wird entweder der mazerierte Sud mitsamt der Kräuter destilliert oder die Alkoholdämpfe werden beim Destillieren über die Gewürze geleitet (auch »Vapour Infusion« oder »Schleppdestillation«), so dass deren Aroma währenddessen aufgenommen werden kann. Das Resultat ist ein klares, hochprozentiges und komplexes Destillat – das die Aromen der Gewürze angenommen hat. Wie das endgültige Resultat schmeckt, hängt dabei nicht nur von den Gewürzen ab, sondern etwa auch von der Größe und Temperatur der Brennblase und dem Alkoholgehalt des Ausgangs-Destillats.

Der stille Zwischenschritt: die Lagerung des Gins

Qualitätsbewusste Brenner lassen ihren Gin anschließend in Behältern aus Glas, Edelstahl oder Steingut lagern. Dabei läuft keine Reifung wie im Holzfass ab, doch der Gin homogenisiert sich und baut unangenehme Nebenaromen ab. Denn ein ganz frisches Destillat hat fast immer spitze, metallische Noten. Unter anderem diese vergehen in der Lagerphase.

Bevor der Gin abgefüllt wird, muss er auf Trinkstärke verdünnt werden. Trinkstärke, das bedeutet im Falle von Gin: Mindestens 37,5% Vol. muss er laut EU-Verordnung auf die Waage bringen (in den USA sind es 40%). Zum guten Standard sind unter qualitätsbewussten Produzenten aber wesentlich mehr geworden, die Regel »40 plus x« ist sozusagen Gesetz. Denn es ist ganz einfach: Je höher der Alkoholgehalt, umso höher ist auch die Konzentration der Aromen – und genau darum geht es beim Gin. Die klassische »London Dry«-Stärke sind 47% Vol., aber auch darüber findet man eine ordentliche Anzahl an Produkten. Gins, die nur die erforderliche Mindeststärke aufweisen, schmecken hingegen oft unfertig, schwach und gleichzeitig leicht kratzig und unausgewogen.

Kleiner Steckbrief Gin

Alkoholgehalt Gin: 37,5 – 63 % Vol.

Herkunftsland: England und andere

Rohstoffe: Agraralkohol, aromatisiert mit Wacholder, Kräutern, Schalen, Gewürzen und Früchten oder anderen pflanzlichen Auszügen

Kategorien

London Dry Gin — ungesüßter Gin, keine Herkunftsbezeichnung, sondern Stilistik

Plymouth Gin — aromatischer Gin mit vollem Körper, bis 2015 geschützte Herkunftsbezeichnung

Old Tom Gin — gesüßter Gin, erst seit Kurzem wieder flächig verfügbar

Sloe- & Damson Gin — kein Gin im eigentlichen Sinn, sondern Schlehen-, bzw. Pflaumenlikör auf Gin-Basis, Mindestalkoholgehalt von 25 % Vol.

Compound Gin / Bathtub Gin

Verfahren Nummer 1 ist gar kein Brennverfahren, sondern die schlichte Mazeration von Botanicals in Alkohol. Dabei werden Wacholder und weitere Gewürze meiste zerkleinert und in Alkohol eingelegt, der dann ihre Aromen aufnimmt. Wenn die gewünschte Intensität erreicht ist, muss lediglich gefiltert werden. Darauf spielt auch der englische Begriff »Bathtub Gin« an: Denn allzugern setzten Menschen früher in der heimischen Badewanne ihren eigenen Gin an.

Kaufen kann man derart hergestellte Gins so gut wie gar nicht. Das ist auch gut so, denn einem üblichen Compound Gin fehlt es schlicht an Raffinesse und Eleganz. Überdies ist er meist rötlich-braun und häufig trüb – was wir von einem Gin nicht erwarten möchten.

Pot Still

Die Pot Still ist die traditionelle, zwiebelförmige (Kupfer-) Brennblase, in der ursprünglich fast alle regulären Spirituosen hergestellt wurden oder werden. Sie wird für jeden Brennvorgang mit einem neuen Ansatz gefüllt. Daher entstehen bei der Produktion von Pot Still-Gins einzelne Chargen – auf Englisch »Batches« –, die sich leicht voneinander unterscheiden. Auch wenn der Hersteller eines Pot Still-Gin das prestigeträchtige »batch distilled« auf sein Etikett schreiben darf, muss er ebenso acht darauf geben, eine konstante Qualität zu produzieren.

Grundsätzlich gibt es in der Pot Still zwei Möglichkeiten: Entweder füllt der Brenner ein Gemisch aus Alkohol und Botanicals in die Brennblase und destilliert daraus seinen Gin; oder aber er leitet die Alkoholdämpfe im »Hals« der Pot Still durch einen sogenannten »Geistkorb« (auch »Gin Basket«), wodurch der heiße Alkoholdampf die Aromen besonders zart aufnimmt. Die Herstellung in der Pot Still ist wesentlich aufwendiger als alle anderen Verfahren.

Column Still / Coffey Still

In der Column Still, zu Deutsch »Kolonne«, kann Gin auf besonders effiziente und qualitativ konstante Weise hergestellt werden, da in ihr ein kontinuierlicher Brennvorgang stattfindet – keine einzelnen Chargen. Somit hat ein Brenner die Möglichkeit, mit der Column Still in planbarem Maße und mit gleichmäßiger Ausbeute Gin herzustellen.

Besonders effizient ist die Verwendung der sogenannten »Coffey Still«, einer besonderen Kolonne, die der irische Ingenieur Aeneas Coffey im 19. Jahrhundert entwickelte. Sie erlaubt es durch die zahlreichen eingebauten Trennböden und Zwischenstufen, einen sehr sauberen und bekömmlichen Alkohol bei hohem Ertrag zu erzeugen.

»Mit ›Pink Gin‹ bezeichnete man ursprünglich eine Mischung aus Gin und Angostura Bitters: Durch die tiefrote Farbe des Angostura wurde das Gemisch dunkelrosa. Heute werden aromatisierte Gins mit Frucht- und Beerenauszügen so genannt.«

Gin-Botanicals

Dass Gin am Ende also nichts weiter als aromatisierter Vodka sei, stimmt zwar im Blick auf seine Bestandteile und ist ein dankbarer Vergleich für alle, die zur flapsigen Überzeichnung neigen. Aber erstens unterschätzt man mit solchen Vergleichen, was Vodka sein kann, wenn man sich Mühe gibt. Und zweitens wird man weder dem Aufwand noch den verschiedenen Möglichkeiten, hochwertige Aromen in den Schnaps zu bringen, gerecht.

Einige der gängigen Zutaten, die herkömmlich für die Herstellung von Gin verwendet werden, finden sich im Folgenden:

»Was kommt nach dem Boom des Gin & Tonic? Vielleicht ist er nur die erste Stufe einer langen Begeisterung für Gin. Vielleicht stehen Negronis, White Ladys und Dry Martinis in zehn Jahren auch in Deutschland wieder auf allen Cocktailkarten. Es bleibt zu hoffen!«

Die Gin-Stile

Nun können wir als Mixologen und leidenschaftliche Genießer auf ein wenig Genauigkeit nicht verzichten. Reden wir also nicht lange um den heißen Brei – es gibt verschiedene Arten von Gin, das hat verschiedene Gründe und verschiedene Konsequenzen.

Wie aus der Herstellungsbeschreibung ersichtlich, gibt es zwei grundverschiedene Arten, Gin herzustellen – mit Destillation oder ohne. Nach jener ohne Destillation wird man im Handel vergeblich suchen: den so genannten Bathtub Gin (oder auch Compound Gin). Aus nachvollziehbaren Gründen: Er gewährleistet keine konstante Qualität und kann auch sonst die eine oder andere Begleiterscheinung mitbringen, die wir hier gar nicht erst erörtern können. Guter Gin ist immer destilliert.

Genever

Streng genommen gehört Genever (oder »Jenever«) nicht in die Riege der Gins; aber der flämische Getreidebrand (Holland und Belgien streiten sich bis heute, wer ihn erfunden hat) ist der Urvater des Gins. Er hat seine Wurzeln in der frühen Neuzeit, also etwa zu der Zeit, als das Wissen um die moderne Destillationstechnik aus dem Orient nach Europa gebracht wurde.

Die beiden wichtigsten Gattungen von Genever sind »Jonge« (»jung«) und »Oude« (»alter«) Genever. Dabei haben diese Angaben nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit dem Mischverhältnis der Bestandteile. Denn Genever besteht üblicherweise aus zwei Komponenten:

Der eine Bestandteil ist ein leichter Getreidebrand, der mit Gewürzen versetzt ist. Da Wacholder als traditionelles Heilmittel das Hauptgewürz ist, hat der Genever vom niederländischen »jeneverbes« (Wacholder) seinen Namen.
Dieser aromatisierte Schnaps (technisch gesehen ein »Geist«) wird mit Bränden aus gemälztem Getreide – den sogenannten »Moutwijns« – verschnitten. Diese sind von Natur aus stärker im Eigengeschmack, sie bringen Noten von Brot, Hefe, Nüssen, Karamell oder Trockenfrüchten mit. Beim Genever geht es also darum, dass die Gewürze aus dem Getreidegeist die Aromen des Malzbrandes bereichern. Jonge Genever jedenfalls hat einen geringen Anteil an Moutwijn, während er bei Oude Genever höher und oft tonangebend ist.
Der große Unterschied zwischen Genever und seinem Enkel Gin ist somit: Im Genever geht es darum, die Aromen der Grundzutaten (Getreide bzw. Malz) durch Gewürze zu bereichern. Im Gin hingegen fungiert der möglichst neutrale Alkohol, schlicht gesagt, als reines Transportmittel für die Aromen der Botanicals.

London Gin

Fangen wir direkt mit der Definitionskrux des London, Dry und London Dry Gin an. Das Prädikat »Dry« war bis zum Jahr 2014 überhaupt nicht geschützt, ab dann ein bisschen. Wir wollen allerdings mit dem London Gin beginnen, denn der obliegt seit Anbeginn recht festen Regularien, nämlich jener der EU-Spirituosenverordnungen. Demnach muss London Gin (keine Herkunfstangabe!) einen Mindestalkoholgehalt von 37,5% Vol. aufweisen und auf Alkohol aus den o.g. Rohstoffen bestehen.

Das wichtigste Merkmal für die »London«-Stilistik ist nun: Alle (ausschließlich natürlichen) Botanicals müssen vor oder während der Destillation zum Einsatz kommen. Danach dürfen keine Aromen mehr hinzugefügt werden, es dürfen überhaupt keine Änderungen mehr am Produkt vorgenommen werden. Darum ist beispielsweise Hendrick’s Gin kein London Gin, denn er wird erst nach der Destillation mit der charakteristischen Essenz aus Gurke und Rosenblättern versetzt.
Vor der Lagerung muss ein London Gin 70% Vol. aufweisen, sein Methanolgehalt darf 5g/hl (auf den Reinalkohol bezogen) nicht übersteigen. Und zu guter Letzt darf der Wert von 0,1 g Zucker auf einen Liter fertigen Gin nicht überstiegen werden. Auch Farbstoffe sind natürlich absolut tabu. London Gin ist somit per definitionem ein knochentrockener, naturbelassener Gewürzgeist. Klassische, wacholderbetonte London Dry Gins sind z.B. Tanqueray, Beefeater, Hayman’s, Broker’s oder London N°3 aus dem Hause Berry Bros. & Rudd.

Dry Gin

Und das ist auch schon der ganze Zinnober um »Dry Gin«: Denn dieser ist im Grunde lediglich ein Schnörkel des vorhergehenden Abschnitts über London Gin und besagt, dass seit 2014 lediglich 0,1 g Zucker auf 1 Liter Fertigerzeugnis kommen dürfen. Somit ist jeder London Gin per se ein Dry Gin, aber nicht umgekehrt. Ein Gin, der zwar nicht mehr als die angemessene Menge an Zucker aufweist, dem aber nach dem Destillieren noch Aromen beigesetzt wurden, ist lediglich ein Dry Gin, nicht aber ein London Dry Gin. Bevor das Zucker-Kriterium im Jahr 2014 offiziell wurde, konnte jeder beliebige Hersteller seinen noch so süßen Gin »Dry« schimpfen. Auch wenn das möglicherweise ein leicht gesüßter Old Tom sein mag, der fürwahr alles andere als trocken ist.

Distilled Gin

Salopp gesagt, ist Distilled Gin der lockere und genügsamere kleine Bruder von London Dry Gin: Auch er muss all seine Aromen vor oder während der Destillation erhalten und darf im Anschluss daran geschmacklich nicht weiter manipuliert werden. Steht auf einer Flasche »Distilled Gin«, kann dies aber z.B. bedeuten, dass der Zuckergehalt über jener Grenze von 0,1 g pro Liter liegt, oder aber dass der Gin nicht auf mindestens 70% Vol. destilliert wurde.

Old Tom

Mit ihm verlassen wir die offizielle Riege der Gin-Sorten. Eine rechtliche Grundlage gibt es für ihn nicht, höchstens eine historische beziehungsweise kulturelle.
Old Tom Gin ist ein im Prinzip klassischer Gin, der allerdings mehr oder weniger stark gezuckert wird. Auch wenn er als Gattung heute höchstens noch eine Nischen-Bedeutung hat, gehen Experten davon aus, dass gesüßte Gins über Jahrhunderte der Normalfall waren. Auch der Umstand, dass sich britische Kolonialsoldaten ihr extrem bitteres Tonic Water mit Gin versüßten und so den Gin & Tonic entwickelten, lässt darauf schließen.

New Western Dry Gin

New Western (Dry) Gin ist eigentlich keine Kategorie, sondern eher ein Schlagwort. Oder sogar eine Marketing-Vokabel. Denn wo unentwegt produziert wird und es Neues zu begreifen gibt, braucht es eben auch neue Begriffe.
Mit dem New Western Dry Gin sprechen wir also von der Art von Gin, die den Hype unserer Tage im Wesentlichen markiert: Gins, die vor allem zitral, fruchtig oder blumig duften und schmecken und den historisch zentralen Wacholder eher als Nebendarsteller dabeihaben. Die Begründer dieser Gattung waren Marken, die heute selbstverständlich in vielen Bars stehen: Hendrick’s, Monkey 47, Gin Mare oder G’Vine.

New Western Dry Gin kann im Grunde alles sein. Ob Mango, Thai-Basilikum oder sogar Ameisen. Gereist, gereift und gerühmt, der New Western Dry Gin ist das Enfant Terrible unter den Gins geworden: es ist alles möglich, oft gibt es Überraschungen; und egal, was wird, unterhaltsam ist es allemal.

Sloe Gin

Sloe Gin ist kein Gin, sondern ein Likör, der auf Gin, Schlehenbeeren und Zucker basiert. Er ist damit die bekannteste Spielart der früher in Großbritannien sehr beliebten und oft selbst hergestellten »Fruit Gins«, die oft auch als »Hausfrauen-Gin« belächelt wurden. Im Zuge des neuen Interesse an Gin erhält auch Sloe Gin wieder mehr Aufmerksamkeit, und viele alte und junge Firmen produzieren ihn wieder.

Plymouth Gin

Der Gin aus der berühmtem Hafenstadt gilt als der mit der deutlichsten Wacholdernote. Gleichzeitig ist er aufgrund des speziellen, heimischen Quellwassers sehr mild und weich, was ihn für klassische Gin-Cocktails geradezu prädestiniert.
Bis 2015 war der Begriff eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Jene lief aber aus, was wiederum dem französischen Pernod Ricard-Konzern entgegenkommen dürfte: Denn die einzige aktive Destillerie in Plymouth, die zu diesem Konzern gehört, kann nun den Namen »Plymouth Gin« als Marke schützen lassen.

Eine geschützte Herkunftsbezeichnung wiederum besitzt »Gin de Mahon«, also Gin aus der gleichnamigen Stadt auf Menorca. Da die Insel praktisch das gesamte 18. Jahrhundert hindurch britisch besetzt war, entwickelte sich dort eine eigene Gin-Tradition. Der bekannteste Gin de Mahon, die Marke Xoriguer, wird auf Basis von Wein und angeblich noch heute in holzbefeuerten Brennblasen hergestellt. Sein Aroma ist klassisch-wacholdrig mit Anklängen von Zitrus, Frucht und Kamille.

Pink Gin

Als neuer Stil etabliert sich aktuell die Gattung Pink Gin. Mit diesem Begriff bezeichnete man früher einen Cocktail aus Dry Gin und Angostura Bitters, der eine markante, dunkelrosa Färbung aufwies. Damit haben die neuen Pink Gins nichts zu tun: Sie sind üblicherweise einfache, leichte Gins, die nach der Destillation mit unterschiedlichen Beeren oder Beeren-Extrakten versetzt werden, woraus sie ihre pinke Farbe beziehen. Sie sind meist gesüßt und haben nur sehr wenig (oder gar kein) Wacholder-Aroma.

Die Geschichte des Gins

Wie so viele Spirituosen ist auch der Gin aus medizinischen Gründen entstanden. Medizin oder Krieg, das sind die gängigen Gründe für kulinarische Entwicklungssprünge. Nun liegen die Ursprünge des Gin im niederländischen Genever, inhaltlich gleichwohl begrifflich. Durch die Kollaboration zwischen den Briten und den Holländern im Kampf gegen die Spanier hatte die britische Besatzung so einige Zeit, mit dem Wacholderschnaps auf Tuchfühlung zu gehen und es dauerte nicht lange, bis auch in England Kräuter eingelegt und destilliert wurden.

Für die Briten war das der Anfang, der Genever selbst allerdings, ist seit dem 16. Jahrhundert durch den holländischen Arzt Franciscus Sylvius de la Boe gängig. Der hatte an der heilsamen Wirkung von Wacholder geforscht und getüftelt und letztlich eine Rezeptur entwickelt, die nicht nur gegen Magenbeschwerden, Gicht, Rheuma, Fieber und scheinbar sogar die Pest hilfreich wirkte, nein: Das Resultat schmeckte auch noch.
Und weil ein jedes Kraut wirkt und schmeckt, hat man schnell begonnen, mit anderen Aromen und Wirkstoffen zu experimentieren, gerade auf dem Weg von Holland nach England.

Wie Medizin und holländische Eitelkeit den Gin erschufen

Aber auch das 16. Jahrhundert war nicht der allererste Anfang des Gins; erste Belege alkoholischen Hantierens mit Wacholder gegen Verdauungsbeschwerden sind auffindbar in der berühmten Medizinschule von Salerno, die sich bereits um 1000 n. Chr. zu gründen begann und sich in den nächsten drei Jahrhunderten zu einer der wichtigsten Medizinschule Europas entwickelte. Das waren zweifelsohne gut investierte Forschungsgelder.

Erst einmal in Großbritannien angekommen, ging die Karriere des Gins steil. Der damals regierende König Wilhelm III. (dem niederländischen Haus Nassau entstammend) hatte nämlich, aus damals üblicher nationaler Eitelkeit heraus, die Steuern und Zölle auf Importe (besonders aus den beiden verfeindeten katholischen Staaten Frankreich und Spanien) stark erhöht. Gleichzeitig wurde der Import des niederländischen Genevers billig, ebenso dessen Herstellung in England. Aus »Genever« wurde »Gin« als günstiges, wirksames Destillat der einfachen Bevölkerung.

Gin Lane Beer Street

Vom Wundermittel zum Teufelszeug

So begann also der große »Gin Craze« um 1700, die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung war Gin und das erhöhte weder die Wirtschaftskraft noch die Qualität. Das hat sich die Obrigkeit ein halbes Jahrhundert angesehen, woraufhin zwischen 1736 und 1751 der erste »Gin Act« folgte. Und wie zwingt man eine Bevölkerung in die Knie? Mit Steuern. Es folgten Abgaben für die Brenner, die sich die wenigsten leisten konnten, außerdem kostenpflichtige Lizenzen und Regularien für den Endkonsumenten. Und weil Verbote in der Regel recht absehbare Folgen haben, war dem auch hier so.

Zwar stieg die Qualität der offiziell verkäuflichen Gins, die meisten Stilrichtungen finden hier ihren Ursprung und Gin wurde so auch für andere Bevölkerungsschichten als die ursprünglich durch ihn vergiftete Arbeiterklasse attraktiv. Tatsächlich wurde Gin sogar gewissermaßen geadelt: Denn während die einfachen Seeleute der Royal Navy als tägliche Ration den oft noch minderwertigeren Rum erhielten, bekamen Offiziere irgendwann Gin.

Alte Kater und neue Wege für den Gin

Natürlich begann aber auch das Schwarzbrennen, was zu einem rapiden Abstieg der Qualität sorgte. Dafür aber auch für Stilrichtungen wie den Old Tom hervorbrachte – der Gin, der während des Gin Acts heimlich durch die Statue eines Katers (engl.: old tomcat) zapfbar und, für den erträglicheren Geschmack, obendrein gesüßt war. Es gibt eben stets mindestens zwei Seiten einer Medaille.

Qualitäts-Gin, wie wir ihn heute als selbstverständlich ansehen, entwickelte sich erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts: Die industrielle Revolution und neue Destillationsanlagen machten die Herstellung sowohl einfacher und günstiger als auch sicherer. Und zahlreiche Fortschritte in anderen Gebieten wie Chemie, Medizin, Botanik, Pharmazie und auch Politik veränderten allmählich den generellen Umgang mit Alkohol. Und so wurde Gin auch ein zentraler Bestandteil der klassischen Bar, die sich ca. ab 1880 zunächst in den USA und später in Europa zu verbreiten begann. Eine Bar-Historie ohne Dry Martini, Gimlet, Gin Fizz, Tim Collins, Negroni oder White Lady? Absolut undenkbar!

Drei Key-Cocktails mit Gin

Aviation Cocktail

Lange Zeit zu Unrecht - und je nach Quelle mangels Verfügbarkeit von Crème de Violette - in Vergessenheit geraten...

Negroni

Zu gleichen Teilen ergeben Gin, Wermut und Bitter eine schmackhafte Ménage à Trois, die sich ursprünglich um das Jahr 1920 als stärkere Variante des italienischen Americano entwickelte.

Dry Martini Cocktail

Bis heute zählt der Dry Martini Cocktail mit Gin, Wermut und der obligatorischen grünen Olive zu den beliebtesten Drinks der Bargeschichte.

Credits

Foto: Caroline Adam

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