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Der Collins & seine Anverwandten, Teil 5: Der Gin Punch

Die Geschichte des Gin Punch beginnt als medizinische: Er wurde ursprünglich gegen Malaria oder allgemeinen Leiden des Alltags verabreicht, wurde aber auch bald ein Getränk des einfachen Volkes, das ab ca. 1730 begann, sich einen Punch mit Gin zuzubereiten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Gin auch von der vornehmeren Gesellschaft genossen und ebnete den Weg zum Collins.

Bevor wir uns dem Collins zuwenden, müssen wir uns mit seinem Vorgänger näher beschäftigen, mit dem Gin Punch. Leider gibt es für diesen keine überlieferten, alten Rezepte. Wir wissen also nicht, wie man ihn anfänglich zubereitete. Deshalb schlägt David Wondrich vor, sich an anderen Rezepturen zu orientieren.

Die heiß-kalte Geschichte des Gin Punch

Für einen kalten Gin Punch wäre dies Major Bird’s Brandy Punch. Es ist ein altes Rezept, denn Major Bird war seit 1689 im Spirituosengeschäft tätig. Rechnet man sein Punchrezept auf ein Cocktailglas herunter, so kommen wir auf ungefähr 20 ml Brandy, 40 ml Wasser, 7,75 ml Zitronensaft und 4 g Zucker.

Ein heißer Gin Punch könnte sich an der Rezeptur für Blackwood’s Hot Whiskey aus dem Jahr 1828 orientieren: „Das Geheimnis der Herstellung von Whisky-Punch liegt in der Praxis. Der Zucker sollte zuerst in einer kleinen Menge Wasser gelöst werden, die so sein muss, dass die Iren sie als „kreischend heiß“ bezeichnen. Als nächstes gib den Whisky dazu. Dann füge einen dünnen Streifen frisch geschnittener Zitronenschale hinzu. Dann füge den Rest des Wassers hinzu, so dass die Spirituosen einen drittel Teil der Mischung ausmachen. Schließlich. – Trink! Zitronensaft ist schädlich und sollte vermieden werden.“

Historischer Gin Punch als Medizin

Ein Blick in medizinische Bücher des 18. und 19. Jahrhunderts zeigt, welche Bedeutung der Gin Punch spielte. Man verordnete ihn, wenn man Probleme mit dem Wasserlassen hatte, oder auch bei Nierensteinen oder Gelbfieber. Am interessantesten, auch im Hinblick auf Gin & Tonic, ist der Hinweis, dass man Gin Punch bei Malaria und ähnlichen Krankheiten verschrieb, die mit einer Wassersucht einhergehen.

1809 besetzten die Briten die niederländische Insel Walcheren. Sie mussten sie jedoch nach wenigen Monaten wieder verlassen, da täglich bis zu 25 Soldaten am Walcheren-Fieber starben. Man nimmt an, dass es sich dabei um eine lokale Form der Malaria gehandelt hat, gegen die die einheimische Bevölkerung weitgehend immun war. Malaria gab es nicht nur in den Tropen, sondern auch in Europa, und man behandelte sie unter anderem auch mit Gin Punch und Chinarinde.

Ein 1810 veröffentlichter Beitrag berichtet darüber: „Der Behandlungsplan, den ich zuletzt im Walcheren-Wechselfieber angewendet habe, war der beste, der bei Wassersucht verfolgt werden konnte … Abführmittel … wurden jeden vierten oder fünften Tag eingefügt, solange die Ansammlung von Wasser im Unterleib auf die Notwendigkeit ihres Einsatzes hinzuweisen schien.. Ich verabreichte diese Medikamente bei jeder Art von Wassersucht, … während ich den Kranken Gin Punsch als ein alltägliches Getränk erlaubte. Durch diese vorbereitenden Mittel wurde ich bald in die Lage versetzt, die Rinde wieder zu verwenden, wenn die Häufigkeit der Krämpfe dies unbedingt erforderte… .“

Bei Malaria kann es zu einer Durchblutungsstörung der Nieren kommen. Durch eine malariabedingte Niereninsuffizienz kann eine sogenannte Wassersucht auftreten: Flüssigkeit wird aufgrund einer fehlenden Urinausscheidung zumeist in Weichteilen eingelagert. Deshalb gab man Wacholder in Form eines Gin Punch, da Wacholder diuretisch wirkt. Allerdings darf man nicht überdosieren, da Wacholder die Nieren reizt und es bei Überdosierung zu Nierenschäden oder sogar zu einem Nierenversagen kommen kann. Deshalb ist auch oft davon die Rede, daß man in solchen Fällen nur einen leichten Gin Punch zu sich nehmen solle.

Gin Punch als Genuss

Gin Punch war aber auch etwas, an dem sich das einfache Volk ergötzte. Das 1810 erschienene Buch „Die Leidenschaften, humorvoll geschildert“ beschreibt dies mit: „But here old merry Kate, and Nan, and Bess, Find nearer ways to climb happiness: Gin, punch and flip, are all their sole delight; They laugh at th‘ world, and swear they‘re only right.“ – „Aber hier finden die alte fröhliche Kate, Nan, und Bess nähere Wege, um den Gipfel der Glückseligkeit zu erklimmen: Gin, Punch und Flip, sind ihre einzige Freude; Sie lachen über die Welt und schwören, dass sie nur Recht haben.“ (Aus Timothy Bobbin: The passions, humourously delineated. London, Edward Orme, 1810. Plate XVI.)

Was ist der Hintergrund für diese Karikatur? Um 1720 war Gin zur bevorzugten Spirituose der englischen, städtischen Bevölkerung geworden. Er war zumeist nicht von bester Qualität, dafür aber billig. In den 1730er Jahren soll die Unterschicht damit begonnen haben, einen Punch mit Gin zuzubereiten. Doch damit war Gin noch immer nicht gesellschaftlich allgemein akzeptiert, denn wer es sich leisten konnte, bevorzugte beispielsweise importierten holländischen Genever oder französischen Cognac. Dies änderte sich erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, und schließlich wurde Gin auch von der vornehmeren Gesellschaft genossen und er in den ehrbarsten Gasthäusern, Clubs, Kaffeehäusern und Offiziersmessen angeboten.

Alle wollen Gin Punch

Zur Geschichte und Erfolg des Gin Punch hat sicherlich nicht nur beigetragen, dass man ihn als Medizin kannte, sondern auch der Wunsch, am Glamour der Oberschicht teilzuhaben. Man konnte sich vielleicht keinen teuren, importierten Brandy oder Genever leisten, einen Punsch wollte man aber auch trinken, und die teuren, frischen Zitronen konnte man durch Zitronensäure ersetzen. Aus dem Gin Punch entwickelte sich der Collins, und alles, was Rang und Namen hatte, trank diesen neuartigen, sprudelnden Gin Punch. Es war wie heute auch: Trinkt beispielsweise Madonna ein bestimmtes Wasser, wollen es ihr gleichtun.

Über die Entstehung dieses sprudelnden Gin Punch berichten wir in Teil 6 dieser Serie.

Credits

Foto: The Internet Archive

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