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Globale Trinkkultur. Eine europäisch-transatlantische Reise.

Amerika

Der größte Unterschied zwischen den Staaten und dem Vereinten Königreich ist – so wurde mir erklärt –, dass in Amerika selbst in einem gottverlassenen Kaff in Arkansas der Bartender versuchen würde, einen Manhattan zu mixen, während man im Vereinigten Königreich (damals zumindest) eine glatte Abfuhr bekäme. Mehr noch als der UK-Markt ist der amerikanische Markt der Haupttreffer für jede Spirituosenmarke, und es werden Unsummen darauf verwendet, Gewerbe und Konsumenten auf dem Laufenden zu halten, was Cocktails betrifft. Schließlich war David Wondrich selbst bei Conan O’Brian zu Gast!

Australien

Australien, ein ganzer Kontinent mit der Einwohnerzahl von LA oder den Niederlanden, ist das spektakulärste Beispiel für eine rasant sich entwickelnde Cocktailkultur. 2002 konnten die meisten Bars gerade noch einen Bourbon und Coke über den Tresen schieben, jetzt, acht Jahre später, hat jede größere Stadt Bars von Weltruf, eine jährlich stattfindende, gut besuchte Barmesse und eine Bargemeinde, die inzwischen Cocktails wie früher Wein und Bier bestellt. Australiens Aufstieg in die höheren Ränge erklärt sich durch seinen Ehrgeiz, immer an erster Stelle zu rangieren, wie auch durch die Tatsache, dass die Australier einfach gerne essen und trinken und auch gerne übers Essen und Trinken reden. Außerdem gibt es im Land selbst, wie auch in den asiatischen Nachbarländern, die tollsten Früchte und Kräuter. Echte Glückspilze!

England & Schottland

Klare Sache. Wie in Down Under wird man in jeder größeren Stadt mindestens eine Spitzenbar finden, in London gleich ein gutes Dutzend. Das Vereinte Königreich verdankt das einer Bevölkerung, deren Durst berühmt ist, sowie der Tatsache, dass eine Einwohnerzahl von 57 Millionen einen bedeutenden Markt darstellt, dass England zur EU gehört und dass die meisten international bekannten Marken eine Niederlassung in England haben. Das bedeutet, dass viele Marken in England lanciert werden und entsprechend Werbung machen, was die Cocktails umso mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt. Praktisch hat jede Bar ihre Cocktails auf dem Programm, und die meisten Bar-Ketten haben den Weg der Gastro-Bars mit hochwertigen Speisen und Getränken, d.h. auch Cocktails, eingeschlagen.

GSA // Germany, Switzerland, Austria

Nein, ich sage das nicht, weil der Text für Mixology bestimmt ist. Deutschland besitzt tatsächlich eine lange Cocktailkultur und hat sich in den letzten Jahren als führend auf dem Gebiet der klassischen Cocktailkultur profiliert. Was Kundenfreundlichkeit und Qualitätsmanagement betrifft, können sich die deutschen Spitzenbars mit denen Londons oder New Yorks oder anderer Metropolen durchaus messen, oder sie sind sogar noch besser. Im deutschsprachigen Raum gibt es mindestens ein Dutzend Bars von Weltklasse, die sich auf Städte wie Köln, Hamburg, Frankfurt, Berlin, Wien, Zürich und andere verteilen.

Italien

Zugegeben, in Italien fehlt die Barmesse, und man findet auch nicht in jeder Stadt eine Spitzenbar – in Rom macht sich dieser Mangel besonders bemerkbar – dafür gibt es aber unendlich viele einheimische Cocktails, die italienischer nicht sein könnten: Negronis, Sgroppinos, Americanos, Bellinis …

Japan

Aus anderen Gründen, als man vielleicht annimmt, wird im East Village von New York heftiger gerüttelt und geschüttelt als in ganz Japan. Konsumiert wird hauptsächlich in izakayas, japanischen Bars, wo ein Cocktail Standard ist, auch wenn es sich gewöhnlich nur um einen einfachen Highball handelt. Eine Fachzeitschrift, eine Messe und Spitzenbars findet man nur in Tokio und Osaka. Japan zeichnet sich vor allem durch seine zahllosen izakayas und die ungeheuere Popularität seiner Highballs aus.

… gut und schön, das ist vielleicht nicht gerade neu. Schnee von gestern, Müll von morgen. Sie wollen vor allem wissen, welche Länder sich als nächste weltweit profilieren, stimmt’s?

Dänemark

Es gibt Gerüchte, dass Anfang 2011 eine Barmesse stattfinden soll. Eine Fachzeitschrift ist nicht vorhanden, und außerhalb von Kopenhagen tut sich nicht viel. In Kopenhagen dafür aber umso mehr. Innerhalb der skandinavischen Länder rangiert Dänemarks Cocktailkultur an erster Stelle (eine Auszeichnung, die bis vor fünf oder sechs Jahren noch Stockholm für sich beanspruchte). Grandiose Bars wie Rugy, 1105, MASH, Umamai, The House at King’s Garden, Salon 39, The Union, Nimb, Oak Room und K Bar haben dazu beigetragen. Man muss sich vor Augen halten, dass Kopenhagen häufig als das Amsterdam des Nordens bezeichnet wird, obwohl Amsterdam nur zwei Bars aufweist – Door 74 und Vesper –, die sich mit ihren dänischen Pendants messen können.

Kanada

Während sich südlich seiner Grenze die Cocktailkultur mit Warp-Geschwindigkeit entwickelte, blieb sie in Kanada auf dem Stand von 1986: Sexy Girls in knappen Oberteilen, Caesars, Bier und Kurze (Yah!). Selbst heute fragt man sich, warum es in Toronto, nach NY, LA und Chicago die viertgrößte Stadt im Norden der USA, nur eine Bar – Barchef – gibt, die auch außerhalb des Landes bekannt ist. Der Staat hat zwar das Branntwein-Monopol, aber was soll’s, in Dänemark hat er das auch. Doch die Kanadier trinken einfach gerne, und die Tatsache, dass in Vancouver das erste Cocktail Festival »Tales of the Cocktail« abgehalten wurde, ehrt die großartige Leistung der Belegschaft von Lumière, The Refinery, Clive’s Classic Lounge, LAB, West, Diamond, George, L’Abattoir und vielen anderen.

Spanien

Von dem Trio Spanien-Portugal-Irland der unwahrscheinlichste Kandidat, lässt sich Spanien am ehesten mit Italien vergleichen. Die Einheimischen bevorzugen Klassiker, und es gibt keinen besseren Ort als Spanien, wenn man wie ein Kubaner vor der Revolution trinken will. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass die Cocktailkultur auch außerhalb von Madrid und Barcelona Fuss fassen wird. Die Spanier sind ähnlich hedonistisch veranlagt wie die Franzosen. Sie lieben gutes Essen und haben außerdem eine Schwäche für Spirituosen. Es gibt ausgezeichnete, kundenfreundliche Messen mit internationalen Rednern, und der Vollständigkeit halber soll noch gesagt werden, dass die Industrie die alten Klassiker den modernen vorzuziehen scheint.

Das wär’s also – ein kurzer Abriss der globalen Trinkkultur, während wir dem neuen Jahr voller Hoffnung entgegenblicken. Abschließend noch ein Gedanke, der von Ayn Rands Zitat inspiriert wurde: Eine moderne Cocktail-Kultur bedeutet meiner Meinung nach, in guter Gesellschaft gepflegte Drinks zu genießen, egal, ob diese Drinks nun angesagt sind oder nicht. Eine solche Kultur symbolisiert Frieden und Wohlstand: In Afghanistan werden in diesem Augenblick wohl kaum Manhattans kredenzt (obwohl das Land einen Drink brauchen könnte … ). Der schlechteste Cocktail meines Lebens war wunderbar, denn ich war ein gesunder, freier Mensch, und ich hab ihn zusammen mit meinen Freunden getrunken. Danach hielt ich mich allerdings wieder an Bier …

Keine Kultur kann sich halten, wenn ihr Ziel Exklusivität ist. — Ayn Rand

 

(Dieser Artikel erschien erstmals in MIXOLOGY Issue 1/2011. Das Printmagazin MIXOLOGY erscheint alle zwei Monate. Informationen zum Abonnement finden Sie hier auf MIXOLOGY ONLINE.)

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