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„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“

Mit Gregor Scholl verlässt einer der prägenden Exzentriker und Barromantiker den Tresen. Seinen Nachfolger im „Rum Trader“ wird er noch begleiten, dann wird wieder komponiert, ein Garten in der brandenburgischen Provinz beackert und Weltweisheiten im Gedächtnis verankert. Wikiquote muss hart an sich arbeiten und die Zeit darf wieder Zeit sein und voranschreiten. Markus Orschiedt hat Herrn Scholl in Beelitz besucht.

Der Rum Trader und sein Impresario Gregor Scholl, der Welt und seiner Frau nur bekannt als „Herr Scholl“, sind Geschichte. Oder sollte man schreiben Legende? Beides stimmt sicherlich im doppelten Sinne des Wortes. Der Autor dieser Zeilen hat einmal in einer Reportage für „Vice“ geschrieben, im Rum Trader stehe die Zeit so still wie ein Glas Wasser. Eigentlich ist es noch skurriler, und das hat mit der Historie der Bar, besonders mit der 20-jährigen Regie des Herrn Scholl zu tun.

In diesem winzigen, irdischen Läuterungsraum, wie geschaffen für die Begehung von Untaten und ihre zeitgleiche Buße. Ein klandestiner Ort für Agentenlatein, Theatermorde und eine Luftbrücke gegen Schreibblockaden, wurde die Zeit von Herrn Scholl paternalisiert. Sie wurde nicht nur angehalten, sondern mit der gewaltlosen Gewalt der schöneren Erinnerung in vergangene Jahrzehnte getaucht.

Aus dem Archiv: Herr Scholl im Rum Trader

Die Zucht des artifiziellen Betrinkens

In die verworrenen Nachkriegsdekaden Berlins, die Herrn Scholls Vorgänger und Gründer dieses Flüsterkabinetts, Hans Schröder – ein Freund des James Bond-Autors Ian Fleming –, schon zu internationaler Geltung gebracht hat. Wenn die Fahne vor dem Lokal gehisst war, wussten die meist eingeweihten Gäste, hier gibt es jetzt wieder nichts zu erleben, außer inszenierten Geschichten und Gesprächen, aber die waren immer so gut, dass die Realität jenseits des Eingangs so fad war wie das dritte Gramm Koks, das die Synapsen der Psychonauten und Lemminge der Trashkultur rituell zum Tanzen brachte und das sie mit der Libido der Nacht verwechselten.

Diese Gelichter haben diesen Ort nie gesehen oder wurden von Herrn Scholl bereits beim Versuch des Eindringens an die eigene Beschränktheit zurückverwiesen. Im Rum Trader herrschte unter Herrn Scholl die Zucht des artifiziellen Betrinkens und die Ordnung des koordinierten Untergangs. Wo bekommt man schließlich Drinks von einem ausgebildeten Komponisten serviert? Sicher, auch da kann es zuweilen kakophonisch zugehen, es gilt aber immer das Gestaltungsprinzip und nicht das modische Anything goes. Herrn Scholl ist alles Zeitgeistige zuwider. Der Mann trägt Dreiteiler aus den 1920er und 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts, schnupft Tabak und fokussiert mit dem Monokel. Schnurlose Telefone, Computer, Autos: notwendige Übel und Vehikel des Vorbeirauschens an und durch die Welt. Nur Mediokre machen da aktiv mit oder halten das für Symbole der Distinktion.

Die Bar als gut bezahlter Logenplatz zur Welt

Aber irgendwie ist Herr Scholl dann doch angekommen in den Süßgräsern aus Weizen, Roggen, Gerste und dem Illusionsraum Bar. Natürlich nicht ohne die göttliche Perspektive des Schöpfers, der elitären Attitüde, die sich aber mit dem Pragmatismus eine schöne Tarnung gibt: „Mit 14 begann meine Ausbildung zum Komponisten am Konservatorium – als Enkelschüler des berühmten Arnold Schönberg –, aber statt Klavierunterricht zu geben, habe ich die Gastronomie als Einnahmequelle entdeckt. Die Bar als Fenster zur Welt.“ Oder, um Marcel Proust zu zitieren: ‚Ein gut bezahlter Logenplatz zur Welt‘.“

Das ständige Zitieren berühmter Personen ist eine der Eigenarten in Herrn Scholls Duktus. Man kann das für Eitelkeit oder, noch schlimmer, für Denkfaulheit halten, die sich durch eben jene Geisteshonoratioren legitimieren lässt. Das ist in seinem Fall allerdings eine Eselei. Der Mann mit dem eidetischen Gedächtnis lebt in der Kultur, sie ist Zerstreuung und Lebenselixier, Laster und Arbeit zugleich. Das Zitieren und Rezitieren drückt seinen tiefen Respekt vor den Leistungen anderer aus.

Nun stehen aber tiefgreifende Veränderungen ins Haus, die ebenfalls gewisse Leistungen einfordern werden und Herr Scholl bittet zum Gespräch in seine Sommerresidenz nach Beelitz, jenem brandenburgischen Ort, den jeder als Spargelkulturlandschaft und Honeckerfluchtheilstätten kennt.

Besonnte Höhe, Tal der Leidenschaften

Der Besucher schleicht zögerlich durch das Kleinod, hübsche Feldsteinmauern, ein wenig schief den Zeiten abgetrotzt, und wird vom Hausherrn schließlich über einen ausgewaschenen Feldweg ins versteckte Habitat geleitet, verfolgt von den obligatorisch-misstrauischen Blicken der Eingeborenen. Begrüßung mit einem spritzigen, alkoholfreien Frucht-Secco Traube (BIO) von der Kelterei Van Nahmen, wo zu anderen Zeiten sicherlich ein Frühnachmittags-Gin & Tonic standesgemäß gewesen wäre.

Scholl im typischen Ornat: Strohhut, hochbündige Anzughose, Sonnenbrille, handgebundene Schleife, mit feinstem Leder beschuht, dampfende kubanische Zigarre. Dandy und Provinznomenklatura, eine Mischung im Habitus aus dem lichtgestimmten Maler Claude Monet und dem dauerverstimmten Nikita Chruschtschow. Exzentrik und Romantik, zwei Schlüsselbegriffe in Scholls Vita, die in den letzten 20 Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung durch den Betrieb des Miniaturtheaters „Rum Trader“ markiert war.

Damit ist nun bald Schluss! „Es ist eine Regel der Klugen, die Dinge zu verlassen, ehe sie uns verlassen.“ Wieder ein Zitat, diesmal von Baltasar Gracián. Vermutlich aus dem „Handorakel der Weltklugheit“. Ob er denn die Welt nicht vermissen werde, die Welt des Rum Trader und jene, die ihn dort aufgesucht hat? Das sei gar kein so harter Bruch, er gehe einfach den nächsten Schritt in seinem Leben. „Die Entscheidung war ein langer Prozess, es gab genug Zeichen an der Wand. Mir wird nichts fehlen, das Sättigungspotenzial ist ausreichend“, glaubt er. Mehr Gesundheit sei das Credo: „Wenn man nach 30 Jahren Barwesen noch eine einigermaßen heile Leber und Bauchspeicheldrüse hat, sollte man das bewahren. Im Beruf im allgemeinen und in diesem ganz speziell muss man das richtige Timing haben.“

Es sei eine glückliche Fügung, dass er mit Herrn Zamani einen geeigneten Nachfolger gefunden habe. Nun seien alle Vereinbarungen unter Dach und Fach. „Ich stehe dem Hause weiterhin begleitend zur Seite, wie es mein Vorgänger vor 20 Jahren mit mir gemacht hat.“ So ein Projekt dürfe man nicht an die Wand fahren. Daher werde er dem Nachfolger auch physisch präsent zur Seite stehen, eine Brücke zu den Gästen bauen, „aber man muss auch genug Beinfreiheit geben. Nicht wie bei Shakespeare, wo die Geister der Vergangenheit im Hintergrund ihre Schatten werfen. Mir haben damals auch viele Leute mit klugem Rat geholfen.“ Er blicke, besonders an diesem Sommertag, voller Zuversicht in die Zukunft, er werde „von der besonnten Höhe reifer Männlichkeit gelassen in das Tal der Leidenschaften blicken“. So ganz lässt die Bar Herrn Scholl nicht los. Es gäbe verschiedene Anfragen für Beratungstätigkeiten, auch aus dem Ausland, und es bestünde kein Mangel an Interesse.

Gregor Scholl in seinem Garten in Beelitz: „Ich habe alles Bürgerliche hinter mir gelassen.“

Faire Chance als Toter

Aber eigentlich und wirklich neu werden die Schritte in der Musik sein. „Ich werde wieder komponieren. Eine Sinfonie, vielleicht eine Oper.“ Aber auch da gibt es noch eine Verbindung zur Bar. Scholl war einer der stilprägenden Romantiker der Bar, dem die Lust- und Schauknaben in den Sozialen Medien mit ihren Businessplänen und nie gelebten Kostümierungen stets suspekt waren. Auch, wenn er einige für ihre Disziplin und Gradlinigkeit durchaus geschätzt hat, seine Welt war das nie. „Ich habe die Bar immer so betrieben, wie ich mich auch musikalisch sehe. Ich bediene aus der Tradition, der musikalischen Geschichte und ihrem Kompendium, bin aber am stärksten der Spätromantik und dem Expressionismus verbunden.“

Den Begriff der Romantik will er auf keinen Fall konservativ verstanden wissen. „Die Romantiker wurden ja bekämpft, weil sie erst einmal das Neue, Moderne wollten, die Abwendung von der Antike und der Klassik.“ Erst in der Neuzeit habe sich der Begriff hin zum Sentimentalismus, zum Gefühligen gewandelt. Und da zu den Spätromantikern auch Gustav Mahler gehört, hat er noch eine erstaunliche Geschichte zu erzählen. „Die Gastronomie birgt ja immer die Gefahr der nur oberflächlichen Freund- oder Bekanntschaften. Ich hatte da aber einen hartnäckigen Gast. Er hat sich heimlich meine Partituren besorgt und ein Chellokonzert wieder aufgeführt.“

Yoel Gamzou heißt dieser Mann. Und ist als einer der jungen, wilden Dirigenten berühmt geworden durch seine Gustav-Mahler-Interpretationen und die Bearbeitungen von dessen unvollendeter 10. Sinfonie. „Das hat eigentlich wieder meine Lust auf das Komponieren geweckt. Es ist doch ein Geschenk, wenn einem die Jugend wiedergegeben wird. Wir träumen doch von den Bildern von früher, die in die Seele sinken“, zitiert Scholl wieder jemand ganz romantisch. In Zukunft werde der Lebensmittelpunkt neben Berlin verstärkt in Wien liegen, wo man eine Wohnung habe. „Der Beruf des Komponisten hat da noch eine soziale Realität. „Meine – natürlich promovierte – Hauswirtin hat mir einmal orakelt, dass ich es zu meinen Lebzeiten als Komponist schwer haben werde, aber nach dem Tode bekäme ich eine faire Chance.“

Österreich sei überhaupt ein schönes Land. Reaktionär, aber heiter. Oder, wie der Kabarettist Karl Farkas es ausdrückte: „Der Österreicher schaut mit unerschütterlichem Vertrauen in die Vergangenheit.“ Nicht zu unterschätzen findet Scholl auch die Qualität der österreichischen Küche und schüttelt sich bei dem Gedanken an Berlin.

Scholl versus Wikiquote

Das Landleben in Beelitz ist ebenfalls zurückeroberte Kindheit für jemanden, der wie Scholl halb rural, halb urban aufgewachsen ist. „Man lebt hier in friedlicher Koexistenz, ich habe alles Bürgerliche hinter mir gelassen. Die Natur belehrt einen und man kann gut geistig arbeiten. Insofern ist das hier ein herrliches Tusculum, wohin man sich zurückziehen kann.“

Müßig zu erwähnen, dass der indische Philosoph und Komponist Rabindranath Tagore hierfür eine Formel gefunden hat, die Herr Scholl lautmalerisch in den Garten deklamiert: „Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“ Jener Garten, der in Teilen noch seiner architektonischen Gestaltung harrt und die Pläne schon gefasst sind. Man vermisse eben wenig und die moderne Technik mache ja alles möglich.

Es gibt also vielleicht Hoffnung, dass Herr Scholl tatsächlich abseits des großstädtischen Treibens die Segnungen der digitalen Zeiten gleichberechtigt in den Monokelrang erhebt. Schließlich hat Chruschtschow seine Erinnerungen auf einem damals noch hochmodernen Magnettonband festgehalten und außer Landes schmuggeln lassen. Vielleicht bei einem Champagner Bollinger oder einem guten Wein, was wiederum Monet erfreut und in tünchende Höhen versetzt haben dürfte. Es bleibt allerdings eine vage Hoffnung, denn zum Schluss wird einem die letzte, die allerletzte Weisheit entgegen geschleudert, sodass man Wikiquote für eine unvollständiges Poesiealbum hält. Oscar Wilde habe mal geschrieben: „Das Glück liegt nicht im Jenseits, sondern im Abseits.“

Credits

Foto: Markus Orschiedt

Comments (4)

  • Flötgen, Dieter

    Gibt es auch eine Anschrift in Beelitz?

    reply
    • Mixology

      Lieber Dieter Flötgen,

      die liegt uns nicht vor, da der Autor die Reise eigenständig organisiert hat. Wir würden eine Privatanschrift aber auch nicht weiterreichen.

      Beste Grüße,

      Stefan Adrian

      reply
  • Detlef Bernhardt

    Hallo mein Name ist Detlef Bernhardt Inhaber der Restaurantkette NU und Macher des Podcast eatdrinkmenwomen

    Ich war Jahre lang Gast im Rum Trainer und Herr Scholl kennt mich gut. leider habe ich nicht mehr seine Kontaktdaten . Ich
    würde IHN GERNE in meinem Podcast als Gast/ Gesprächspartner begrüssen . Vielleicht können sie da was vermitteln ??
    Das währe echt super . Merci merci im voraus .

    D.Bernhardt

    reply
    • Mixology

      Lieber Herr Bernhardt,

      wir als Redaktion können in diesem Fall nichts tun, außer Herrn Scholl auf Ihren Kommentar und Ihre dein enthaltene Bitte aufmerksam zu machen. Das ist soeben geschehen. Ihre Telefonnummer haben wir aus Gründen des Datenschutzes aus dem Kommentar entfernt und geben sie bei Bedarf an Herrn Scholl weiter.

      Herzliche Grüße aus der Redaktion
      // Nils Wrage

      reply

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