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Gerstensaft auf der Grünen Woche.

Die Grüne Woche ist nun schon ein paar Tage vorbei, aber wir haben uns einmal umgesehen und uns einen Überblick über das Angebot verschafft.

Mittlerweile ist sie mit 1200 Austellern und Besucherzahlen jenseits der 400.000 eine der größten Konsumentenmessen im landwirtschaftlichen Bereich weltweit geworden.

Doch wie steht es um das landwirtschaftliche Erzeugnis Bier? Wie bildet sich der sinkende Gesamtkonsum bei gleichzeitig gesteigertem Bewusstsein für Qualität und Vielseitigkeit auf einer solchen Veranstaltung ab? Neben den vielversprechenden Ankündigungen einer eigenen Halle zum Thema, hatten viele Austeller Biere aus kleinen Brauereien mitgebracht, und auch Berlin selbst würde durch kreative Brauer vertreten sein.

Von der Kunst, eine Messe zu betreten

Das war zunächst leichter gesagt denn getan, denn etwas Zollmentalität scheinen sich einige Mitarbeiter auf dem Messegelände bewahrt zu haben. Selbst schuld, wer keinen Presseausweis vorlegen kann, dennoch hätte ich nicht erwartet, dass das Erbringen eines Arbeitsnachweises für einen Online-Schreiberling in Zeiten von Laptop und Smartphone so schwierig sein würde. Tatsächlich saß die Dame in der Presseakkreditierung aber in einer hermetisch abgeriegelten Zelle zwar mit Computer, aber ohne Internet und offenbar auch ohne große Lust, sich zu Gunsten vergesslichen Pressevolks geistig oder körperlich zu bewegen.

Besonders amüsant, zumindest für den Zuhörer, war die Diskussion einer Autorin, die auf der Messe ihr Buch präsentieren sollte, selbiges aber nicht in der Tasche hatte. Frei nach dem Motto “Da kann ja jeder kommen!” blieb die eherne Lady auch hier unverrückbar, offenbar wenig eingeschüchtert von dem Eindruck, den man bei geladenen Gästen erzeugt, wenn man sie mehr oder minder höflich bittet, sich doch gefälligst ein Ticket zu kaufen.

Biervana?

Nachdem diese Hürde schließlich mit der freundlichen Hilfe flexiblerer Mitarbeiter und etwas gesundem Menschenverstand genommen war, stand die Pforte ins erhoffte Biervana dann endlich offen. Der erste Eindruck in der Brandenburg-Halle war jedoch durchmischt.

Am Stand der Klosterbrauerei Neuzelle konnte man sich gut unterhalten und durchaus spannende Kreationen wie Heubier und Gourmet Pilsener verkosten, Hintergrundinformationen dazu blieben aber auf ein enttäuschendes “hochwertigere Rohstoffe” beschränkt – zu wenig in Zeiten, wo Biertrinker kompetenter werden und Brauer Hopfen-, Malz- und Hefesorten auf ihren Etiketten aufführen. Ein längeres Gespräch mit Inhaber Stefan Fritsche förderte im Nachhinein immerhin zutage, dass das Gourmet Pilsener kaltgehopft ist. Schale Namensgebung, schreckliches Etikett mit Hummer, aber ein gutes Pilsener. Hier kam es wirklich auf den Inhalt an. Allgemein konnte man spüren, dass nicht nur der alkoholische Getränkesektor, sondern auch der Lebensmittelmarkt insgesamt die wachsende Bedeutung von Bier als vielseitiges Getränk anerkennt.

Zeugnis dessen war die Halle 12, welche neben zahlreichen Verpflegungsgelegenheiten der Vielfalt des Gerstensaftes gewidmet war. Das Zentrum teilten sich Pyraser und das Brauhaus Riegele mit dem Stand von Dérer Import. War letzterer mit seiner vielfältigen Bierauswahl von Camba Bavaria bis BrauKunstKeller auf der Berliner Biermeile noch ein ziemlich einsamer Fels in der Brandung der trunkenen Massen, fand er sich auf der Grünen Woche also in zunehmend besserer Gesellschaft.

Riegele blieb es vorbehalten, für das kulinarische Highlight der Halle zu sorgen, denn wo sonst eher deftige Hausmannskost dominierte, stellte der Rehrücken mit einer Soße aus und in Begleitung von dem kräftigen Ator 20-Doppelbock eine verführerische Paarung dar.

Eine Überraschung für den abgestumpften Craft-Beer-Veteran bot die kleine Zwönitzer Brauerei aus dem Erzgebirge. Neben der teutonischen Biertriade (Hell, Dunkel, Weizen) hatte Brauer Dominik Naumann hier auch ein überraschend rundes India Pale Ale am Start, eine gelungene Verbindung moderner Fruchtigkeit und des weniger aggressiven, englischen Stils. Als dazu dann noch die im Rumfass ausgebaute Variante zum Vergleich ins Glas floss und die trockenen Holz- und süßen Rumnoten problemlos in das immer noch klar erkennbare Ursprungsbier einbrachte, war es um diesen Bierliebhaber geschehen. Auf ein Wiedersehen bei der Braukunst Live! 2014 kann man sich nur freuen.

Besonderes Bier trifft auf die Masse

In der Berliner Halle (7) bildeten Schoppe Bräu, der Online-Handel Bier Deluxe, das Projekt Braumeister Selektion, die Berlin Beer Academy und der wieder auf der Bildfläche erschienene Brewbaker Michael Schwab ein starkes Gebinde Berliner Bierkompetenz.

Doch auch hier war die Reaktion durchmischt:
“Im Vergleich zu einer Fachmesse hatte man logischerweise eine Menge Laufpublikum.” erzählt Thorsten Schoppe, Braumeister im Brauhaus Südstern und am Pfefferberg. “Bierinteressierte kamen natürlich von selbst zu uns, doch die große Mehrheit begnügte sich schon mit Pilsener und Co. Glücklicherweise waren wir ja sehr breit aufgestellt und konnten so auf alle Bedürfnisse eingehen. Unbedarfte für ausgefallene Biere zu begeistern, erforderte aber auch hier intensive, persönliche Beratung. Da hatten wir, direkt gegenüber von Kaisers samt Supermarktpreisen, im Wortsinne keinen einfachen Stand.”

Negativ aufgefallen ist die Hamstermentalität vieler Besucher, offenbar aus der Idee geboren, man habe mit dem Eintrittsgeld ja schon alles bezahlt. Nur davon sieht der Austeller nichts, und so bestätigt auch Schoppe, dass es sich eher um ein Verlustgeschäft handelt. Das Ziel einer Messe ist natürlich, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen, doch stellt sich hier zurecht die Frage, ob die Grüne Woche die richtige Bühne für besonderes Bier ist. Die Wertschätzung solcher Genussmittel braucht eine gewisse Atmosphäre, die dem Besucher diese Wertigkeit vermittelt. Fehlt diese, landet man leider in den meisten Fällen  bei den sprichwörtlichen Perlen und Suina.

Abschließend noch ein Wort zu Bier aus dem diesjährigen Partnerland Estland. Erkenntnisse aus dem Rest der Welt bewahrheiten sich auch hier. A. LeCoq, das meistverkaufte Bier Estlands, ist eine grässliche Plörre ohne Abgang und ohne Seele, und darf gern in Estland bleiben. Wer Geschmack und Qualität sucht, muss auch hier kleiner denken. Põhjala Beer kommt aus einem Brewpub in der estnischen Haupstadt Tallinn, in dem auch Braumeister gewisser schottischer Craft-Größen (BrewDog) bereits gesehen wurden.

Weiß man, wonach man sucht, lassen sich auf der Grünen Woche also durchaus kulinarische Entdeckungen machen, Geduld und hohe Toleranz für Besucher mit gänzlich anderer Motivation vorausgesetzt.

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