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Handgemacht

Handgemacht = hochwertig? Ein paar Gedanken

Produkte aus kleinen Brennereien beleben den Spirituosenmarkt derzeit in prägnanter Weise. Doch sind „handwerklich“ hergestellte Spirituosen automatisch besser? MIXOLOGY-Autor Nils Wrage widmet dem Thema ein paar Gedanken.
Neben der Tendenz zu alten, vergessenen Rezepten und Spirituosen erlebt die Bar- und Getränkewelt bereits seit einiger Zeit einen weiteren Trend. Kleine Marken drängen mit handwerklich hergestellten Spirituosen auf den wachsenden Markt und werben um die Gunst der anspruchsvolleren Konsumenten.
Abgrenzung durch Bescheidenheit?
Die Wertschätzung „artesanaler“ Produkte als generelle Bewegung zur Abgrenzung von industrieller Massenware macht auch vor der Barkultur nicht Halt. Ebenso spielt die Komponente der ökologischen Nachhaltigkeit in jener neuen Genusskultur eine zentrale Rolle, meint man doch, – im Regelfall – mit einem Bioprodukt auch automatisch eine höhere Qualität zu erstehen.
Dieser Trend zu Produkten kleiner, oft lokal oder regional assoziierter Hersteller hat in der Spirituosenbranche zu einem regelrechten Boom geführt. Ähnlich wie beim Craft Beer stehen auch bei den fleißigen Kleinbrennern Qualität und Handwerk im Vordergrund, um ein möglichst neuartiges Produkt zu kreieren. Der Launch des schwarzwälder Monkey 47 war beispielsweise ein zentraler Impuls für die Wahrnehmung hochwertiger heimischer Spirituosen in Deutschland. Besonders im Trendsegment Gin ist der Markt in letzter Zeit durch eine schier unüberblickbare Vitalität gekennzeichnet. Fast wöchentlich betreten neue Marken das Parkett. Und das ist auch gut so. Doch lohnen sich all die neuen Marken oder ist damit letztendlich nur ein rasches, trendbezogenes Geschäft intendiert, das jeder Langfristigkeit entbehrt?
Von der Spezialität zum Regelfall
Gerade der oben erwähnte Gin-Markt – aber auch andere Sparten – scheinen sich in letzter Zeit doch etwas dreist an den grundsätzlich so wohlgeschätzten Vokabeln wie „handgemacht“, „artesanal“ oder „premium“  abzurackern. Mit der Einführung bestimmter, mittlerweile etablierter Marken, deren Qualität unbestreitbar hervorragend ist, sind einige negative Begleiterscheinungen einher gegangen. Während das „Handgemachte“ (also das Produzieren in kleinen, aufwendig erzeugten Chargen) oder der regionale Bezug bei Produkten wie eben Monkey 47 tief in der Gründung der Marke verwurzelt schien, gerät das Hausieren mit obigen Schlagworten mittlerweile in inflationäre Dimensionen. Nahezu jedes neue Produkt ist „Premium“ oder gar „Super-Premium“, wenn nicht gar „Ultra-Premium“. Nach wahren unique selling points scheinen die Hersteller jedoch teilweise verzweifelt zu suchen. Mal ist es das spezielle Messer, mit dem die Botanicals geschnitten wurden, mal der angeblich ganz besondere Kupfer-Still. Oder – quasi das Schuldeingeständnis – einfach nur die Herkunft: Irgendeine-Stadt-Dry-Gin. Dem Konsumenten wird das Besondere das Produkts lediglich durch die Herkunft suggeriert.
Der zweite Weg, den viele Brands wählen, ist der Verweis auf die minimale Größe der Firma. Flaschen werden im Retrostil designt und teilweise mit von Hand aufgetragenen Laufnummern versehen, um dem Konsumenten wiederum deutlich zu machen: hierbei handelt es sich um ein sehr rares Produkt. Aber macht allein das schon ein gutes Produkt?
Die positive Eigenschaft wird zum gesichtslosen Label
Die Lancierung neuer Spitzenprodukte hat eine große Kehrseite: Die Kreativität, die manche Firmen bei der Entwicklung neuer Abfüllungen vermissen lassen, macht sich hingegen im Pricing offenbar. Waren z.B. Hendrick’s oder Tanqueray Ten lange Zeit preisliche Benchmarks, scheint das Gefüge mehr und mehr aufzubrechen. Neue Marken entern den Markt nicht selten mit 0,5-Liter-Abfüllungen, die mit mehr als 30 Euro zu Buche schlagen – also einem Literpreis von mehr als 60 €. Damit ist – zumindest im Bereich ungelagerter Spirituosen – eine bedenkliche Schmerzgrenze erreicht, die oftmals nicht gerechtfertigt scheint. Insbesondere wenn man die reinen Produktionskosten für Rohbrand bedenkt. Kann dann das neue, teure Produkt auch qualitativ nicht mit günstigeren Marken mithalten, ist das Szenario perfekt, denn der Kunde hat dem Label „handgemacht“ vertraut und wird enttäuscht. Manchmal mag ein derart hoher Preis gerechtfertigt sein. Aktuell ist er es jedoch in vielen Fällen nicht, wie auch die für MIXOLOGY durchgeführten Tastings immer wieder zeigen: die Bemängelung eines unausgeglichenen Preis-Leistungs-Verhältnis zieht sich als Konstante durch die Verkostungsnotizen.
Kein Etikett kann „Sicherheit“ garantieren
Begriffe wie „handwerklich“ sind nicht klar abgegrenzt. Und im Prinzip ist jede Spirituose „handwerklich“ entstanden. Es darf also auf das Etikett gelabelt werden, was immer dem Hersteller vorschwebt. Leider wird dadurch das Image hochwertiger anderer Spirituosen in Mitleidenschaft gezogen. Für den Konsumenten gilt es zu beachten, dass trotz des schönen Bildes vom liebevoll seinem Handwerk frönenden Brennmeister nicht automatisch ein besserer Inhalt den Weg in die Flasche findet. Man wird kritisch bleiben müssen. Und abwarten, wie lange dieser Trend noch anhält.

Credits

Foto: Strickende Frau via Shutterstock

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