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Hanse Spirit 2015

Fünf Jahre sind das erste Jubiläum, das man Feiern kann, ohne gänzlich albern zu wirken. Und das hat die Hanse Spirit so gar nicht nötig. Denn wer älter wird, dabei aber jedes Jahr neu bleibt, der hat es doch irgendwie geschafft.

Nach der Premiere 2011 hatte die größte Whisky-Messe Norddeutschlands unter der Aufforderung „Explore the liquid life“ auch im Folgejahr im Curio-Haus stattgefunden. War sie 2013 in den Emporio-Tower gezogen, fand sie in diesem Jahr vom 6.-8. Februar zum nun zweiten Mal in der Halle A2 am Hamburger Hafen statt. Diesem steten Tüfteln der gerade einmal vierköpfigen Hanse Spirit-Crew danken es sowohl die Stimmen hinter den Ständen als auch die Stimmung auf dem hanseatischen Whiskystern.

Barrierefrei und bar jedweden Brotneids

„Man merkt, dass manche Großen der Branche der Messe noch nicht die Aufmerksamkeit geben, die sie verdient“, erklärt Michael Rennies. „Mit der InterWhisky ist das hier kein Vergleich: man hat Platz an den Ständen, es ist übersichtlich und hell.“ Weil Orte über der Erde meist mehr Licht abbekommen als die darunter. Diese Tatsache macht es auch dem fußkranken Volk möglich, sich unter die Fans eines Getränks zu mischen, dessen Erfolg nun gerade auf der Mischung von Tradition und Innovation fußt.

Bemerken kann man das an der Vielzahl der unabhängigen Abfüller – die dafür bekannt sind, Destillerien jenseits des Mainstreams anzuzapfen und so Malts ungewöhnlichen Alters in unangetastetem Alkoholgehalt herzustellen. Bei Klaus und Harald Reupke am Stand von Best Dram, in diesem Jahr neu dabei, kredenzt man beispielsweise einen 6-jährigen „Islay King“ mit stolzen 52,2 Umdrehungen. Es ist die erste Flasche dieser Abfüllung, die Destillerie geheim und die Brüder stolz.

Aber wer eins uns eins, also Schinkenspeck und Seetang zusammenzählen kann, kommt auf die zwei und doppelt so verschmitzt wird beim Verköstigen geschmunzelt. „Für echte Whiskyfreunde ist die Inter Whisky kein Ort mehr“, findet Klaus in Schottenrock und Sporran: „Erstaunlich, dass sie sich überhaupt hält – das ist Kommerz pur.“ Die schönsten Messen sind für ihn Limburg, Aschaffenburg und Rüsselsheim. Und hier? – „Hier sowieso.“ Das klingt etwa so nachbarschaftlich wie es auch in Halle A2 zugeht und ein Aussteller empfiehlt den nächsten.

Bierernst bei der schönsten Sache

Am Stand Londons ältesten Abfüllers, Berrys Brothers & Rudd – seine Wurzeln führen bis ins Jahr 1698 zurück – schwärmt man auch vom Publikum. „Die haben einfach unseren Ben Nevis ausgetrunken. Der war auch großartig, aber normalerweise sind die Leute da vorsichtig, weil seine Abfüllungen so verschieden sind.“ Offenbar ist man bei den Hanseaten mutiger als anderswo. Das erklärt auch die Menschentraube um den Appenzeller Säntis Malt – dem „Swiss Highlander“.

Um genau zu sein, um deren Star „Dreifaltigkeit“ – einem Single Malt aus Appenzell, der zur Reifung in bis zu 120-jährigen Eichenholz-Bierfässern gelagert wurde und wie ein komplettes Vesper an einem windigen Herbstabend auf 800 Höhenmetern schmeckt. Im Jahr 2010 wurde diese Abfüllung von dem „Whisky Bible“-Autor Jim Murray zum „European Whisky oft the Year“ gekürt und keines der letzten drei Jahre verging ohne eine Auszeichnung der Londoner IWSC. Nicht nur dafür, dass das Whiskybrennen in der Schweiz erst sein 1999 erlaubt ist, ist dieses Ergebnis beachtlich und auch der für den deutschen Markt zuständige Detlef Sommer ist zufrieden: „Wir haben eben für alle etwas schönes dabei – die rustikale „Dreifaltigkeit“, den eher grazilen „Säntis“ und für die Mädels gibt es sogar die „Edition Marwees“ – quasi eine Schweizer Bailey´s-Version.Nicht nur für hanseatische HobbyistenGroßzügig eigentlich, denn der Damenanteil ist leider einmal wieder verschwindend gering. Wie finden das die Gäste der Damentoilette? „Schon okay, wir versuchen, die Whiskystände einfach zu meiden.“ Als Lösungsansatz zwar betrüblich und auf einer Whiskymesse überdies unendlich unpraktisch – nicht aber unmöglich. Veranstalter Chris Rickert hat auch für Mitbringsel nach und aus Hamburg vorgesorgt: mit diversen Möglichkeiten zum Cocktail, Gin oder Likör. Der Verzicht auf „die Großen“ wie Beam Suntory oder Moët Hennessey Louis Vuitton zugunsten kleiner, bisweilen lokaler Händler wie den Hamburger Gin 5 Continents macht den Ort zu einer liebevoll gestalteten Verbrauchermesse, die Hamburger und Berliner, Münchner und Stuttgarter gleichermaßen anzieht.

Ein überarbeitetes Lichtkonzept sowie weiße Sitzwürfel geben dem Ganzen ein eigentümlich hanseatisches Lounge-Flair, den Besuchern aber vor allem ausreichend Platz zum Ausruhen. Den braucht man auch, wenn man als Pfennigfuchser über die 3.600 Quadratmeter destillierten Raumes geht und Wasser entweder kaufen oder bei jedem Malt erfragen muss. Das freundschaftliche Flair innerhalb der rund 40 Aussteller macht jedoch genau das möglich und sorgt für eine Veranstaltung, die erfreulich gut ohne Dudelsack und Frontalvortrag auskommt, dafür mit dem schottisch schönen Maß an malzigem Miteinander.

 

 

Credits

Foto: Alle Fotos via Tim Gerdts

Comments (5)

  • Kenneth Warnick

    Ich glaube wir waren auf verschiedenen Messen! Darf ich fragen, wann Sie dort waren? Ich habe die Messe am Samstag ab 15 Uhr besucht und es war super voll! Sitzen konnte man absolut vergessen, es war ziemlich düster und an die Stände zu kommen ein wahrer Kampf! Ich habe bestimmt 10 Minuten gebraucht um von der Belegschaft am Plantations Stand überhaupt wahr genommen zu werden ^^

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    • Juliane Reichert

      Ich war am Samstag ab 17 Uhr bis Ende dort, habe nicht Schlange stehen müssen, tatsächlich immer Sitzgelegenheit gefunden, wenn mir danach war und auch an den Ständen selbst keine Probleme gehabt. Der Lichteindruck mag möglicherweise einer gewissen Subjektivität unterliegen. Allerdings sehe ich das ganze auch im Vergleich zu anderen Messen, die für mich in besagten Punkten deutlich schlechter abgeschnitten haben. Grüße, jr

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  • Lisa Lisalotta

    KENNETH WARNICK, da muss ich Ihnen leider recht geben.
    Auch wir waren am Samstag ab ca. 16 Uhr da. Von „ausreichend“ Sitzmöglichkeiten war leider in der Tat nicht viel zu sehen, vereinzelnd ein paar weiße Sitzwürfel, ja, aber die waren meistens dauerbesetzt.
    Auch wir haben uns ganz schön die Beine in den Bauch gestanden. Wie schon beschrieben, auch an den Ständen selbst.
    Trotzdem für uns eine sehr lohnenswerte Messe, bei der wir im kommenden Jahr auch ganz bestimmt wieder mit dabei sind! ☺

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  • Thomas Domenig

    Ich find’s schade, dass man im Vertrieb scheinbar immer noch davon ausgeht, dass man als Whisk(e)y-Produzent unbedingt einen Bailey’s-Verschnitt vertreiben muss, um bei den „Mädels“ (laut Detlef Sommer) punkten zu wollen. Ich dachte eigentlich, dieses „männlich gleich rau und kräftig + weiblich gleich süß und klebrig“ hätten wir schon längst hinter uns gelassen.

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  • Chris Rickert

    Liebe Gäste, ich weiß, es kann nie genug sein 😉 Aber: Wir haben dieses Jahr 200 Sitzplätze auf der Messe gehabt (104 Sitzwürfel, 36 Plätze im Bus und 60 Stühle im Cateringbereich). Der/die Erste, der/die mir eine Spirituosen-Messe für Endverbraucher in Deutschland zeigen kann, die mehr Sitzplätze anbietet, bekommt 2016 freien Eintritt inkl. einer Begleitung für das ganze Wochenende. Auf jeden Fall freuen wir uns auch in 2016 wieder auf alle und werden uns auch da in vielen Dingen steigern. Beste Grüße Chris Rickert 🙂

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