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Auf der Spur von Harry Johnson

The Berlin Years: Neue Erkenntnisse über Harry Johnson

Harry Johnson ist einer der prägenden Figuren der Cocktailgeschichte. Allgemein bekannt ist, dass er in Preußen geboren wurde, in die USA auswanderte und in späteren Jahren regelmäßig in Berlin war. Unser Cocktail-Historiker Armin Zimmermann aber hat bislang unbekanntes Material gefunden. Es scheint zu belegen: Harry Johnson hat in seiner Biografie geflunkert.

Giffard Alkoholfrei

Anmerkung: Das Porträt auf der linken Seite des Aufmacherbildes von Harry Johnson entstammt einem Reisepassantrag aus dem Jahr 1916. Das rechte Bild ist die bekannte Illustration aus seinem „Bartenders’ Manual“.

Ein wenig fühle ich mich wie ein Ritter der Tafelrunde, der zu einem Abenteuer aufgebrochen ist, auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Niemand scheint so recht zu wissen, welchen Einfluss Harry Johnson, einer der Väter des Bartendings, auf die Entwicklung der ›American Bar‹ in Deutschland hatte. Diesen zu ergründen, eingebettet in die Geschichte der deutschen Barkultur im Kaiserreich, war Ausgangspunkt meiner Reise.

Man wusste, dass er, wohl 1845 in Königsberg in Preußen geboren, 1875 in den USA eingebürgert wurde, in New York City erfolgreich war, Bücher schrieb und herausgab, auch in deutscher Sprache, und zum Ende seines Lebens oft nach Europa und Deutschland reiste. Seine gängige Biografie erzählt, er habe eine erste Ehe mit Bertha Paul geführt. Diese sei dann mit ihren beiden Kindern nach Heidelberg zurückgekehrt, und um 1913 habe sie die Scheidung eingereicht. Eine zweite Ehe ging Harry Johnson dann mit Martha ein, und in ihrer gemeinsamen Wohnung in Berlin verstarb Harry Johnson dann am 5. Januar 1930. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof ›Zum Heiligen Kreuz‹.

Ein Lob auf deutsche Beamte

Wie es so ist im Leben eines Historikers, man sucht nach Erklärungen für bestehende Fragen, findet bisweilen unerwartete Antworten, aus denen sich weitere Fragen ergeben. Solch einen Schatz konnte ich im Zuge meiner Recherche heben.

Fangen wir am Anfang an. Die Quelle, auf die sich bisher alle berufen, wenn es um Harry Johnsons Tod geht, ist die Todesanzeige des Amerikanischen Konsulats in Berlin. Darin wird festgestellt: Harry Johnson starb im Alter von 84 Jahren am 5. Januar 1930 um 19:00 Uhr in der Bellealliancestraße 65 in Berlin. Laut Dr. E. Ense aus Berlin-Tempelhof, Wettiner Korso 33, an Herzinsuffizienz und altersbedingter Schwäche. Beerdigt wurde er auf dem Heiligkreuz-Friedhof. Seine Frau Martha Johnson, ebenfalls in der Bellealliancestraße 65 (heute Mehringdamm) wohnhaft, erhielt seinen entwerteten Reisepass zurück. Seine Einbürgerungsurkunde wurde an das ›Department of State‹ weitergeleitet.

Bei Erstellung dieser konsularischen Meldung lag auch die Sterbeurkunde des Berliner Standesamtes 4A vor. Spannend wird es nun, wenn man diese Urkunde vorliegen hat. Ich muss hier ein Lob auf deutsche Beamte aussprechen. Alles wird genauestens notiert; es wird angegeben, wie viel Worte gestrichen wurden; es werden Verweise auf andere Urkunden gesetzt. Ohne diese Bürokratie läge der Lebenslauf von Harry Johnson nicht so klar und deutlich vor uns.

Die standesamtliche Sterbeurkunde wurde bisher noch nicht berücksichtigt, und ich möchte daraus zitieren: »Nr. 17. Berlin am 7. Januar 1930. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach durch Trauschein anerkannt, Anna Agnes Martha Johnson geborene Zühlsdorff, wohnhaft beim Ehemanne und zeigte an, dass dieser, der frühere Kapitän Harry Johnson, 84 Jahre alt, wohnhaft in Berlin, Belle Alliancestraße 65, über dessen Geburtsort nähere Angaben fehlen, zu Berlin in der gemeinsamen Wohnung am fünften Januar des Jahres tausend neunhundertdreißig nachmittags um sieben Uhr verstorben sei. 2 Druckworte gestrichen. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben Martha Johnson geb. Zühlsdorff.«

Die Frage des Nachnamens

Diese Urkunde liefert uns Angaben, die bisher nicht bekannt waren. Manchmal wird vermutet, der Nachname seiner zweiten Frau sei Brown gewesen, und er habe diesen angenommen. Wie die Urkunde belegt, war dies nicht so. Wir erfahren nicht nur die weiteren Vornamen seiner Frau, sondern auch, dass sie eine geborene Zühlsdorff ist. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Berliner Adresse, die Harry Johnson bei seinem Passantrag aus dem Jahr 1916 angibt: Es ist »bei Zühlsdorff« in der Belle-Alliance-Strasse. Er wohnte dort also nicht etwa zur Untermiete, weil ein Hotel zu teuer wäre, sondern bei seinen Schwiegereltern, mit seiner Frau zusammen.

Ein handschriftlicher Vermerk unten links auf der Urkunde lässt aufhorchen: »Geboren 28.8.45, Geh. 14.11.07., New York, Keine Kinder, Staatsangehörigkeit Amerika«. Zunächst meint man vielleicht, dieser Eintrag wäre unbedeutend, doch er birgt Brisantes. Harrys Geburtsdatum ist allgemein bekannt, dass er die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß und mit Martha keine Kinder hatte auch. Der springende Punkt ist: Die beiden sollen am 14. November 1907 in New York geheiratet haben. Wie passt das zusammen mit der Aussage seiner Tochter Sigrid, ihre Mutter sei mit ihr 1913 nach New York gereist, um sich scheiden zu lassen? Wenn beides stimmt, so bedeutete dies doch: Harry Johnson war gleichzeitig mit zwei Frauen verheiratet. Kann so etwas sein? Die Aussage der Tochter ist belegt und in konsularischen Akten überliefert. Doch wie ist es mit der angeblichen Heirat aus dem Jahr 1907?

Das Heiratszertifikat liefert Antworten

Ein Blick ins Berliner Sterberegister liefert weitere Daten zu Martha. Sie verstarb am 12. Februar 1949. Sie wohnte am Mehringdamm 101, das ist die frühere Belle-Alliance-Straße 65. Sie ist die Witwe von Harry Johnson, und ihre Sterbeurkunde verweist auf die Sterbeurkunde ihres Mannes. Geboren wurde sie am 24. Dezember 1880 in Berlin, wie es unter der Nummer 3220/1880 vermerkt ist. Mit diesen Angaben lässt sich einfach die zugehörige Geburtsurkunde finden. Geboren wurde Martha zu Berlin in der Gneisenaustraße 22. Ihre Eltern waren August Wilhelm Zühlsdorff und Anna Friedericke Zühlsdorff geborene Meyer. Aufgrund der Verweise im Standesregister können wir also sicher sein, dass wir die richtigen Daten vorliegen haben.

Nun kommt der wichtige Teil: Die Angabe zur Heirat auf Harrys Sterbeurkunde muss verifiziert werden! Es dauert ein wenig, das Heiratszertifikat zu finden, doch es existiert! Auf den ersten Blick scheint es ein anderes Paar zu sein, das vermählt wurde, doch die Daten aus dem Berliner Standesregister lassen keinen anderen Schluss zu: Es handelt sich hierbei tatsächlich um die richtige Heiratsurkunde, auch wenn Harry Johnson geflunkert hat.

Wir lesen in diesem Dokument: »Staat New York. Heiratsurkunde und Protokoll der Hochzeit von Harry Johnson und Martha Zühlsdorff. Wohnsitz des Bräutigams: No. 32 E. 45. [oder 49?] Street. Alter: 35, 1872:15.4. Hautfarbe: Weiß. Beruf: Ingenieur. Geburtsort: Würzburg, Deutschland. Name des Vaters: [F]ra[u/n][s/z] Johnson. Mädchenname der Mutter: Anna Wittel. Nummer der Heirat des Bräutigams: erste. Wohnsitz der Braut: 13 West 104. Street. Alter: 27. 24.12.1880. Hautfarbe: Weiß. Ledig, verwitwet oder geschieden: Ledig [durchgestrichen]. Name des Mädchens, falls verwitwet: [durchgestrichen]. Geburtsort: Berlin, Deutschland. Name des Vaters: August Zühlsdorff. Mädchenname der Mutter: Anna Meier. Nummer der Eheschließung der Braut: erste. Ich bestätige hiermit, dass der oben genannte Bräutigam und die oben genannte Braut von mir in Übereinstimmung mit den Gesetzen des Staates New York am 14. November 1907 in 602, fifth Street/Church, im Borough of Manhattan, City of New York, getraut wurden. Zeuge der Eheschließung: August Schäfer. Unterschrift der Person, die die Zeremonie durchführt: Jacob Schlegel, Minister of the gospel. Wohnsitz 602 5. Street. Wir bestätigen hiermit, dass wir der Bräutigam und die Braut sind, die in dieser Urkunde genannt sind, und dass die darin gemachten Angaben nach unserem besten Wissen und Gewissen richtig sind. Harry Johnson, Bräutigam, Martha Zühlsdorff, Braut, Unterzeichnet in Gegenwart von August Schäfer.«

Wieso muss dies die richtige Urkunde sein? Die Daten des Berliner Sterberegisters hinsichtlich des Heiratsdatums, des Heiratsortes, und der Familiendaten der Braut und der Name des Bräutigams sind eindeutig und mit den Berliner Urkunden übereinstimmend. Was nicht stimmt, sind hingegen Harrys Angaben: 35 Jahre alt, Geburt am 15. April 1872 in Würzburg, Ingenieur. Das verwundert mich nicht besonders, denn dies geschah wohl vorsorglich, um seine wahre Identität zu verschleiern. Denn so wie es aussieht, war er ja noch immer mit seiner ersten Frau verheiratet. Ich bezweifle daher auch, dass die Namen seiner Eltern, Frans Johnson und Anna Wittel, stimmen.

Harry Johnson in Berlin: Verheirtat mit zwei Frauen?

Geheiratet haben die beiden, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, deshalb auch nicht in einer staatlichen Stelle oder einer Kirche, sondern in der Wohnung von Jacob Schlegel, einem »Prediger des Evangeliums«, der auch legal anerkannte Hochzeiten schließen durfte, und eine Kopie der Urkunde an staatliche Stellen zur Registrierung weiterleitete. Am 18. November 1907 ist sie im »Bureau of Records« eingegangen. Ist Jacob Schlegel der Altersunterschied bei Harry nicht aufgefallen? Er wird doch kaum wie 35 ausgesehen haben. Hat er sich vielleicht auch nur verschrieben? Aber wer weiß, was die beiden ihm erzählt haben mögen, um sein Herz zu erweichen. Vor dem Hintergrund einer Identitätsverschleierung müssen wir wohl auch Marthas Angabe beim Tod ihres Mannes verstehen, als sie ihn als einen »früheren Kapitän« in der Urkunde eintragen ließ.

Wie man nun diese Möglichkeit, dass Harry Johnson gleichzeitig mit zwei Frauen verheiratet war, abschließend zu bewerten hat und was das genau für die Interpretation seines Lebenslaufes zu bedeuten hat, müssen zukünftige Analysen und weitere Belege erbringen. Es ist nun aus meiner Sicht wünschenswert, auch die offiziellen Unterlagen der Scheidung zu finden; erst dann lässt sich zweifelsfrei belegen, dass er gleichzeitig mit zwei Frauen verheiratet war. Momentan müssen wir der Aussage seiner Tochter vertrauen. Aber diese Aussage ist – so schätze ich es jedenfalls ein – durchaus vertrauenswürdig und gewichtig.

Wer weiß, welche Funde ich auf meiner einmal begonnenen Aventure links und rechts am Wegesrand noch finden werde? Es bleibt spannend, und wir werden sehen, in welchen Dingen Harry Johnsons Lebenslauf vielleicht noch umgeschrieben werden muss.

Giffard Alkoholfrei
Credits

Foto: Constantin Karl

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