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WENN DIE GONDELN SOUR TRAGEN: 85 JAHRE HARRY’S BAR IN VENEDIG

1931 eröffnete Giuseppe Cipriani seine Harry’s Bar in Venedig. 85 Jahre später brummt die von seinem Sohn geführte Bellini-Maschine immer noch auf Hochtouren. MIXOLOGY ONLINE hat sich in die Stadt der 1000 Brücken aufgemacht, um zu sehen, was sich hinter dem Mythos des venezianischen Klassikers verbirgt.

Zweiunddreißig Bellinis in fünfzehn Minuten, das soll dem Barmann erst einmal jemand nachmachen. Auf den Tag genau 85 Jahre nach ihrer Eröffnung am 31. 3. 1931 sitze ich am Tresen der legendären Harry’s Bar in Venedig und habe genau mitgezählt. Vor beinahe jedem Gast des kleinen Ladens steht ein kleines Glas mit dem rosaweißen Cocktail, der hier von Giuseppe Cipriani ersonnen wurde: laut Wikipedia zwischen den Jahren 1931 und 1942, laut Simon Difford 1945, laut Cocktailian 1948. Gesichert jedoch ist, dass der Vater des heutigen Eigentümers Arrigo Cipriani den Drink aus Prosecco und Pfirsichpüree nach dem venezianischen Künstler Giovanni Bellini aus dem 15. Jahrhundert benannte. Der Maler ist längst vergessen, dafür malt der einfache Cocktail heute ein Lächeln in viele Gesichter.

BIS INS PFIRISCHMARK

Auch die Kasse freut sich – der kleine Drink à 0,2 Liter macht die Harry’s Bar zur Gelddruckmaschine. 16,50 Euro kostet der zugegeben leckere Spaß, das ist selbst für Venedig ein stolzer Preis. Auch andere Bars und Restaurants der italienischen Küstenstadt führen den Bellini auf ihrer Karte. Und in den Souvenirshops wird vorgemixter Bellini in fiesrosa Plastikflaschen an die Touristen verscherbelt.

In Harry’s Bar bringt alle fünf Minuten einer der weißbefrackten Signores eine frische Karaffe eisgekühltes Pfirsichmark aus der Küche. Der nächste mixt die Bellinis in einem überdimensionalen Rührglas und füllt damit sechs Gläser in einem Zug. Hier sitzt jeder Handgriff. Neben mir sitzen Liz und Joe aus Washington. Sie haben sich den Besuch in Harry’s Bar bis zum letzten Abend aufgehoben und lassen es gepflegt krachen. Beide nippen – auch in Ermangelung an spannenden Alternativen, das Rückbuffet ist dürftig ausgestattet – an ihrem mittlerweile fünften Bellini und ziehen Vergleiche zum ersten Cipriani Restaurant in New York City. Hier fühlen sie sich wohler, es ist kleiner, persönlicher, trotz des vielen Kommen und Gehens gemütlicher. Dazu schmeckt der Drink nach Legende.

HEMINGWAY, OF COURSE!

Auch für andere Legenden ist Harry’s Bar bekannt. Hemingway hatte hier im Winter 1949 seinen eigenen Tisch, trank den Gründer der Bar regelmäßig unter den Tisch und verewigte den kleinen Laden in seinem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“. Die große Kunstsammlerin Peggy Guggenheim war Stammkundin, Truman Capote und Orson Welles saßen hier am Tresen, Charlie Chaplin und Georges Braque schrieben ins Gästebuch.

Damals war Harry’s Bar in der Calle Vallaresso nur für stadtkundige Gäste und Eingeweihte im Labyrinth der venezianischen Straßen und Kanäle zu finden. Heute führt eine neue Ponte vom Markusplatz ganz in die Nähe, dazu spuckt die Vaporettostation San Marco ganze Ströme von Touristen direkt vor die Bar. Immer wieder geht die Tür auf, neugierige Augen und Kameras lunzen herein und drehen angesichts des vollen Tresens gleich wieder ab. Echte Kuscheligkeit sieht anders aus, dennoch wird hier niemand abgefertigt. Die Bartender sind aufmerksam und das Publikum angenehm durchmixt. Trotz der vielen easyjet-Magazin- und Reiseführerempfehlungen, die schon für viele Läden den atmosphärischen Ruin bedeutet haben, sitzen erstaunlich viele Venezianer an den Tischen, wie der Bartender weiß, und viele Ankommende mit Namen und Handschlag begrüßt.

DAS GEHEIMNIS LIEGT IM PÜREE

Dann tritt Signor Arrigo Cipriani höchstpersönlich in Erscheinung. Mit einem ruhigen Lächeln durchschreitet er sein Reich, setzt sich auf ein paar Worte zu alten Stammgästen und schließlich an den Tresen, wo er sich bereitwillig nach der Geschichte der Bar und des Bellinis ausfragen lässt. Als wir zum Geheimnis hinter sein Pfirsichpüree kommen, blüht der betagte Herr auf: „Auch wenn ein paar Stimmen anderes vermuten: Wir stellen unser Püree für den Bellini immer noch selbst her. Unser Erfolgsrezept sind Weinbergpfirsiche, die man üblicherweise zur Marmeladenherstellung verwendet. Wir pürieren sie ganz langsam per Hand – wer die Pfirsiche zu schnell püriert, zerstört ihr Aroma und ihre Konsistenz. Und man darf auf keinen Fall den gelben Pfirsich für das Püree verwenden!“

Wir stoßen noch einmal an. „Sie wirken sehr glücklich“ finde ich zum Abschied. „Perché sono felice – Weil ich glücklich bin!“ lacht Arrigo Cipriani.

Bellini

Zutaten

3 cl Weinbergpfirsichpüree*
10 cl trockener Prosecco oder Champagner

Credits

Foto: Harry's Bar via Bram Hall/Flickr.

Comments (2)

  • ML

    Auch wenn es sicher 0,2 l heißen sollte. Die Preise bei Harry/ Venedig sind extrem – ein Vat69 – für unter 10 EUR die Flasche erhältlich, kostete 2013 (2cl? 4cl?) 20,50 EUR (http://www.untersegeln.eu/wp-content/uploads/2013/05/harrys-bar.jpg).
    Preise vielleicht Reaktion auf die drohende Insolvenz 2012:
    Das Rückbuffet finde ich peinlich. Aber mit “dürftig” auch gut beschrieben. Wandfarben und Tische entsprechend eher einem einfachen Café.
    Ohne meine Vermutung mit einer ausreichenden Fallzahl unternauern zu können: Kann es sein, daß in Süd-/ Südwest-Europa die Cocktailkultur stehengeblieben ist? Man verwendet billige Spirituosen, Rye = kanadischer Blend, Ersatzcocktailkirschen, Cocktails sind schwach – nur die Preise haben es in sich. Ist man als Berliner verwöhnt?

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    • Redaktion

      Lieber ML,

      mit der Mengenangabe des Drinks hast Du natürlich Recht – ist soeben geändert worden. Vielen Dank für den Hinweis.

      Ja, die Preise sind gesalzen, wobei man natürlich generell den venezianischen Innenstadt-Maßstab anlegen muss. Ich kann mich kaum erinnern, rund um den Markusplatz einen Cappuccino zu einem einstelligen Euro-Betrag zu bekommen. Aber ich mag mich täuschen.
      Ich denke aber – und ich will hier gar nicht apologetisch für Harry’s Bar auftreten – dass es Orte wie diesen in vielen Städten gibt. Orte, die sich zumindest teilweise auf den Lorbeeren vergangener Tage ausruhen.
      Zu Deiner These Südwesteuropa betreffend: Das ist etwas schwarzweiß gemalt. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich Dir in der Hinsicht zustimmen, dass die Cocktailkultur, wie sie sich hierzulande von Tag zu Tag stärker etabliert, dort noch mehr im Hintergrund ist. Aber auch Spanien oder Italien haben vortreffliche Bars zu bieten. Ich gebe Dir allerdings Recht in dem Aspekt, dass man evtl. etwas länger als in Berlin, London oder Frankfurt danach suchen muss.

      Herzliche Grüße
      // Nils Wrage für die Redaktion

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