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Holt den Claridge Cocktail aus der Versenkung!

Das Savoy Cocktail Book ist ein schier endloses Füllhorn an großartigen Shortdrinks. Über den Claridge Cocktail hingegen spricht fast niemand. Zu Unrecht! Höchste Zeit, dem eleganten Londoner mit der Aprikosennote einmal ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen. Mit einem Abstecher nach Wien. Und nein, das Claridge’s Hotel hat mit all dem Nichts zu tun.

Es gibt sie ja zuhauf. Diese Drinks, die in vielen Büchern stehen, über die aber kaum ein Bartender je spricht. Die auf so gut wie keiner Barkarte stehen. Deren Herkunft nicht akribisch ermittelt wurde, weil sie nie so sehr den Zeitgeist trafen, dass sich die Granden der Cocktailgeschichtsschreibung mit ihnen befasst haben. Dabei sind sie in vielen Fällen großartig. Wie etwa der Claridge Cocktail, um den es heute gehen soll.

Von wegen „zu süß“!

Dass der Claridge vielleicht einer jener Drinks ist, die oft nicht zubereitet werden, weil sich das Rezept auf dem Papier zu süß „liest“, mag eine Erklärung dafür sein, dass viele Bartender ihn gar nicht erst ausprobieren. Vier Zutaten, von denen drei Zucker mitbringen, geben ihm seinen Charakter: Dry Gin, Orangenlikör, Apricot Brandy und trockener Wermut (der trotz seines Namens auch Zucker enthält). Doch kann das allein der Grund dafür sein, einen Cocktail gar nicht erst auszuprobieren? Eigentlich nicht, sonst müsste – zumindest streng genommen – auch ein gewisser Herr Martinez in den Schubladen der Bars verstauben.

Als einen fruchtigen Martini-Twist hat Jay Hepburn den Claridge Cocktail vor einigen Jahren einmal bezeichnet, das Urteil jedoch gleich wieder revidiert mit der Begründung, dass man dem Drink damit nicht wirklich gerecht würde. Eher mag man ihn eigentlich als Anlehnung an die ältere Generation des Improved Gin Cocktails verstehen, in der Orangenlikör stets eine gewichtige Rolle spielte. Gleichzeitig verlangt das Rezept jedoch nach keinerlei Bitters, wodurch auch dieser Einordnung ein Aspekt fehlt. Und zu welchem Anlass soll der Claridge Cocktail herhalten? Dem Einen mag er als Aperitif zu süß sein, dem Anderen wiederum nach dem Essen zu substanzlos.

Die Geschichte eines Drinks, der kein Star ist

Leider gibt auch die Historie wenig Auskunft über die eigentliche Entstehung. Die älteste Erwähnung des Drinks findet sich, wie bei so vielen seines Stils, im 1930 erschienenen The Savoy Cocktail Book aus der Feder von Harry Craddock. Kenner der Londoner Hotelwelt werden jedoch beim Schlagwort „Claridge“ hellhörig: Sollte ein Drink dieses Namens nicht eigentlich mit ziemlicher Sicherheit dem weltberühmten Claridge’s Hotel im Nobelviertel Mayfair entstammen statt dessen Konkurrent aus Covent Garden?

Doch tatsächlich scheint es so, dass sich das Claridge’s Hotel damit zufrieden geben muss, dass „sein“ Drink wirklich erstmals im Savoy über die Theke ging, denn die Rezeptur, die übrigens in anderer Gewichtung auch unter dem Namen „The Frankenjack“ geläufig ist, taucht in keiner anderen bzw. älteren Quelle auf. Zwar liest man vereinzelt die Vermutung, Craddock habe vor seinem Wirken im Savoy auch die Bar des Claridge’s gehütet. Doch angesichts der verbrieften Tatsache, dass der aufgrund der Prohibition zurück in seine britische Heimat geflohene Craddock bereits 1920 die Leitung der American Bar im Savoy antrat, wird jene Vermutung zu einer regelrechten Unwahrscheinlichkeit.

Die Handschrift Harry Craddocks

Von der Herangehensweise her trägt der Claridge Cocktail denn auch ganz deutlich die Handschrift Craddocks bzw. der 1920er und frühen 1930er, als die Cocktails zwar schon sehr trocken waren, aber eben noch oft mit gewissen fruchtigen oder herbalen Einschlägen, bevor nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig alles „bone-dry“ wurde. So darf man sich auch wahrlich keine überbordende Süße vorstellen, sondern vielmehr eine leichte Fruchtigkeit, die das vordergründige Zusammenspiel von Gin und Wermut begleitet, zumindest bei jeweils drei Teilen Gin und Wermut zu jeweils einem Teil der Liköre. Um Jay Hepburn zu widersprechen: Vielleicht ist der Claridge doch ein Martini – aber eben keiner, der ernsthaft und griesgrämig seziert, sondern einfach und unkompliziert genossen werden will, ohne dabei ins allzu Gefällige abzugleiten. Vor allem aber ist er ein Drink, der durch seine Unaufdringlichkeit und Eleganz sowie herausragende Ausgewogenheit begeistert.

Ein prominenter Fan des Claridge Cocktail

Einen besonders hingebungsvollen Fürsprecher hat der Claridge Cocktail in dem international bekannten österreichischen Bartender Markus Altrichter (Botanical Garden, Wien) gefunden, der ihn stets auf die Karte setzt: „Der Hauptgrund meiner speziellen Zuneigung zu dem Drink ist seine außergewöhnliche Balance. Der extravagante Ausgleich zwischen Trockenheit, Frucht und Süße ist für mich so in keinem anderen Drink zu finden“, meint Altrichter, der sonst vor allem als Sazerac-Fanatiker bekannt ist. Seinerzeit war es dann auch der Claridge-Twist „Dieu Et Mon Droit“, mit dem der Wiener 2013 ins globale Finale des damals noch existenten World’s Most Imaginative Bartender-Wettbewerbs von Bombay Sapphire einzog.

Für Freunde der Trockenheit

Freilich tun sich zahlreiche Möglichkeiten auf, den Claridge Cocktail zu variieren. Neben einer Veränderung der Gewichtung (Gin und Wermut sollten allerdings stets die Oberhand behalten) kann etwa durch einen hochwertigen Eau de Vie von Aprikose oder Pfirsich anstelle von Likör zusätzliche Trockenheit hinzugefügt werden. Gleiches gilt für den Orangenlikör, bei dem mit verschiedenen Abfüllungen und Süßegraden gearbeitet werden kann – auch hier setzen kraftvollere, holzige-bittere Sorten mit weniger Zucker einen feinen Akzent. In beiden Fällen wird der Claridge Cocktail dadurch etwas kantiger, herber und maskuliner, aber keinesfalls sperrig.

Einige Kenner verzichten auf die meist obligatorische Zugabe einer Zitronenzeste, da gerade diese das feine Aprikosenaroma überdecken könnte. Altrichter hingegen verleiht seiner ansonsten klassischen Version durch eine kleine, in Angostura Bitters eingelegte Zitronenzeste noch „den letzten Frische-Kick“. Jedenfalls sollte man, wie auch beim Genuss, den Claridge Cocktail in der Zubereitung zwar ernst, aber nicht verbissen betrachten. Denn dafür ist er ein viel zu lebensbejahender, großartiger Drink aus den Roaring Twenties. Und in ein paar Jahren haben wir ja bekanntlich schon wieder die „Zwanziger“. Hoffen wir, dass der Claridge dann wieder auf mehr Barkarten zu finden ist.

 

Claridge Cocktail

Zutaten

4,5 cl Dry Gin
4,5 cl trockener Wermut
1,5 cl Orangenlikör bzw. Triple Sec
1,5 cl Apricot Brandy

Credits

Foto: 1920's Gentleman & Art Déco via Shutterstock; Postproduktion: Tim Klöcker

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