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Das Cover der deutschen Ausgabe von Imbibe!

Wie ich zum deutschen Verleger von David Wondrich wurde: Finale!

Unser Autor Martin Stein hat sich vor Jahren die Rechte für die deutsche Ausgabe von David Wondrichs „Imbibe!“ gesichert – das er auch selbst übersetzt. Als wäre das spezielle Bar-Vokabular nicht herausfordernd genug, hatte die Coronakrise seine Zielgruppe in die Isolation geschickt. Aber nun ist das Werk fertig – und ein erleichterter Übersetzer und Herausgeber blickt im letzten Teil seiner Trilogie auf den Prozess zurück.

Moses brauchte 40 Jahre für die paar Kilometer nach Kanaan, was vermutlich daran lag, dass er mit dem Index zum Buch Exodus zu kämpfen hatte. Insofern bin ich mit etwa zehn Prozent der Zeit für mein Buchprojekt eigentlich noch gut dran, auch wenn der Index von Imbibe! tatsächlich biblische Ausmaße hatte.

Doch obwohl auch die Plagen, die der Fertigstellung dieses verlegerischen Kaventsmanns entgegenstanden, wahrhaft biblisch waren – Corona, Papierknappheit – ist die deutsche Version von David Wondrichs Standardwerk zur Geschichte des Cocktails jetzt tatsächlich in der Druckerei und somit in absehbarer Zeit fix und fertig und erwerbbar.

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Das Resultat einer klugen Negativmotivation

Und bis dahin quälen mich eben noch kurz Alpträume von fehlenden Rezepten, verschobenen Grafiken und Rechtschreibfehlern in Überschriften. Wovon man eben so träumt in so einer Situation.

Falls aber alles wider erwarten gut laufen sollte, dann wird das ein richtig schönes Buch werden, und ein wichtiges dazu. Ich google mal Optimismus-Strategien. Natürlich werde ich in diesem Fall aber auch sofort und nahtlos umschalten in einen unanfechtbaren Stolz-Modus, alle vergangenen Zweifel und Unwägbarkeiten mit einem Naked & Famous in den Orkus des Vergessens spülen und mich benehmen wie der Vater eines schwer erziehbaren Kindes, das allen Unkenrufen zum Trotz überraschenderweise trotzdem sein Leben auf die Reihe gekriegt hat und berühmt geworden ist. Da schaut her, sage ich dann. Mein Sprössling. Ganz allein meiner. Das Resultat meiner Gene und meiner klugen Negativmotivation.

Imbibe! Das Standardwerk von David Wondrich erscheint nun auch auf deutsch
Das Standardwerk von David Wondrich erscheint nun auch auf deutsch
Der Umschlag ist schon da. Was noch fehlt, ist das Vorsatzpapier.

Das deutsche Imbibe: ein Resultat überambitionierter Verrücktheit

Vor etwa drei Jahren habe ich an dieser Stelle zum ersten Mal über das Projekt berichtet. In dieser Zeit wurde der Planet so oft auf links gedreht, dass einem dabei schwindlig werden konnte, und nebenbei hatte man immer dieses Projekt vor Augen, diese ewige vergessene Hausaufgabe, diesen festbetonierten wichtigsten Punkt der To-Do-Liste, dieses ständige Ceterum Censeo der internen Lebenskriegsführung.

Bei aller Sehnsucht nach einem Abschluss der unendlichen Geschichte – es war keine gute Zeit, das Buch herauszubringen, ein Buch über die Vergangenheit einer Industrie, deren Gegenwart so sturmgebeutelt ist. Wieviel Raum bleibt übrig in einem Gastrogehirn, das den ganzen Tag Nachrichten, Verlautbarungen, Vorbescheide, Bescheide, Antragsvoraussetzungen und Regionalverordnungen über sich ergehen lassen musste? Das primär Vollzeit mit dem eigenen Überleben beschäftigt ist? Wieviele Abonnenten hat „Schöner Wohnen“ noch im Ahrtal?

Nach wie vor reihen sich die Katastrophen aneinander, aber jeder Sonnentag, der nicht gleich wieder zur Hitzewelle ausartet, ist auch ein kleiner Lichtblick, und jeder gute Drink, der in freundlicher Umgebung serviert wird, ist ein Trost weit über den alkoholischen Aspekt hinaus. Wir machen wieder das, was wir vorher gemacht haben, und das nicht aus Alternativlosigkeit, sondern weil wir es gerne machen. Deshalb wird das deutsche Imbibe! jetzt auch fertig – weil es nämlich auch sehr schön ist, so etwas zu machen. Genau die Form von überambitionierter Verrücktheit, die unsereinem Freude macht. Liebe in den Zeiten der Cholera Revisited.

Die faszinierendsten Menschen im Barbusiness getroffen

Falls das mit Imbibe! nix wird, werde ich wieder Bierfahrer; falls doch, lege ich bestimmt gleich das nächste Buch nach; da bietet sich natürlich ein Erfolgsratgeber an, so ein Tschaka-du-machst-es-Ding, das von Unerschrockenheit und Hinfallen und Aufstehen und sowas handelt. Mindsetting. Bestellung beim Universum (nicht mein Tisch, Kollege kommt gleich, sagt das Universum).

Was benötigt man also, um das wichtigste Buch über die Geschichte des Cocktails herauszubringen? Vielleicht ja nur das Selbstbewusstsein des Flachlandtirolers, der unten am Berg emporschaut und sich denkt, na ja, so hoch sieht das ja echt nicht aus. Den Blickwinkel des Chips-Essers, der im Fernsehen Bodenturnen sieht und sich denkt, ach was, das sind doch auch nur bessere Purzelbäume. Die Überzeugung des Stadionbesuchers, dass ER den Ball aber ganz bestimmt reingemacht hätte „Ignoranz als Erfolgsgrundlage“. Ein Erfolgstitel, bestimmt. Catchy.

Eines mag mich mir bei diesem Unterfangen, bei dem ich mich schon arg weit aus dem Fenster gelehnt habe, vielleicht doch zugute schreiben: die faszinierendsten Menschen meines Lebens habe ich im Barbusiness getroffen; klug, kreativ, fleißig, ausdauernd – tatsächlich oft eine Ansammlung von Kardinaltugenden, die oft nur deshalb unter dem Radar der Allgemeinheit bleiben, weil ihre Profession noch immer den Hauch des wenig Ernsthaften hat. Alle diese Menschen, jede und jeder, könnten leichter mehr Geld verdienen. Sie wollen das aber nicht. Stur bleiben sie bei ihrer Berufswahl und sind sich selbst der Maßstab ihrer Träume.

Ich habe das immer bewundert. Von den vorgenannten Kardinalstugenden kann ich eher wenige für mich beanspruchen, und dann auch höchstens alternierend und mit der Halbwertszeit von Eiersalat. Aber die Sturheit habe ich schon. Keine meiner Lebensentscheidungen war irgendwie klug, und dennoch bin ich an einem Platz in meinem Dasein angelangt, an dem ich gerne bin. Ich bin Fünfzig und betrachte mich alleine deshalb schon als Overachiever.

Endlich fertig. Hoffentlich.

Jedenfalls war auch das tiefe Eintauchen in die Cocktailgeschichte ein großer Spaß; das Erforschen der Fundamente dessen, was hier heute in unserer Barlandschaft genießen dürfen, das Nachvollziehen der Leben nicht nur von Jerry Thomas, sondern auch vieler anderer illustrer Gestalten – Harry Johnson, Hugo Ensslin, Carl Ramos, um nur einige zu nennen… die Faszination ist ungebrochen. Mit Armin Zimmermann und Gabriel Daun hat ja alleine die MIXOLOGY zwei weitere Menschen, die dieser Faszination erlegen sind und sich tief in die alten Papiere vergraben, und man kann sich nur wünschen, dass dieses Beispiel Schule macht und mehr Nachwuchs an die Grundlagen geht, bevor man versucht, Goji-Beeren kontrolliert vergammeln zu lassen. Standing on the Shoulders of Giants; das sollte ein wenig mehr ins Bewusstsein rücken. Aber vielleicht ist das ja nur die Begeisterung des alten Sacks für noch ältere Säcke.

Gut, das war jetzt eine ganze Menge Metaebene für einen Artikel über das Entstehen eines Buchs, vielleicht auch nur zu viel assoziatives Gebrabbel, aber über die handfesteren Probleme habe ich ja schon ausgiebig berichtet. Es kamen natürlich auch neue dazu – wussten Sie zum Beispiel, dass die Kostenvoranschläge einer Druckerei momentan eine Gültigkeit von höchstens einer Woche haben? Wie gesagt, sogar Papier ist schwierig geworden.

Letztlich habe ich aber vielleicht nur ein Problem mit der unfassbaren Möglichkeit, dass ein langjähriges Projekt tatsächlich Realität werden könnte. Schwer zu begreifen.

Und jetzt ist es fast soweit! Unfassbar.

Fast.

Vorhin hat mich die Druckerei angerufen; im Grunde ist alles fertig, aber im Moment ist kein Vorsatzpapier zu bekommen, also das Papier, das im Idealfall schmückend den Buchblock mit dem Einband verbindet.

Und dann macht der Buchbinder Betriebsurlaub.

Aber dann ist es bestimmt wirklich endlich fertig!

Ganz bestimmt.

Hoffentlich.

Wie ich zum Übersetzer von David Wondrich wurde:

Teil 1: Der Anfang

Teil 2: Geburtswehen

Teil 3: Finale!

Credits

Foto: Martin Stein

Comments (3)

  • Moritz

    Meine herzlichen Glückwünsche zur (vermutlich ;)) erfolgreichen Bewältigung einer solchen Aufgabe.
    Ich werde mir das Buch ganz bestimmt kaufen, sobald es verfügbar ist.

    Du kannst ja solange schonmal mit dem Oxford Companion to Spirits & Cocktails anfangen 😉

    reply
    • Martin

      Das ist, mit Verlaub, eine ganz grauenhafte Idee!

      reply
  • Ilya Berkovich

    Warte sehnsüchtig drauf! Weiterhin viel Erfolg bei der Bewältigung dieser Mammutaufgabe!

    reply

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