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Billy Wagner Michelin

Inventur am 21. März – von der Barfrau zur Parfümeurin & Lyon wird vegetarisch

Videobotschaften von Gastronomen hat es in den letzten 12 Monaten unzählig gegeben – mal panisch, mal zornig, dann wieder humoristisch oder resigniert. In den allermeisten Fällen aber stets an die politischen Entscheidungsträger gerichtet, die sich in der Behandlung des Gastgewerbes wahrhaft nicht hervorgetan haben im Verlauf des ersten Pandemie-Jahres.

Besonders begeistert hat uns diese Woche ein Video von Billy Wagner, dem Inhaber des bekannten Berliner Restaurants „Nobelhart & Schmutzig“. Wagner, nie verlegen um eine markige These oder die Eröffnung kontroverser Debatten, gelingt in seinem rund neunminütigen Appell an die Politik folgendes kleines Kunststück: Er schafft es angesichts der nächsten, nahenden Ministerpräsidenten-Konferenz, gezielt das Schicksal der vielen einzelnen Menschen anzusprechen und sichtbar zu machen, die hinter den vielen kleinen, geschlossenen inhabergeführten Bars und Restaurants versteckt sind, ohne dabei in ein weinerliches Lamento zu fallen. Ebenso spricht er an, wie still und leise gastronomische Orte verschwinden, ohne dass jemand davon Kenntnis nimmt. Eine berührende Rede von einem besonderen Wirt. Schauen wir unterdessen, was diese Woche sonst so passiert ist in den Bereichen Gastronomie und Drinks.

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Duft statt Drinks: von der Barfrau zur Parfümeurin

Aus der Reihe „schöne Geschichten der Pandemie“: Die Bartenderin Mindy Kucan aus der US-Hipsterstadt Portland/Oregon gehört zu den hunderttausenden Gastronomen in den Vereinigten Staaten, die durch Shutdown und Wirtschaftskrise in Not und Arbeitslosigkeit geraten waren.

Ihr letzter Arbeitsplatz in der Bar „Normandie“ ist zwar noch nicht komplett verschwunden, doch Kucan hat die Zeit genutzt, um ihre sensorischen Fähigkeiten als Barfrau mit ihrer anderen Leidenschaft zu paaren und so ein neues Berufsfeld zu erschließen: Die Frau mit Meriten aus der weltberühmten Bar „Anvil“ (Houston) ist mittlerweile beratend für Parfümhersteller tätig und kreiert auch selbst quasi maßgeschneiderte Düfte für ihre Kunden. Die ganze, kurze Story gibt’s bei den Kollegen von SevenFiftyDaily.

Lyon verbannt Fleisch aus Schulküchen – und Frankreich tobt

Ausgerechnet Lyon! Das denken sich derzeit viele Franzosen im Rahmen einer Debatte, die das ganze Land beschäftigt. Ausgerechnet in Lyon – eines der Zentren französischer Gastronomie und deftiger, fleischiger Küche – hat der 47-jährige Bürgermeister Grégory Doucet nun verfügt, dass Schulkantinen und Mensen nur noch vegetarische Gerichte anbieten sollen.

Für den Politiker der Grünen habe das vor allem pragmatische und logistische Gründe, wie die „New York Times“ in ihrem umfangreichen Bericht zum Thema darstellt. Doch die Grande nation und auch viele Spitzenpolitiker echauffieren sich und werfen Doucet Fledderei und Boshaftigkeit vor: Von einer Demontage der französischen Kochgeschichte ist die Rede, von einer Sabotage gegenüber Viehwirten und Fleischern, aber auch Vorwürfe werden laut, die rund 29.000 Lyonnaiser Schülerinnen und Schüler würden nun nicht mehr ausgewogen verpflegt. Sogar Bundesminister mischen sich lautstark in den Streit ein. Ein hochinteressanter Artikel von Roger Cohen!

Bourbon: mehr Farbe und Diversität, bitte!

Der Vorwurf einer wachsenden Zahl von Interessengruppen scheint berechtigt. American Whiskey wird, zumindest in den USA, nach wie vor fast ausschließlich in Richtung der älteren, männlichen weißen Konsumenten vermarktet. Oder, wie „Punch“-Autorin Yolanda Evans pointiert formuliert: Bourbon-Werbung wird primär an die Gruppe der wohlhabenden Southern Gentlemen gerichtet.

Diesem aus historischen und aktuellen Gründen hochproblematischen Umstand stellen sich aber immer mehr Gruppen und Vereine entgegen, die deutlich machen wollen, dass Bourbon – wie eigentlich jede Spirituose – für alle da ist, erläutert Evans und lässt mehrere Aktivisten afroamerikanischer „Bourbon-Clubs“ zu Wort kommen. Die soziokulturelle Einbettung von Bourbon nimmt in den USA eine gesonderte Rolle ein. Denn anders als bei anderen Spirituosen, die primär an Weiße vermarktet werden, ist Bourbon durch seine Verwurzelung in den Südstaaten automatisch in spezifischer Weise an die Historie der Sklaverei und der afroamerikanischen Bevölkerung gebunden. Dennoch wird er so gut wie gar nicht als „schwarze“ Spirituose wahrgenommen. Unbedingte Lese-Empfehlung!

Die Frittenbude als Kulturerbe?

Den belgischen Bierbrauern ist es 2016 schon gelungen (den deutschen übrigens nicht), nun wollen die Pommesbuden des kleinen Landes nachziehen: Der Dachverband der Belgischen Pommes-Frites-Imbissbetreiber (ja, diesen Dachverband gibt es) hat bei der Unesco die Eintragung der belgischen Frittenbudenkultur in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes beantragt, das berichtet z.B. der „Spiegel“.

Die belgische Pommes-Tradition ist u.a. deshalb besonders und charakteristisch, weil die typischen, einfachen Restaurants vor allem im französischsprachigen Teil Belgiens, Wallonien, eine wichtige Funktion als Treffpunkt in der Alltagskultur einnehmen, an dem sich die gesamte Breite der Gesellschaft begegnet und wo Klassengrenzen wenig gelten – ähnlich dem britischen Pub. Während die Ablehnung der Unesco gegenüber dem deutschen „Reinheitsgebot“ damals vor allem dadurch begründet wurde, dass man keine Verbotsvorschrift schützen werden, haben die belgischen Frittierer laut ersten Einschätzungen aber recht gute Karten. Doch lesen Sie selbst.

Credits

Foto: Everett Collection - shutterstock.com

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