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Inventur am 16. April 2023

Inventur am 16. April 2023 – Japanische Kaku-uchis & die geflämmte Orangenzeste

Und schon wieder ist die Woche rum! Vergangenen Mittwoch endete auch die Einsendefrist zu unserer Made in GSA Competition 2023. Wir freuen uns über 95 gültige Einsendungen, die wir bereits an unsere Jury – bestehend aus Marie Rausch (Rotkehlchen, Münster), Thomas Huhn (Les Trois Rois, Basel) und Damir Bušić (Liquid Diary, Innsbruck) – zur Beurteilung weitergeleitet haben. Bis Anfang Mai werden sie die zehn Finalist:innen festlegen, die am 5. Juni in Innsbruck die Sieger unter sich ausmachen werden. Uns zeigen die knapp hundert Einsendungen, dass der Cocktail-Wettbewerb sich weiterhin großer Beliebtheit und Reputation erfreut, schließlich leidet die Szene immer noch unter Personalmangel und nicht jede Bar kann sich leisten, seine Barkräfte für Wettbewerbe freizustellen. Unsere Vorfreude auf die Tiroler Berge wächst jedenfalls schon – und somit ab in die News der Woche.

Die geflämmte Orangenzeste

Sie war in den Nuller- und vor allem Zehnerjahren nahezu ein Fixbestandteil in vielen Bars: Die geflämmte Orangenzeste zumindest über einem Drink der Karte, beispielsweise dem Oaxaca Old Fashioned. Nun ist es etwas ruhig geworden um die Methode, die ätherischen Öle der Orange mit leichtem Rauch versehen in den Cocktail zu sprühen. Zu ruhig? Das Punch Magazine jedenfalls widmet der geflämmten Orangenzeste eine ausführliche Rückschau, ausgehend von Dale DeGroff, der diese Methode in den 1980ern im New Yorker Rainbow Room installierte, sie jedoch selbst von einem Bartender namens Pepe Ruiz gelernt hatte, der für den Hollywood-Crooner Dean Martin den „Flame of Love Martini“ mit fünf (!) geflämmten Zesten erfunden hatte. Heute fühle sich die geflämmte Zeste etwas altmodisch an, wie Punch-Autor Tyler Zielinski erklärt. „Es gibt entweder kein Garnish, eine technisch bedingte Garnish, wie z. B. etwas, das aus einem iSi-Siphon kommt, oder ein Garnish, das als Nebenprodukt des arbeitsintensiven Prozesses der Zutatenentwicklung entanden ist.” Ein unterhaltsamer, auch trinkkulturell schöner Rückblick. Wie wir bei MIXOLOGY jedoch schon mal geschrieben haben, könnte die flambierte Zeste bereits im 16. Jahrhundert entstanden sein.

Die verborgene Trinkkultur in japanischen Schnapsläden

Vor Kurzem erst haben wir mit der neu eröffneten Bar Neiro in Berlin einen Vertreter der Listening Bars vorgestellt, wo, inspiriert von japanischen Jazz kissas, Vinyl und ein Vintage High Fidelity Sound System die Kulisse für Drinks bilden. Die BBC berichtet von einem weiteren japanischen Phänomen: „Kaku-uchi“. Gemeint damit sind Läden, die Alkohol verkaufen, aber auch gleichzeitig als Bar dienen. In Berlin würde man dazu wohl sagen: Spätis, die Cocktails servieren. Nur ist Berlin aber nicht Tokio, also gibt es sowas nicht. Kaku-uchis jedenfalls haben ihren historischen Kern bei Stahlarbeitern, denen Schnapsläden Anfang des 20. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit waren, nach einer langen Nachtschicht Sake oder Shōchū zu trinken. Daraus hat sich eine landesweite Sitte entwickelt; ein Kaku-uchi ist unkompliziert, unprätentiös und alles andere als elitär, es gibt zu den Getränken auch ein wenig Essen, und nachdem sie Anfang der Nullerjahre aufgrund strengerer Hygienebedingungen nahezu verschwunden waren, feiern sie jetzt ein Comeback. Ein sehr schöner Beitrag, der demonstriert, wie wichtig die Möglichkeiten von gemeinsamem Essen und Trinken für eine Gesellschaft sind.

Jung von Matt eröffnet Troya Bar in Berlin

Einen ungewöhnlichen Bar-Zuwachs gibt es in Berlin-Mitte: Eine der größten Werbeagenturen Deutschlands, Jung von Matt, eröffnet eine eigene Bar, wie das Portal Meedia verkündete. Diese nennt sich Troya Bar und befindet sich am Sitz einer der Agenturfilialen in der Brunnenstraße 10. Als Bar-Managerin fungiert Anna Müller, ihres Zeichen Tochter des verstorbenen deutschen Großliteraten Heiner Müller und bereits seit Zeiten der berühmt-berüchtigten King Size Bar bestens mit dem Berliner Nachtleben vertraut. Lebenskünstler Friedrich Liechtenstein wiederum ist das Gesicht und Host für diverse Veranstaltungsformate wie den Talk „Frauen erklären die Welt“, zum Start soll es eine Bar-Talkshow von Grimmepreisträger und Investigativ-Journalist Khesrau Behroz geben. Zum Drinks-Programm wurde noch nichts verkündet, aber wir werden es beizeiten unter die Lupe nehmen …

Die Welt spart beim Alkohol

Zum Ende unserer Inventur blicken wir mit The Spirits Business auf einen Bericht des allseits bekannten Analyse-Instituts The IWSR. Dieser zeigt, dass die Menschen – global unter dem Druck steigender Kosten und Inflation leidend – vor allem an Alkohol sparen. Das sei in Großbritannien am stärksten ausgeprägt, wo die Inflation im zweistelligen Bereich steigt, aber auch in Deutschland, Australien, Frankreich und Kanada spürbar. In den beiden letztgenannten Ländern wurde der Verzicht auf den Kauf von Alkohol als zweitbeliebteste Strategie zum Sparen ermittelt.

„Um die Auswirkungen der Lebenshaltungskostenkrise abzumildern, werden die Konsumenten von Getränkealkohol immer wählerischer, wie und wann sie Alkohol ausgeben“, wird Richard Halstead, Chief Operating Officer Consumer Insights bei IWSR, zitiert. „Nach der Pandemie wird immer noch bevorzugt zu Hause getrunken, aber es gibt eine starke Motivation, auszugehen, nur weniger häufig und mit mehr Achtsamkeit beim Alkoholkonsum und -konsum.“ Trotzdem – oder gerade deswegen – gehe die Premiumisierung voran, schließlich ist diese Haltung eine direkte Fortführung der Tendenz, weniger und bewusster, aber qualitativer zu konsumieren. Eine interessante Nebenbeobachtung: In den wichtigsten Märkten treiben Millennials und die Generation Z, die das gesetzliche Mindestalter für den Alkoholkonsum erreicht haben, die Besuche im On-Trade voran.

Credits

Foto: everettovrk - stock.adobe.com

Comments (1)

  • M

    Zu Kaku-uchi: NHK World-Japan (staatl. japanischer Fernsehsender mit weltweiter Ausstrahlung in us-amerikanischem Englisch) hat unlängst im Rahmen der 72 Hours-Reihe einen Beitrag hierzu geliefert.
    72 Stunden in einem Liquor-Store in Tokyo mit Hinterzimmerausschank. Die Stimmung wurde sehr gut eingefangen. Aufpassen, ob Wiederholung kommt.
    https://www3.nhk.or.jp/nhkworld/en/tv/72hours/20230307/4026191/

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