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Inventur

Inventur am 21. Februar 2021 – Bargeld-intensive Betriebe auf dem Prüfstand & Bartender-Simulation

Das Image der Gastronomie ist eines der Themen, das in dieser Coronakrise immer wieder diskutiert wurde. Zu wenig, so die Kritik aus der Gastronomie selbst, beruhe das Bild dabei sowohl auf den wirtschaftlichen Zahlen wie auch auf der Menge der Beschäftigten, die die Gastronomie auf der Haben-Seite der Volkswirtschaft zu stehen hat. Die Politik sehe in der Gastronomie vielmehr eine Industrie, in der Schwarzarbeit und Steuerbetrug bunte Blüten treiben, was wiederum der Grund sei, sie im Vergleich zu anderen Industrien tendenziell zu vernachlässigen.

Was „bargeldintensive Betriebe“ wie Gastronomie, Friseure oder Märkte versteuern, ist eben häufig moralische Ermessenssache der Betreibenden. Da diese häufig auch zu Ungunsten des Staates ausfällt, wurde bereits die Bonpflicht in Stellung gebracht. Diese gilt grundsätzlich seit Anfang 2020 und wurde bis März 2021 erweitert. Allerdings betrifft sie nur diejenigen Betriebe, die bereits eine elektronische Registrierkasse haben, nicht aber solche, die weiterhin nur eine offene Ladenkasse betreiben. Klaus Baldauf, Betreiber mehrerer deutscher Gaststätten und Hotelbetriebe, hat nun eine Klage eingebracht, über die in Kürze am Bundesfinanzhof entschieden wird. Die Klage lautet Vorwurf auf „strukturelles Vollzugsdefizit bei bargeld-intensiven Betrieben“, wie die WirtschaftsWoche schreibt. Der Unternehmer (und gleichzeitig Jurist)  fühle sich gegenüber der Konkurrenz benachteiligt, denn wenn diese nicht korrekt ihre Umsätze angeben würde, müsse er das u.a. mit höheren Preisen wettmachen. Das Urteil wird tausende Gastronomen, Bäcker, Kioske, Friseure und Imbissbudenbesitzer betreffen und mit Spannung erwartet.

Ready Bartender One: Der Bartender VR Simulator von Tomek Malek

Wer sich häufiger auf Instagram herumtreibt, wird es vielleicht schon gesehen haben: virtuelle Simulationen vom Bars, in denen Cocktails gemixt und serviert werden. Gut möglich, dass es sich bei den Bildern um Bartender VR Simulator handelt. Dieser wurde von Tomek Małek mit entwickelt, seineszeichen langjähriger Flair-Bartender, der sich 2016 aus dem aktiven Geschehen zurückgezogen und an der Entwicklung des Spiels mitgewirkt hat.

Im Punch Magazin erklärt er nun, wie aus dem Spiel langsam ein Hit auf der Playstation wurde – und was er sich darüber hinaus davon verspricht. Zum einen hat natürlich die Corona-Pandemie, die die Menschen an die eigene Couch fesselt, zu einem Boom des Spiels geführt. Dieses funktioniert in verschiedenen Levels wie herkömmliche Spiele auch, allerdings muss man beim Bartender-Simulator keine Monster besiegen, sondern Gin & Tonic, Cuba Libre, Mojitos, Martinis und Old-Fashioneds zubereiten. Dabei arbeitet man sich von lauten Clubs über Rooftop-Bars bis zu kleinen Craft Cocktail Bars hoch. Malek erklärt auch, welche Vorteile das Spiel für Brands sowie für Schulungszwecke für Bars haben kann, macht dabei aber auch eines klar: Bartender alleine wird man davon nicht. „Ich möchte nicht, dass Menschen in eine Bar gehen und sagen: Ich bin ein ausgebildeter Bartender laut Bartender VR, bitte stellt mich an!“

Galander Berlin als virtuelle Bar

Wenn wir schon in der virtuellen Welt sind, bleiben wir doch gleich dabei, immerhin ist ein Treffen im analogen Raum ja weiterhin kaum möglich. Auf diesen Umstand hat nun auch Dominik Galander reagiert, Gastronom-Urgestein in Berlin: Er hat eine virtuelle Bar ins Leben gerufen, die man beim Hauptstadt-Blatt Tagesspiegel ausprobiert hat.

Im Gegensatz zum oben erwähnten Bartender VR Simulator geht es im virtuellen Galander aber etwas gediegender zu, graphisch fühlt sich die Autorin vielmehr an ein Oldschool-Videospiel erinnert. In diesem kann man sich in einem dem Galander nachempfundenen Raum an einen Hocker setzen, auf die Tanzfläche gehen oder eine Vernissage betrachten; der Clou dabei ist, dass man sich dabei mit anderen Avataren unterhalten kann, die sich ebenfalls für einen Abend in das digitale Bar-Geschehen gekauft haben. Natürlich bietet das Galander auch die passenden Cocktails dazu. Diese werden im Umfeld von fünf Kilometern geliefert oder stehen zur Selbstabholung bereit. Zu jedem Drink gibt es einen Zugangslink zur digitalen Bar, die Freitags und Samstags stattfindet, die Technik basiert auf dem Video-Call-System Gather. Vielleicht probieren wir das mal aus …

Sind Innenstädte die Orte, die das Leben wiederbringen?

Es ist kein allzu langer Text, und er mag auch ein wenig allgemein gehalten sein: Nichtsdestotrotz birgt der Mini-Essay How hospitality can save the high street im Class Magazine ein paar interessante Gedanken, wie sich das Leben in der Großstadt – und insbesondere ihrer Innenstädte – nach der Pandemie verändern könnte.

Nicht erst seit dem Lockdown ist der Online-Handel am Aufstieg, die Pandemie hat diesen Umstand nur beschleunigt. Für viele Ketten, die Geschäfte und Lokale in innenstädtischen Lagen betreiben, ist das nicht mehr lukrativ, und auch der vielbeschworene Showroom, der keine schwarzen Zahlen schreibt, sondern als Visitenkarte dient, scheint nicht mehr erstrebenswert. Was aber passiert mit all den bereits bestehenden und noch erwartbaren, leerstehenden Immobilien? Für den Autor des Textes ist klar: Die Menschen könnten sich ihre Hauptstraßen zurückholen; diese Straßen, die immer schon als die Lebensadern von Städten gedient haben, könnten durch Gastronomie und Kultur wiederbelebt werden. Wir wollen an dieser Stelle auch gar nicht die Floskel von der Krise als Chance bemühen, aber was in den nächsten Jahren mit vielen Innenstädten passiert bzw. passieren kann, ist tatsächlich eine auf vielen Ebenen spannende Frage, in der viel Potential liegt.

Eine Ode an den Sommelier

Zum Abschluss unserer Inventur werfen wir einen Blick ins Weinglas: Für SevenFiftyDaily schreibt der Sommelier Erik Segelbaum nämlich eine Hommage an seine Zunft. Diese seien vor der Pandemie als Erstes von einer Schicht gestrichen worden, während sie in der Pandemie als Erstes aufs Abstellgleis geschickt und als Letzte wieder an Board geholt worden wären.

Ein gravierender Fehler, wie Segelbaum feststellt. Ihm ist dabei auch in keinster Weise um ein moralisches Spekulieren über diese Tatsache gelegen. Vielmehr legt er dar, welch wichtiger wirtschaftlicher Faktor ein Sommelier bzw. eine Sommelière für ein Restaurant ist. Sommeliers seien nicht nur diejenigen, die die höchste Kompetenz bei dem Produkt mitbringen, das die höchste Gewinnmarge bei geringstem Produktionsaufwand hat, sondern seien von Gästepflege über systematische Einkaufspolitik und Vernetzung für vieles verantwortlich, was er als Schattenwirtschaft bezeichnet. Und die, so ist er überzeugt, nach der Pandemie nur noch wichtiger sein wird, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen.

Credits

Foto: Everett Collection - shutterstock.com

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