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Inventur

Inventur am 21. Januar 2024 – Gastronomie im politischen Fahrwasser & Probleme der deutschen Kleinbrenner

Nach dem Bekanntwerden, dass Vertreter:innen der AfD im November 2023 an einem rechtsextremen Treffen teilgenommen haben, auf dem über Massendeportation gesprochen wurde, ist die deutsche Gesellschaft auf- bzw. wachgerüttelt. Bei den vom Recherche-Team correctiv veröffentlichten Fakten braucht man wenig Fantasie, um in dieser Zusammenkunft historische Parallelen zur Wannseekonferenz zu ziehen. Dass der Verfassungsschutz Teilverbände der AfD bereits zuvor als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft hat, hat offenbar nicht verhindert, dass viele nun trotzdem überrascht sind.
Man kann sagen: besser spät, als nie. Wir haben zu dem Thema in unserem wöchentlichen Newsletter die Frage gestellt: Wie aus gastronomischer Sicht mit Anhänger:innen, Sympathisant:innen oder gar Mitgliedern einer rechtsextremen Partei umgehen? Die Bar als Ort der Begegnung für alle offenhalten, um wenigstens für ein Klima des Austausches zu sorgen, oder das ungeschriebene Gesetz des No Politics, No Religion ad adcta zu legen und den Zutritt bzw. die Bedienung verweigern? Die zahlreichen Antworten zeigen, dass das Thema vielen auf der Seele liegt. Inhaltlich scheint man zwiegespalten, die Antworten wogen zwischen dem Zweifel an einem Ausschluss, da dieser für nur noch mehr Spaltung sorgen würde, und einem klaren Bekenntnis, dass jeglicher Dialog sinnlos ist, hin und her. Wer uns seine Meinung dazu schreiben möchte, unser Postfach [email protected] ist jederzeit dafür geöffnet – natürlich werden wir die Nachrichten diskret behandeln und weder Inhalt noch Namen veröffentlichten.

Die Sicherung des dritten Raums

Jemand, der bereits zu dem Thema Stellung bezogen hat, ist der stets meinungsstarke Jan-Peter Wulf auf seinem nomyblog. Für ihn ist klar, welchen Weg die Gastronomie wählen sollte. „Das Politische hat längst Einzug in die Hospitality gehalten. No politics is over, it seems. Der Ort, an dem Politik aus guten Gründen nicht stattfinden soll, ist wohl endgültig nicht mehr loszudenken von dem, was in seiner Außenwelt, also unserer Alltagswelt, passiert. Es steht in einem direkten Zusammenhang miteinander.“ Er regt an, dass Gastronomien sich klar als soziale Orte positionieren und sich sensibilisieren, wen sie in ihre Räumlichkeiten lässt, außerdem zeigt er auch auf, dass das Wort „Gastronom“ keine Garantie für eine liberale Weltanschauung sei, sondern rechte Ideologien auch in die Branche hineinragen, wenn gastronomische Unternehmungen als Geldgeber der rechten Szene fungieren. Aber die Bar als neutraler Ort habe für ihn ausgedient: „Neutralität muss Selbstverantwortung weichen, wenn die Gastronomie als Teil der demokratischen Gesellschaft einen Beitrag dazu leisten will, dass die Demokratie nicht zerstört wird.“

Streuobstwiesen und Kleinbrenner:innen

Katrin Schray ist eine Brennerin mit einer bewegten Biografie. Sie hat jahrelang in Ruanda eine Brennerei aufgebaut, bis sie durch die Coronapandemie das Land verließ. Danach hat sie im Schwarzwald ihr privates Glück gefunden, dem rasch eine eigene Brennerei folgte, mit der sie hervorragende Produkte hervorbringt. Kurzum: Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie in einer Stellungnahme im Magazin Kleinbrennerei von den Schwierigkeiten schreibt, mit der die deutschen Kleinbrenner:innen aktuell zu kämpfen haben. Vor allem geht es ihr um eine Forderung an die Politik: einer Kontingenterhöhung von jetzt 300 Liter/Alkohol auf 700 Liter/Alkohol pro Jahr. Diese Maßnahme, so schreibt sie, sei nicht nur ein Akt für die Bewahrung der Brennkultur, sondern auch eine notwendige Investition in den Umweltschutz. Ohne die Brenner:innen würden auch die Streuobstwiesen verschwinden, da sich die Vermarktung von Streuobst als Tafelobst finanziell nicht lohne. Ein Obstbauer erhalte pro 100 kg Streuobst nur zehn Euro, erst mit rund 25 Euro pro 100 Kilogramm sei jedoch rentabel zu wirtschaften. Eine bessere Rentabilität sei daher durch die Verarbeitung des Streuobstes zu Destillaten gegeben. „Es ist jetzt an der Zeit, darüber aufzuklären und die Erkenntnis zu schaffen, dass Alkohol nicht bloß Suchtpotential in sich bergen kann und Destillate weit mehr als nur Genussmittel sind. Sie sind Schlüsselakteure und Wegbereiter für den Schutz unserer Landschaft und Traditionen.“ Sehr lesenswert.

Kleiner Bar-Ausblick auf Neueröffnungen 2024

Das Jahr ist noch jung, und die Barwelt hat wie viele andere Branchen auch mit Herausforderungen zu kämpfen. Die Lust an neuen Projekten scheint das allerdings nicht zu schmälern. Die Website der World’s 50 Best Bars gibt einen aktuellen Ausblick auf elf Projekte prominenter Bar-Persönlichkeiten, deren Neueröffnungen in diesem Jahr anstehen. Mit aufgeführt sind unter anderem ein Bauhaus-Ableger von Rémy Savage & Co. in London, eine auf Zero Waste konzentrierte Tagesbar namens Walk In der umtriebigen Köpfe von Line und The Clumsies in Athen, die zweite Three Sheets-Bar des Brüderpaars Max und Noel Venning oder die erste Schmuck-Bar in New York von Moe Aljaff und Juliette Laroui, sowie weitere internationale Projekte von Sydney bis Jakarta. Eine deutsche Bar findet sich nicht in der Liste.

Ist der Chirulín ein älterer Pisco-Drink als der Pisco Sour?

Zum Abschluss eine schöne Geschichte aus der Rubrik Folklore, wofür wir uns nach Peru begeben, genauer gesagt: zu den dortigen Communities im Distrikt El Ingenio in der Provinz Nasca in der Region Ica im Südwesten des Landes. In dieser Gegend hat nämlich ein Drink seinen Ursprung, der laut Bericht des Punch Magazine älter sein soll als der Pisco Sour oder der Capitán: der Chirulín. Dieser setzt sich zusammen aus – natürlich – Pisco, Pomelo und „agüita de canela“, womit eine Mischung aus Zimttee mit Zuckersirup gemeint ist. In der Region gehöre der Cocktail schon lange zur Historie und würde aus großen Pitchern getrunken – wie ihn 2011 auch José Quintanilla kennengelernt hatte, ein Bartender aus Schweden, der von der Geschichte des Chirulín so fasziniert war, dass er mittlerweile mehrere Male in der Gegend war und heute sogar den Titel „El Ingenio’s Chirulín Botschafter“ trägt. Quintanilla ist nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass sich der Drink in modernen Interpretationen auf Barkarten von Lima bis Houston und Barcelona wiederfindet.

Credits

Foto: everettovrk - stock.adobe.com

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