TOP
Inventur

Inventur am 27. März  – Ukraine-Krieg: Bartender in Baden-Baden entlassen

Willkommen zur letzten Inventur in diesem ersten Quartal des Jahres 2022. Es sind die Wochen der echten Corona-Erleichterungen, die wir aktuell erleben. Die Beschränkungen fallen allerorten, und sogar die Maskenpflicht, an die wir uns inzwischen alle gewöhnt haben, wird in den kommenden Wochen in vielen Kontexten bröckeln. Auch die Gastronomie kann vielleicht zum ersten Mal seit über zwei Jahren vergleichsweise tief durchatmen und Luft für einen hoffentlich rentablen Sommer holen.

In einem großen Interview mit der Zeit warnt der Virologe Christian Drosten hingegen davor, jetzt das oft besungene „Ende der Pandemie“ herbeizureden. Zwar unterstützt auch er als einer der führenden Forscher des bisherigen Pandemiegeschehens die umfassenden Erleichterungen, merkt aber an, dass das Thema Corona uns noch auf Jahre hinweg besonders in der kalten Jahreszeit weiter begleiten wird – zwar durch milde Schutzmaßnahmen, aber eben durch Schutzmaßnahmen. Der Mediziner selbst hingegen wird sich künftig der Öffentlichkeit vermehrt entziehen und sich wieder verstärkt auf seine eigentliche Arbeit, die Forschung, konzentrieren. Auch aus seinem extrem populären Podcast-Format wird er aussteigen, um mehr Zeit für die wissenschaftliche Arbeit zu haben. Doch sehen wir das Positive und freuen uns auf die wirklich warme und damit Virus-unfreundliche Zeit – und schauen dabei auf die News und Themen der Woche.

Werbung
Banner Brown Forman/Bar-Fabric

Ukraine-Krieg: Bartender aus Restaurant in Baden-Baden nach kritischen Äußerungen entlassen

Wie Mitte der Woche von mehreren großen Medien berichtet wurde, hat das in Baden-Baden sehr bekannte Restaurant „Rizzi“ einen Bartender fristlos entlassen, nachdem dieser sich in einem Video kritisch und offenbar auch recht derb gegen den von russischer Seite initiierten Krieg in der Ukraine geäußert hat.

Wie Bartender Igor Golod später auf seiner Facebook-Seite schrieb, hätten die Betreiber des Restaurants ­– ein Unternehmen mit dem bezeichnenden Namen „Palais Gagarin Gmbh“ – ihm bezüglich seines Videos Rassismus vorgeworfen und daher eine außerordentliche Kündigung aufgrund einer schweren Rufschädigung des Restaurants ausgesprochen. Golod veröffentlichte auch ein Foto vom Kündigungsschreiben. Das Restaurant gilt unter den traditionell sehr zahlreichen, wohlhabenden russischen Gästen in Baden-Baden als äußerst beliebt, weshalb gar der ukrainische Außenminister sich in die Debatte einmischte und sich kämpferisch zeigte: Das Restaurant betreibe Klientelpolitik, man werde Golod seitens der Ukraine konsularische und juristische Unterstützung bei der Aufarbeitung des Falles zukommen lassen.

Hat Gastronomie ein Altersproblem?

Einen hochinteressanten, langen Beitrag von Betsy Andrews hat das Magazin SevenFiftyDaily am Montag veröffentlicht. Darin geht es um einen wichtigen Aspekt, der so bislang kaum thematisiert wurde. Andrews‘ These: Die Gastronomie hat ein tiefgreifendes Problem mit Alter-Diskriminierung.

Sie bringt zahlreiche Beispiele dafür, wie es gestandenen Persönlichkeiten aus der Bar-, Restaurant- und Getränkebranche jenseits eines Alters von 40 Jahren immer schwerer gemacht würde, einen Job zu finden. Oftmals würden Arbeitgeber versuchen, vorgeschobene andere Gründe abseits des Alters geltend zu machen, doch das Problem sei bekannt und in der Fläche verbreitet – und es kommt von mehreren Seiten: So seien jüngere Mitarbeiter für Arbeitgeber meist günstiger. Aber auch aufgrund bestimmter Erwartungshaltungen der Gäste würden sehr viele Wirte ausschließlich junge, vermeintlich attraktivere Leute einstellen, so der Text. Das Durchschnittsalter eines Mitarbeitenden in der Gastronomie betrage in den USA rund 29 Jahre, heißt es in dem Artikel. Wir haben in der Kürze der Zeit keine derartige Angabe für Deutschland auffinden können, gehen aber davon aus, dass das Phänomen hierzulande vergleichbar ist.

Neue Instagram-Algorithmen gefährden kleine Hersteller

Ihnen ist es sicher auch schon aufgefallen: Ungefähr seit Beginn des Jahres sehen Sie beim Scrollen durch Ihre Instagram-Timeline deutlich mehr Videos als zuvor, insbesondere die noch junge Gattung der Reels taucht verstärkt auf. Das ist nicht verwunderlich: Der Mutterkonzern „Meta“ hatte Ende 2021 angekündigt, Instagram deutlich stärker in Richtung von Bewegtbild-Inhalten auszurichten und somit das etablierte Schema einer Foto-Plattform aufzubrechen.

Für viele kleine, unabhängige Firmen bedeutet dies eine wahre Gefährdung, auch aus dem Bereich Food und Getränke, wie ein langer Beitrag der New York Times zum Thema darlegt. Denn zahlreiche kleine Spirituosen- oder Lebensmittelerzeuger haben bislang durch Fotos sehr effizientes Marketing für kleines Geld betreiben können. Das hat sich mit dem neuen Algorithmus im Insta-Feed drastisch geändert, da dort nun viel weniger Fotos eingespielt werden. Für viele Firmen bedeutet das teils erhebliche Umsatzeinbrüche und den gleichzeitigen Druck, künftig entweder deutlich mehr Budget zur Produktion von Videos abzweigen zu müssen oder aber ihre Beiträge kostenpflichtig zu bewerben – während große Konzerne diesen Schritt leichter gehen können.

Doch wieder Happy Hour? Naren Young gibt Beispiele

Keine Angst, keine Angst, wir propagieren hier sicher nicht die klassische Trash-Happy-Hour mit Drinks zum halben Preis. Das tut auch der erfahrene, preisgekrönte Gastronom und Autor Naren Young nicht, wenn er das Thema Happy Hour in seinem neuesten Beitrag für das Australian Bartender Magazine etwas näher betrachtet.

Was Young aber tut, und was sicherlich viele Wirte schon einmal versucht oder wenigstens gedacht haben: Wie lassen sich die ruhigeren Stunden in einer Bar beleben, ohne dabei das Konzept zu verramschen? Young gibt zwei Beispiele, die in seiner Laufbahn gut funktioniert haben: Einerseits durch ein vergleichsweise günstiges Aperitivo-Menü am späten Nachmittag im New Yorker „Dante“, das unter seiner Ägide zur „World’s Best Bar“ gekürt worden war. Andererseits durch eine eigene kleine Happy-Hour-Karte im „Sweet Liberty“ in Miami, wo er mittlerweile tätig ist. Vor allem aber interessant an seinem Beitrag ist, dass er offen damit umgeht, die Happy Hour auch realisieren zu können, weil er sie nutzt, um Dinge wie Freiware oder auch Warenrestbestände von Events und Caterings abzubauen. Nicht besonders sexy, aber definitiv lukrativ und besser als Schrott zu verkaufen.

Credits

Foto: Everett Collection - shutterstock.com

Kommentieren