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Inventur am 3. April 2022 – der Begriff Mixologe & Social Media auf dem Prüfstand

Der erste April liegt hinter uns – und mit ihm die jährlichen Aprilscherze. Gerade im medialen Bereich haben es sich in diesem Jahr nämlich einige Portale und Unternehmen nicht nehmen lassen, den Tag mit der Bekanntgabe von Jux-Produkten und Fake-Meldungen zu bespielen.

Im letzten Jahr – und somit mitten in der Pandemie – war davon nichts zu lesen gewesen. Damals hatte man aus Gründen der Pietät wohl darauf verzichtet, unter dem Motto: Gibt eben nichts zu lachen. In diesem Jahr scheint es anders, und das, obwohl es durch den Krieg in der Ukraine noch weniger zu lachen gibt als ein Jahr zuvor. Vielleicht zeigt es aber auch, dass man sich nicht weiter vor der Weltenlage in die Knie zwingen lassen möchte. Humor ist eben, wer trotzdem lacht. Wir bei MIXOLOGY hatten uns trotzdem noch entschlossen, Abstand von einem Aprilscherz zu nehmen, obwohl wir die eine oder andere gute Idee auf Lager gehabt hätten. Vielleicht ja im nächsten Jahr … und somit widmen wir uns den Inventur-Themen der Woche.

Russisch-ukrainisches Restaurant in Wien in der Klemme

Das kleine Restaurant Feuervogel in Wien ist benannt nach einem Ballett von Igor Strawinsky und wird in dritter Generation von Peter Krajc-Vesely geführt. Im österreichischen Der Standard beklagt der 74-jährige Gastronom nun ein Einbußen im Umsatz, die auf den Krieg in der Ukraine zurückzuführen sind. Seine Großmutter aus Kiew hätte das Restaurant in der Alserbachstraße vor fast hundert Jahren eröffnet, nach einer Sprayer-Attacke hätte er einen Zettel mit der Botschaft „Das Abendrestaurant Feuervogel befindet sich seit 1923 im Besitz einer ukrainischstämmigen Familie!!!!“ ins Schaufenster legen müssen, um sich vor weiteren Übergriffen abzusichern. Vor allem ist der Text über Krajc-Vesely, der selbst noch einen Großcousin in Moskau und eine Großcousine in Odessa hat und den Krieg verdammt, ein Porträt über einen Gastwirten, der nicht aufgeben will und mit Weitblick auf die Lage der Welt blickt. Und der es sich nicht nehmen lässt, weiterhin russische, ukrainische und georgische Küche servieren will. Sehr schön.

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Die neun Leben des Mixologen

Danny Chau geht für das Punch Magazine gerne essayistischen Themen nach und hinterfragt in seinen Beiträgen vor allem auch immer wieder die Begrifflichkeiten und linguistischen Besonderheiten der Barszene; wie diese zu dem wurden, was sie sind, und ob sie auch so bleiben sollten, wie sie sind. In einem aktuellen Beitrag stellt er die Frage, ob und wann der Begriff des „Mixologen“ seine Berechtigung hat. Dabei ruft er in Erinnerung, dass sich der Begriff aus einem Scherz eines Kolumnisten des Knickerbocker Magazine entwickelt hat und im Grunde erst von Dale DeGroff in den 1980er Jahren wiederbelebt wurde. „Seit der Entstehung des Wortes hängt die Entwicklung des Mixologen von der Balance zwischen Ehrfurcht und Abscheu ab, die das Etikett auslöst“, schreibt Chau. „Diese beiden Pole der Gefühle haben sich über die Epochen hinweg verdreht und verflochten und bilden die Doppelhelix der DNA der Mixologie.“ Lesenswert.

Sollen Arbeitgeber auf Social Media einwirken?

Einer brisanten Frage geht die Autorin Anna Sebastian in einem Beitrag für das Class Magazine nach: Sollten Arbeitgeber einen Einfluss haben auf das Social Media-Dasein ihrer Angestellten? Eine eindeutige Antwort – so der vielleicht wenig überraschende Spoiler – gibt es nicht. Aber die Frage wird dennoch immer wichtiger, spielt sie sich doch in einem besonderen Spannungsbogen ab: Zum einen können Unternehmen vom Social-Media-Leben ihrer Angestellten in Form von Gratis-PR profitieren, zum anderen ist somit die Gefahr eines kompromittierenden Postings immer nur einen Daumendruck entfernt. Andrei Marcu, Bar-Manager des Coupette in London, meint beispielweise, Bars sollten ihre Mitarbeiter eigene Trainings-Programme für Marketing und Social Media anbieten. Gerade in der Barwelt würden viele auf Instagram auch nicht mehr zwischen Arbeit und Privatperson trennen. Ein Thema, das mit Sicherheit weiter in den Fokus rücken wird.

Von der Spitzenküche zum Spatenstechen

Zum Schluss der dieswöchigen Inventur noch eine kleine Aussteigergeschichte. Wobei „Aussteiger“ vielleicht zu viel gewählt ist, nennen wir es vielmehr „Rückzug“. Für die Welt beschreibt Eva Biringer (die u.a. auch für MIXOLOGY schreibt), wie sich der Berliner Spitzenkoch Sebastian Leyer (u.a. Pauly-Saal) aus der Hochküche verabschiedet hat und nun in der Uckermark Obst und Gemüse anbaut – mit dem er wiederum führende Restaurant-Adressen der Stadt wie das Nobelhardt & Schmutzig oder auch das für seine Cocktails bestens bekannte Bon-Vivant versorgt.

Der Idylle stehe aber auch ein harter Alltag gegenüber, so Leyer, der er habe „nie so hart gearbeitet wie im ersten Jahr als Gemüsebauer, was etwas heißen will nach 17 Jahren in der gehobenen Gastronomie.“ Vielleicht ein kleiner Reality-Check für diejenigen, die sich in ihrem Traum von der Stadtflucht ebenso schon mit Gummistiefeln und Spaten im Garten stehen sehen …

Credits

Foto: everettovrk – stock.adobe.com

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