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Inventur

Inventur am 6. November 2022 – Jamie Oliver in der Kritik & die Schattenseiten der Digitalisierung

Sonntag: Spaziertag oder Couchtag? Oder vielleicht beides? Wer es sich vor dem Bildschirm bequem macht, hat ja vielleicht von der neuen Netflix-Serie „Drink Masters“ gehört. In dieser machen zwölf Bartender:innen aus dem nordamerikanischem Raum ein Preisgeld von 100.000 US-Dollar unter sich aus, in dem sie Folge für Folge bestimmte Cocktail-Challenges ausfechten. Wir haben uns die Show, in der die beiden bekannten Bar-Protagonist:innen Julie Reiner und Frankie Solarik sowie der Schauspieler Tone Bell die Jury bilden, bereits angesehen und gefragt: Ist das Binge oder Cringe? Ist das ein Image-Boost für das Bartending – oder eher das Gegenteil? Wer uns seine Meinung dazu schicken will, kann das unter [email protected] gerne tun. Und somit starten wir die Inventur der Woche.

Jamie Oliver erntet Kritik für neue Kochshow

Es gab immer schon Formate, in denen Ausgehen oder Kochen „on a budget“ – also für schmales Geld – im Mittelpunkt stand. Meist ging es dabei um Tipps für jüngere Menschen, wie sie trotz schmaler Börse kulinarische und hedonistische Höhen erreichen können. Aber wir leben augenblicklich in einer Welt, die von Preisteuerungen und Inflation dominiert wird und Sparmaßnahmen einen viel größeren Teil der Bevölkerung erreichen. Dieser gesellschaftliche Rahmen mag den Aufschrei erklären, den die neue Show von Jamie Oliver nun wohl verursacht hat und über den bereits verschiedene Medien berichtet haben, etwa der Iconist.

In „Jamie’s £1 Wonders“ demonstriert der britische TV-Starkoch seinen Landsleuten nämlich, wie man für ein Budget von einem britischen Pfund – das sind etwa 1,16 Euro – seine Gaumenfreuden hochhalten kann. Da aktuell drei Millionen Brit:innen in Armut leben und laut Studien 14 Millionen weitere davon bedroht sind, wirken die Tipps, so die Kritik, mehr zynisch als unterhaltsam. Vor allem, weil sie von jemandem stammen, der dieses Problem wohl nicht haben wird – das Vermögen von Koch-Impresario Oliver wird auf knapp 280 Millionen Euro geschätzt.

Edel-Verpackungen auf dem Prüfstand

Die Lebkuchen- und Pfeffernüsse-Regale im Supermarkt weisen unmissverständlich den Weg: Weihnachten steht vor der Tür. Nicht unbedingt direkt vor der Tür, aber die Konsum- und Warenwelt rund um das Heilige Fest rückt Jahr für Jahr weiter vom Jahresende weg und in das Jahr hinein. Wie wir wissen, ist Weihnachten das Fest der Geschenke, und wie die Alkoholindustrie weiß, sind diese Geschenke häufig Whiskeys, Rums und Gins, die noch last minute für ein Familienmitglied in den Warenkorb geworfen werden – und das am besten in einer stattlichen Verpackung, die den Wert des Inhalts und die Wertschätzung des Beschenkten in sich vereinen soll.

In einem ausführlichen Beitrag widmet sich DailySeven Fifty genau diesem Thema: dem „Value-Added packaging (VAP)“. Denn auch in diesem Bereich verschieben sich aktuell die Präferenzen und Bedingungen anhand von Lieferengpässen, gestiegenen Preisen und nachhaltigem Bewusstsein – so stellt Diageo beispielsweise die Verwendung von weltweit 183 Millionen Geschenkkartons für sein Premium-Scotch-Portfolio ein, ein Plan, der 2023 auf weitere hauseigene Marken ausgeweitet werden soll. Nichtsdestotrotz ist die Nachfrage nach VAP weiter hoch und somit ein Thema, das für viele Marken wie Engelchen und Teufelchen auf den Schultern sitzt. Mit Sicherheit wird es weiter im Fokus stehen.

Cocktails im „Drink Theater“

Nichts deutet im Augenblick darauf hin, dass es wieder zu Pandemiebeschränkungen kommt, das Bargeschäft hat längst wieder Fahrt aufgenommen. Nichtsdestotrotz sind soziale Auswirkungen nach wie vor spürbar. Diese fordernden zwei Jahre lungern weiter in der kollektiven Psyche, und während manche diese Zeit sehr gut auszublenden oder abzuhaken wissen und zu ihrem Habitus zurückgekehrt sind, tun das längst nicht alle. Gerade für zweitere Gruppe ist Ausgehen mehr ein geplanter Akt als eine spontane Entscheidung, und diese Gruppe braucht für ihre Entscheidung mehr als nur Drinks.

Zumindest wenn es nach dem Punch Magazine geht, gibt es daher auch eine Art Revival von Bars, die neben Cocktails auch Shows für einen ganzen Abend bieten, sei dies Musik, Theater oder Comedy – im US-amerikanischen einfach „Drink Theater“ genannt. In diesen wird der Cocktail vom Hauptdarsteller des Abends mehr oder weniger zum Teil eines Gesamtensembles, und während Konzepte dieser Art in unseren Breiten wenig Tradition und – bis auf wenige Ausnahmen – Erfolg haben, genießen auch immer mehr Menschen hierzulande die Vorzüge, einen ganzen Abend in einer Location zu verbringen. Es muss ja nicht gleich das Sherlock-Holmes-Cocktail-Dinner sein …

Die Schattenseiten der Digitalisierung

Der vorherige Beitrag führt uns direkt in den nächsten, wenn auch unter umgekehrten Voraussetzungen: Das oben erwähnte „Drink Theater“ lebt vom menschlichen Austausch und einem Programm, in dem Menschen für Unterhaltung sorgen. Sprich: von Interkation. Den Wegfall eben jener Interaktion bemängelt nun die Autorin, Kritikerin und Restaurantfachfrau Caitlin Hart für Civil Eats. Grund dafür seien Digitalisierungsmodelle wie Bestell-Tablets und QR-Codes, die mehr und mehr die Schnittstelle zwischen Gast und Gastronomie einnehmen.

Ihr Beitrag ist weit mehr als ein simples Tech-Bashing einer tech-kritischen Person, deren Verständnis von Gastronomie auf rein nostalgischen Werten beruht. Vielmehr zeigt die Autorin auf, wie diese automatisierten Bestellungen sowohl bei Kunden als auch Gastrononiekraft für Frust sorgen, warum von einer Automatisierung und digitaler Bezahlung häufig die Besitzer:innen profitieren würden, aber nicht die Angestellten (was vor allem auf große Ketten zutrifft), und warum all das den (zumindest US-amerikanischen) Hospitality-Sektor weiter untergräbt, anstatt ihm zu helfen. Man merkt dem Text an, dass er von einer Person geschrieben ist, die auf eine große Praxiserfahrung zurückgreift – und das macht ihn umso lesenswerter.

Credits

Foto: everettovrk - stock.adobe.com

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