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Ist der Barszene ihr CO2-Foodprint egal?

Ist der Barszene der Klimawandel so egal, wie es den Anschein hat?

Nach der Coronapandemie laufen Brandtrips und Gastschichten wieder auf Hochtouren, dem nationalen wie internationalen Barzirkel scheint wenig an mobiler Zurückhaltung gelegen. MIXOLOGY mit einem Überblick, der auch vor Selbstkritik nicht zurückschreckt.

Social Media bildet nicht das reale Leben ab, das dürfte den meisten Menschen klar sein. Die Posts, Bilder und Videos auf diversen Plattformen zeigen einen – zumeist gehypten –Ausschnitt, und da man nicht allen Menschen folgen kann, sondern immer nur einem Teil (und in der Natur der Sache vor allem solchen, die einem persönlich in Interessen und Ansichten nahestehen), laden sie zu einem Tunnelblick ein.

Nichtsdestotrotz erlaubt es einen gewissen Querschnitt. Als Bar-Magazin folgen wir natürlich zu einem überwältigenden Teil Menschen aus der Bar- und Spritiuosenszene. Tut man das, kommt man nicht umhin, festzustellen: Viele im nationalen und internationalen Bar-Zirkel kümmern sich wenig um ihren CO2-Footprint, während sie viel von nachhaltigem Arbeiten sprechen. Kurzum: Es herrscht Hypocrisy alert!

Reiseaufkommen auf vor-pandemischen Niveau

Klingt etwas drastisch, scheint deswegen aber nicht weniger wahr, wenn man die aktuellen Tendenzen einer näheren Betrachtung unterzieht. Die Bar- und Spirituosenindustrie hat mittlerweile mühelos ihr Reiseaufkommen auf einen vor-pandemischen Zustand gehievt. Es heben Woche für Woche Flugzeuge ab mit Bartender:innen auf Brandtrips oder auf dem Weg zu Gastschichten, vom durchschnittlichen Reisepensum eines Markenbotschafters mal ganz zu schweigen. Natürlich, es tat gut, nach dem Corona-Cut die deprimierende Klausur der eigenen vier Wände hinter sich zu lassen, aber das liegt nun auch schon eine Weile hinter uns.

Es darf also angenommen werden, dass die Brandtrips eher einer persönlichen Auszeit dienen; wer will es einem verdenken bei dem Knochenjob, aber wirkliches Wissen wird auf diesen Trips nur marginal aufgenommen. Alles, was man dort hört, weiß ein:e Bartender:in, die schon eine Weile in der Bar arbeitet, im Grunde schon. Die Ausflüge dienen dazu, eine emotionale Bindung zu einer Marke zu schaffen, für das Networking, es werden Erlebnisse und Erinnerungen geschaffen, die binden und bleiben. Darüber hinaus kreieren die Dinnerabende, die Warehouses und die Infinity-Pools Content für alle Beteiligten, für Organisatoren wie Organisierte, Social Media ist eben so wichtig wie nie. Die Zeit und der Aufwand, die mittlerweile für Bars in Social Media fließen (und fließen müssen), ist enorm. Die Kunst, die Zunge oder den Mittelfinger auf möglichst vielfältige Weise in die Kamera zu strecken, reicht aber höchstens für die nationale Wahrnehmung; nicht jedoch die internationale.

Auf die Listen!

Und hier kommen wir an einen weiteren Punkt: Man kann als Bar noch so virtuos auf der Klaviatur von Social Media spielen, wenn man sich international einen Namen machen will, muss man sich international vernetzen; man muss rumfliegen und rumgeflogen werden, man muss einladen und eingeladen werden. Das haben auch einige deutsche Bars beherzigt, denn es scheint, als würden aktuell mehr nationale Bars internationale Bartender:innen zu Gastschichten und Take-Overs einfliegen. Es macht teilweise auch den Anschein, als gebe es Pläne zwischen einigen Bars und Brands, diesen Blind Spot zu füllen und deutsche Bars wieder auf die globalen Bestenlisten zu heben. Vor allem das Fehlen im Ranking der World’s 50 Best ist ein Thema, das schon lange wie ein Stachel im Fleisch sitzt.

Der Unterschied zu diesen internationalen, auf Bestenlisten geführten Bars ist ohnehin weniger die Optik der Bar, die Qualität der Drinks oder das Konzept. Es ist primär die fehlende PR und die nachlässige (Selbst)Vermarktung deutschsprachiger Bars. Salopp gesagt: Das, was ein Little Red Door in Paris macht – arbeiten mit kleinen regionalen Produzenten –, macht eine Bar wie das Berliner Velvet schon lange. Nur während das Little Red Door damit auf Promotion-Flügeln durch die Welt tourt (= fliegt), scheint in Berlin-Neukölln die Lust auf einen missionarischen Mitteilungsdrang gebremst. Ruben Neideck organisiert lieber Brettspielabende oder referiert über die soziale Bedeutung von Bars. Auf die Liste der World’s 50 Best Bars kommt man damit nicht.

Die Bar 2023 als Start-up

Dass man sich als „Brand“ zu sehen hat, haben die meisten deutschen Bars aber nichtsdestotrotz verinnerlicht, denn die Bar 2023 wird verhandelt wie ein Start-up. Das, was Vortragende von Bar-Messen von Vortragenden auf einem Digital-Leader-Kongress unterscheidet, ist der Umstand, dass das verkaufte „Produkt“ Getränke oder Gastronomien sind. Das Wording der „Strategien“ und „Positionierungen“, der „Take-Aways“ und der „X and Os“ ist das gleiche.

Viele dieser Vortragenden fliegen so von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, von einer internationalen Barschicht zur nächsten. Es weist niemand Nico de Soto, der auf seinem Instagram-Profil angibt, mehr als 1000 Städte in 104 Ländern besucht zu haben, auf die idiotische Widersprüchlichkeit hin, die seiner Suche nach globalen Aromen zugrunde liegt. Stattdessen wird er von Drinks International regelmäßig in den Kanon der 100 einflussreichsten Figuren der Barwelt gewählt, unlängst auf Platz 23. Bei seinem Dankes-Post verkündet er auch die Eröffnung einer neuen Bar und fügt hinzu: „Das bedeutet, dass London zu New York, Paris und Dubai für meine vierteljährlichen, 2-wöchigen Besuche hinzukommt.“

Mit dem Boot wird er seine dann auf drei Kontinente verteilten Bars kaum abrudern.

Diesen einflussreichen Barzirkel aber gilt es zu knacken, um in den Rankings der World’s 50 Best Bars, der Top 500, der Top-Irgendwas gelistet zu werden. Hier wirken auch internationale Agenturen im Hintergrund, die Presse und Influencer:innen um den Globus fliegen und auch MIXOLOGY regelmäßig einladen, eine Hotelbar in London oder den Launch einer Karte einer skandinavischen Bar zu besichtigen. Vor Ort werden dann Drinks und Konzepte in einer Kombination aus globalem Brandprodukt und regionalem Zugang präsentiert. „Did you have a safe trip? Yeah, pretty hot summer here, too, crazy. Here is your drink. Enjoy!“

Was tun?

Es ist, wie es ist. Man kann da mitmachen oder nicht. Es tun ja auch bei weitem nicht alle. Aber wenn man es tut, sollte man auch so ehrlich sein, das Kind beim Namen zu nennen: Der Preis für all das ist, den Klimawandel auszublenden und stattdessen weiter das Pulverfass zu füllen, auf dem wir sitzen. Da kann man beim Drei-Stunden-Takeover noch so sehr mit der Recycling-Spirituose wedeln. Farm-to-Glas bringt auch wenig, wenn es zuvor für zwanzig Personen Fly-to-Farm heißt.

Sind wir bei MIXOLOGY besser? Nein. Auch wenn dieser Text wirkt, als würde er mit dem Finger anderen zeigen, deuten wir damit zugleich auf uns. Wir widmen Bars, die wir auf Social Media sehen, eine – wenn nicht höhere – so eine doch schnellere Aufmerksamkeit. Unsere freien Autor:innen sind international unterwegs, das ist ihr Brot, und das sind sie eben auch in unserem Namen. Auf unserer Weihnachtsfeier standen üppige Fleischteller auf dem Tisch und wir vergeben Awards, für die manche nach Berlin fliegen. Wir leben von Anzeigen von Marken, deren Nachhaltigkeitskonzept wir nicht prüfen, und stellen einem Mindestmaß an tatsächlicher Selbstregulierung ein Maxmium an eingebildeter Selbstregulierung gegenüber.

Was soll man aber machen? Was sind die ehrlichen, harten Antworten? Alle Produkte nur noch per Post schicken lassen, was ebenfalls Transportausstoß verursacht, um dann vor dem Laptop zu verkosten? Hatten wir nicht alle genügend Zoomcalls für ein Leben lang? Soll man märtyrerhaft jeden Trip mit der Deutschen Bahn antreten und vorher sein Testament schreiben, weil man nicht weiß, ob und in welchem Zustand man ankommt?

Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt – und schon gar keine bequemen Lösungen. Aber man muss sie stellen. Wir lehnen mittlerweile Kurz-Pressetrips mit dem Flugzeug ab, die Preise unserer nächsten Made in GSA-Competition werden wir als regionale Bildungsreise umsetzen und auf der nächsten Weihnachtsfeier werden wir auf Fleisch verzichten. Den grünen Media-Preis des Jahres werden wir damit nicht gewinnen. Aber wir werden weiter hinterfragen. Und vielleicht muss der fünfte Brandtrip nach Schottland oder Italien ja auch nicht sein, oder man schickt lieber die Leute, die gerade erst hinter dem Tresen angefangen haben; die, die Lust auf den Bar-Job bekommen sollen und tatsächlich zum ersten und nicht zum zehnten Mal im Leben vor einer Mash Tun stehen. Vielleicht wäre das ein Mittel gegen den vielzitierten Personalmangel, denn der Einzelhandel schickt seine Leute nicht nach Frankreich zum Champagner-Tasting. Die Bar hat immer noch den entscheidenden Vorteil der Sexyness: Kein Rossmann-Lehrling erzählt am Wochenende stolz von der neu im Sortiment angekommenen Colgate+ gegen Zahnschmelz.

An den Glashalm klammern

Ja, werden die ersten Kommentare in Stellung gebracht, das wahre Übel sind doch die Konzerne und die Superreichen mit ihren Privatjets. Und die Langstreckenflüge. Die Verantwortung wird doch nur auf das Volk abgewälzt. Das mag stimmen, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass zwar in der Theorie viel davon geredet wird, in der Praxis vielen im Barzirkel ein ökologisches Handeln zweitrangig scheint. Oder zumindest ein großes Ausblenden herrscht.

Man verwendet ein paar regionale Schnäpse mehr und probiert, mit ecoSpirits ein paar Glasflaschen weniger in den Container zu werfen. Aber insgesamt wirken Glashalme sowie vollständig verarbeitete Früchte im Angesicht des Tempos von Hitzewellen, Überschwemmungen und Tornados, als würde man mit Spatzen auf Kanonen schießen.

Das, was vor ein paar Jahren neu war, wirkt heute wie ein Feigenblatt. Auch – oder gerade – wenn man es selbst destilliert.

Credits

Foto: Constantin Karl

Comments (2)

  • Robert Schröter

    Finger auf dem Problem. Mutig und auch recht vielseitig betrachtet. Genau mein Blick auf diesen Zustand!

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  • Kaspar Keller

    Ändlech seids mal öppert!
    (CH-D für: Endlich sagts mal jemand)
    Ich würde mir aber tatsächlich mehr Reflexion seitens der Spirituosenfirmen wünschen. Europaweit wären Zugreisen längst Standard, wenn diese das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen würden.

    Auch nach Athen kommt man mit Zug und Fähre. Wenn man die Reise gleich mit Ferien verbinden kann, warum nicht gleich eine/zwei Wochen statt nur zwei Tage mit dem Flugzeug hin und zurück?

    Der Punkt mit der Kommunikation und Social Media muss ich mir durch den Kopf gehen lassen. Müsste ich – not to brag, aber als Zeichen, dass es auch anders ginge – mehr kommunizieren, dass ich in den letzten sechs Jahren keinen Fuss mehr in ein Flugzeug gesetzt habe? Trotzdem mehrmals am BCB war, als Journalist Trips für Barkeeper nach Frankreich begleitet habe, Pressereisen nach Sizilien, zwei Mal nach Schottland mit dem Zug…

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