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Thomas Domenig bringt mit dem Jack Rabbit Cocktailkultur an den Kärntner Weissensee

Für einen Kavalierstart verwenden US-Amerikaner gerne den Begriff „Jack Rabbit“ – und einen solchen legte auch Thomas Domenig hin. Mitten im Lockdown konzipierte er seine neue Bar. Der wanderlustige, ehemalige Mitarbeiter des Le Lion und des One Trick Pony ist dafür in seine Heimat zurückgekehrt – an den Weissensee in Kärnten.

Eine Handvoll Tourismusgebiete gibt es in Österreich, die trotz dräuender Devisenbringer nicht die Bausünden der 1980er und 1990er Jahre mitmachten. Das Defreggental, das Südburgenland und auch der Weissensee gehören zu diesem Club, der die hässliche Moderne einfach aussaß. Und heute fein dasteht: Wo andere Bettenburgen und Autobahnzubringer forderten (und meist bekamen), verweigerte man sich im Kärntner Süden sogar der Durchzugsstraße. Weitgehend unverbaut lockt der Weissensee daher 2021 mit alter Substanz neue Gästeschichten. Praktisch jeder steigt abends aufs Fahrrad, wenn er ins inoffizielle Zentrum Techendorf, keine 200 Einwohner „stark“, will.

Sanfter Tourismus wie aus dem Lehrbuch heißt aber auch, dass der stolze Bezwinger der Naggler-Alm oder der Mountainbike-Strecke vom Gitschtal her abends kein Sackerl Rohkost knabbern will. Diese Überlegung setzte Thomas Domenig nun in einer „gehobenen Getränkegastronomie“ um.

Franz Königsberger (links) und Hausherr Thomas Domenig: auch ein Milkshake will perfekt abgeschmeckt sein

Donnerstag Bauernmarkt, täglich Aperitivo

Mit den Cocktailtagen am heimatlichen Weissensee hat er die Neigungsgruppe „Gediegener Drink“ bereits über mehrere Jahre ausgelotet, nun ergab sich eine dauerhafte „Café-Bar“-Konstellation. In Berlin wäre diese Lage wohl so was wie die Ecke Torstraße-Rosenthaler Platz. Denn unmittelbar vorm Lokal steht nicht nur das Weissensee-Haus als Drehpunkt touristischer Aktivitäten und Bauernmarkt-Location, sondern auch die einzige Brücke zwischen den beiden Seeufern.

„Im März 2020 hat der Vorbesitzer die Pacht gekündigt, zu Weihnachten waren wir handelseins“, so Thomas Domenig, der als Perfektionist auch den Eröffnungstermin penibel einhielt. Dass hier gleich zwei Flaschen Schampus geordert wurden, darf als gutes Omen für das Jack Rabbit gelten. Neben den Saisoniers, die nach Schichtende auch gerne feierten, aber oft mit Bier am Seeufer endeten, und den Touristen sind sicherlich die Einheimischen die wichtigste Zielgruppe. Mit Angeboten wie den sieben Gin & Tonics („der beerige“, „der extravagante“, usw.) und der Aperitivo-Karte kommt man ihnen entgegen. Wer Kaffee und Bagels mag, findet sie ebenso wie Italophile, denen der Weg über Lienz ins Nachbarland zu weit war.

Der Mix stimmt – nicht nur am Abend

Für Barkenner wiederum ist vor allem das Team interessant, dass der Kärntner um sich versammelt hat. Agata Wisniewska aus dem Berliner Goldfisch lebt hier ihre Vergangenheit in einem Third Wave-Kaffeeladen aus. „Das neue Publikum des Weissensees will auch guten Espresso, feinen Service und Drinks“, freut sich „Oberrabbiter“ Domenig über die Talente der Crew. Ory-Zugang Franz Königsberger wiederum glänzt mit Wein-Expertise, die er unter anderem in der Praxis als Lesehelfer erworben hatte. Gemeinsam mit Walter Bruch (u. a. drip/Hamburg, drei/Kassel) legen sie um 17 Uhr los, wenn die Abendschicht und damit das Leben als Cocktailbar beginnt.

Die Jack Rabbit Bar bei Nacht

Jack Rabbit

Techendorf 78
9762 Weissensee Österreich

Täglich 9:00 - 1:00 Uhr (vom 3. Oktober bis Weihnachten Saisonpause)

Zurück in der alten Heimat

Man merkt Walter Bruch sofort an, dass er gerne am Gast arbeitet. Wenn es Wahlmöglichkeiten bei einem Drink gibt, offeriert er sie. Und schafft mit unaufdringlichem „nudgeing“, dass lokale Honoratioren plötzlich ihren Balvenie doch als Cocktail konsumieren. Oder er bringt anderen Unentschlossenen einen Greenpoint nahe. Lediglich bei den Feuerwehrleuten und Jägern, die sich den neuen „Hasen“ im Revier natürlich auch besehen, muss die deutsche Kerntruppe sprachlich mitunter passen. „Was war noch mal ‘Marille’?“ Aber dafür ist ja Thomas Domenig vor Ort, den in der kleinen See-Community jede:r zu kennen scheint. „Er ist ja von hier und hat ordentlich investiert“, lobt etwa eine Hotelerbin den neuen Gastrokollegen.

Zum Kuchen eine Buttermilch Margarita

Architektonisch hat es das Jack Rabbit in der Tat geschafft, einerseits vertraut zu wirken, aber doch auch einen Neubeginn zu markieren. Kärntner Holz als Baumaterial wird in einer fast nordisch-lässigen Art mit onyx-blauem Interieur kombiniert, das Bullauge mit den raren Spirituosen ist einerseits ein Zitat aus dem Hamburger „Löwen“, wie Domenig seine prägende Wirkungsstätte immer noch nennt, sorgt aber auch für Barfeeling ohne Einschüchterung. Am anderen Ende des Bootshaus-artigen Gastraums warten schließlich auch die Berkel-Maschine und die hausgemachten Kuchen, die mitunter Mama Domenig vorbei bringt.

Doch zurück an die Bar, die bewusst mit einer kleinen Eröffnungskarte startete. „Die Hauptkarte ist schon im Druck“, so Thomas Domenig, der darauf Favoriten der Weissenseer Cocktailtage mit All Time-Favourites wie der Buttermilch Margarita von Betty Kupsa oder dem Gin Basil Smash seines Lehrmeisters Joerg Meyer mischen wird. Die Basis der ersten sommerlichen Öffnungstage lässt sich vielversprechend an. „Platz drei der meistverkauften Drinks nimmt der Mezcal Mule (13 Euro) ein.“ Davor platzierte sich ein sommerlich leichter „Pineapple Daiquiri“ (11 Euro) und natürlich der namensgebende „Jack Rabbit“ (ebenfalls 11 Euro).

Scheint also nicht, als wären die Weissenseer Habitués hasenherzig unterwegs beim neuen Cocktail-Treff!

Credits

Foto: Roland Graf

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