Das Martini-Imperium. Der König der Cocktails erhält einen Stammbaum.

Klassik 30.9.2011 8 comments

Der Martini, ein Klassiker von royaler Pracht. Angus Winchester erklärt seine Herkunft und identifiziert die weitgefächerten Linien der verschiedenen Generationen. Es ging, wie immer bei den Royals, wild zur Sache.

Dieser Artikel resultierte – wie so viele Ideen – aus ein, zwei Martinis, einer anschließenden Debatte mit ein paar Trinkgenossen und dem Versuch, ein überzeugendes und für Zuhörer auch amüsantes Plädoyer zu halten. Die hier zusammengetragenen Informationen sind eher voreingenommen und sollten nicht als ein Evangelium betrachtet werden, sondern einfach nur einem zu Unrecht verleumdeten Drink wieder zu Ehren verhelfen und den Leuten die schlichte Größe eines Klassikers vor Augen führen. Welcher Drink erfüllt diese Kriterien und ist Gegenstand des großen Plädoyers? Der Martini

Martinis haben mich schon immer fasziniert. Ich hatte das Glück, Mitte der Neunzigerjahre in New York zu arbeiten, zu einer Zeit, als die Martini-Renaissance gerade einsetzte. Eine ganze Generation von New Yorkern entdeckte den Drink wieder für sich. Ich mischte Martinis, so schnell ich konnte, während ich mir die Musik von Space Age Bachelor Pad anhörte, die ein Teil der Cocktail Nation war, und über Stars wie Paul Harrington und Dale DeGroff die Magie von Drinks entdeckte. Damals, vor beinahe 13 Jahren, war ich in der glücklichen Lage, ein Trainingsprogramm, die Tanqueray Martini Academy, entwickeln und durchführen zu können. Ich hatte also ausreichend Gelegenheit, den Mythos des Martini zu ergründen und weiß, wovon ich rede.

Etwas hat mich jedoch immer gestört: Warum wurde Martinez als Vater des Martini hingenommen, wo er doch mit dem, was wir uns unter einem Martini vorstellen, kaum etwas zu tun hat? Wir schienen das einfach so zu akzeptieren, da Jerry Thomas ihn für sich reklamierte, obwohl Drinks wie der Marguerite und der Turf Club Cocktail weitaus mehr mit einem Martini gemeinsam hatten, als der Martinez mit seinem süßen Wermut und Maraschino. Schließlich verkündete David Wondrich, das »historische Orakel«, der Martinez hätte sich möglicherweise in New York aus dem Manhattan Club entwickelt. Für mich war das wie eine Erleuchtung.

Der Martini konnte durchaus mit dem Manhattan verwandt sein.

Wie der Manhattan ist der Martini ein Drink, der auf süßem Wermut basiert, wobei der Dry Martini aus trockenem Wermut und der Perfect halb aus trockenem und halb aus süßem Wermut besteht. Das wiederum bedeutet, dass der Martini eigentlich eine ganze Dynastie von Drinks und nicht nur ein einzelner Cocktail ist.

Ist der Martini blaublütig? Der royale Stammbaum.

Ich habe also den Martini-Stammbaum mit dem eines königlichen Geschlechts verglichen, das viele Mitglieder hat, aber immer nur eine dominierende Persönlichkeit. In der ersten Generation haben wir Martinez, Marguerite und Turf Club, die alle für sich beanspruchen, der erste Martini zu sein, doch scheint der Martinez sämtliche Rivalen aus dem Feld geschlagen zu haben. Seine Abkömmlinge sind Dry, Sweet und Perfect Martini.

Von dieser Generation wiederum ist der Dry Martini eindeutig als Sieger hervorgegangen, zum Teil, weil die Leute nach der Prohibitionsära einfachere Drinks bevorzugten, Drinks, die schlechte Zutaten nicht kaschierten (wie das in dem vorangegangenen Jazz-Zeitalter der Fall war), wobei der süße Wermut eines der wichtigsten Elemente bei diesem Täuschungsmanöver war. Doch haben Sweet Martini und Perfect Martini viele großartige Drinks hervorgebracht mit einem Spritzer hiervon und einem Tropfen davon. Von Zabriskie bis Lone Tree, von Army und darüber hinaus gibt es fantastische Cocktails, die sich alle als direkte Abkömmlinge des Königs der Cocktails betrachten können. Selbst der Bronx – ein Perfect Martini mit einem Spritzer Orangensaft – ist ein naher Verwandter.

Der Dry Martini regierte jedoch nicht lange, da sein Sohn, der Extra Dry Martini, einen Staatsstreich anzettelte und bald als der eigentliche Martini galt. Aber dieser Martini war ziemlich promiskuitiv und zeugte zahllose Nachkommen, die man mit sich bekriegenden, um die Vorherrschaft kämpfenden Stämmen vergleichen kann. Veggies (Gemüse) sind ein Zweig der Familie, für den Zitrusfrüchte ein Gräuel sind, und der sich stattdessen mit Oliven (grün und schwarz), Zwiebeln und Ähnlichem schmückt – beherrschend in dieser Generation ist vielleicht der Dirty Martini.

Dem trockenen Wermut wurde auch wieder ein Schuss Likör und Sirup hinzugefügt, Dashes, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Allies, Parisian und Torpedo sind die besten Beispiele hierfür.

Der abgewandelte Zweig der Familie wird mit einem gewissen Misstrauen betrachtet, da man zum Beispiel Wermut durch eine andere Spirituose ersetzen und einen so großartigen Drink wie den Valencia Cocktail bekommen kann, theoretisch aber allen möglichen –tinis Tür und Tor öffnet, wobei Gin oder Vodka von Apfellikör und Ähnlichem gehijackt werden. Schließlich gibt es noch die Komiker der Familie, d.h. der Martini hat sich in einen Witz verwandelt . . . ein Squirrel wird z. B. mit einer Eichel serviert, ein Martini Sandwich ist links und rechts von einem Bier flankiert, ein Klondike wird mit Orangenschalenspirale garniert (mit der sich ein Goldnugget assoziieren lässt) und für einen Journalist wird natürlich Vodka und nicht Gin genommen . . . ein Drink, der wohl kaum Furore machen wird.

 

(Dieser Artikel erschien erstmals in MIXOLOGY Issue 6/2010. Das Printmagazin MIXOLOGY erscheint alle zwei Monate. Informationen zum Abonnement finden Sie hier auf MIXOLOGY ONLINE.)

8 comments

  1. Jean-Pierre Ebert

    War dieser Artikel, zumindest das Bild kommt mir ziemlich bekannt vor, nicht vor einigen Monaten nicht schon einmal im Mixology – Magazin, als der Martini und seine Wurzeln beleuchtet wurden? Nur ein anderer Autor?

    Ich kann leider im Moment nicht alle Ausgaben des letzten und diesen Jahres finden, um die Behauptung zu stützen.

  2. mangomix

    Ja, der Artikel steht in der Dezember-Ausgabe (6/2010). War aber auch damals schon von A. Winchester 😉 Sehr schöne und hilfreiche Grafik übrigens!

  3. Urs Fischer

    Was ist ein ASDM? Habe im Web kein Cocktailrezept dafür gefunden.

  4. Sebastian

    Hi! Leider sehe ich den schönen Stammbaum (sprich: die Graphik) nicht, von der hier die Rede ist. Seid Ihr so gut und schickt mir die einfach per E-Mail? Ansonsten gibt es vielleicht auch eine Möglichkeit das Format oder die Einbettung in die Website zu ändern. Woran das bei mir (Win 8.1., Chrome) liegt kann ich leider nicht sagen.

  5. Willi

    Hallo!
    Bezugnehmend auf den Kommentar über mir:
    Liebe Mixolgy Redaktion, könnt Ihr bitte die besagte Grafik neu hochladen?
    Wäre super. Danke.

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