Der Gimlet. Viele Wege zum Ziel.

Klassik 12.2.2013 4 comments

Der Gimlet soll uns diese Woche beschäftigen. In der Theorie so einfach, ist eine genaue Rezeptur oft strittig, die Art der Zubereitung ist bei Bartendern ein nicht minder diskutiertes Thema. Selbstlos wird probiert und verglichen und spekuliert, wieso der Gimlet denn nun Gimlet heißt.

Beginnen wir mit der Spekulation. Die wörtliche Übersetzung eines Gimlet wäre „Holzbohrer“. Nun kann man sagen, dass der Gimlet einem bei übermäßigem Konsum ins Hirn bohrt, aber wer schimpft sich schon selbst einen Holzkopf. Zwei andere Theorien ergänzen sich hervorragend. Welche Nation ist bekannt für den medizinischen Einsatz von Gin? Genau, die Briten. Gin and Tonic begann seine ruhmreiche Geschichte als Malariaprophylaxe in den tropischen Kolonien.

In der British Royal Navy nutzte man unter anderem Limettensaft als Mittel gegen die Mangelerkrankung Skorbut, und angeblich war es der General der Sanitätsabteilung Sir Thomas Gimlette der seinen Kollegen die Mischung aus Lime Juice und Gin als Medizin verabreichte.

Etwas abenteuerlich ist meine Version der verschlüsselten Gimlet-Bestellung. Vor vielen, vielen Jahren nutzten Menschen Telegramme, um über weite Strecken schnell miteinander zu kommunizieren. Das Twitter des vorletzten Jahrhunderts in etwa. Diese wurden nach Zeichenzahl berechnet und so sparte man wo es ging. Eine gängige Abkürzung wenn man Grüße ausrichtete war gmlt (give my love to). Versucht man das als Wort zu sprechen, kommt in etwa Gimlet dabei heraus. Und so besingt Johnny Cash mehr oder minder das Rezept für einen Cocktail in seinem Song „Give My Love To Rose“. Dem Gin verfallen möge man seine Liebe Rose(s Lime Juice) zuführen.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

 

Wieviel – Wovon – Worein?

Nicht minder strittig sind die Zusammensetzung und die Zubereitung. Gin und Lime Juice Cordial sind die Zutaten, auf die sich die meisten einigen können. Dann fängt es aber schon an. Einen Spritzer frischen Limettensaft zusätzlich? Wie viel Gin und wie viel Lime Juice? Auf Eis im Tumbler serviert oder ohne im Cocktailglas? Und die Frage unter den Fragen: Gerührt oder geschüttelt?

Ein gutes Beispiel wie man einen Gimlet auf keinen Fall serviert liefert uns der sonst stilistisch sichere Playboy-Berater. Im Cocktailglas mit Eiswürfeln gerührt, mit Strohhalm serviert. Grausamkeit im Glas.

Auch wenn man den Gimlet durch die Süßsauer-Balance zur Familie der Sours zählen kann, ist der Geschmack ein deutlich anderer. Das Wasser im Lime Juice gibt der Spirituose mehr Platz und lässt den Drink frischer und feiner erscheinen. Dies lässt bei der Spirituosenwahl freie Hand. Eine dominante Wacholderbombe funktioniert ebenso wie ein moderner Gin mit feinen Frucht- und Kräuteraromen und zurückhaltendem Wacholder.

Aber wie viel Gin und wie viel Lime Juice? Die eine Quelle nennt 1:1 als perfekte Mischung, die meisten erhöhen den Ginanteil und sagen zwei Teile Gin und ein Teil Lime Juice ergeben das angenehmste Ergebnis für die Geschmacksnerven.

Also Trockenschwimmen. Lime Juice und Gin wird zu gleichen Teilen ohne Eis verrührt und kurz probiert. Eine leicht zu dominante Süße. Die doppelte Menge Gin erscheint mir schon als zu kräftig und nicht ausgewogen. Also versuche ich den Kompromiss. Ein wenig mehr Gin als Lime Juice, auf Eis verrührt aus dem Cocktailglas verkostet.

Ein toller Drink. Erfrischend und mit Spielraum für den Gin, der auf der Welle leichter Süße schwimmt. Aber irgendwie ist mir der Drink zu verschlossen, nicht spritzig genug.

Also Luft hinein. Schütteln. Kurz und schmerzlos. Es soll ja nichts verwässern. Schwer zu erklären, aber das Ergebnis gefällt mir besser. Ganz und gar zufrieden bin ich aber noch nicht. Die saure Seite meines Geschmackszentrums bittet höflich um Nachschlag.

Auf Nachfrage bei einigen Kollegen ergab sich, dass der Gimlet oft mit der Zugabe von ein wenig frischem Limetten- oder Zitronensaft aufpoliert wird. Im Schumann‘s werden zum Beispiel Gin und Lime Juice zu gleichen Teil mit einem Schuss Zitronensaft geschüttelt.

Getestet und für sehr gut befunden, auch wenn man zugestehen muss, dass die Unterschiede nur in Nuancen festzumachen sind, die am Ende wohl eher im persönlichen Geschmack des Trinkenden liegen, als dass sie ein fundamentales Element der Rezeptur wären.

Beschäftigen wir uns also mit der Darreichungsform. Die für gut befundene Rezeptur gemixt und sowohl auf Eis in einen gekühlten Tumbler gegen als in ein vorgekühltes Martiniglas. Der erste schnelle Schluck zeigt keinen Favoriten. Wendet man sich aber 5 Minuten der feinen Unterhaltung zu und lässt den zweiten Schluck ein wenig warten, wird klar, dass dieser Drink kein weiteres Wasser benötigt und deswegen straight getrunken werden möchte.

Da die Geschmäcker ja durchaus variieren, empfiehlt sich also die Frage nach dem persönlichen Geschmack und die entsprechende Zubereitung.

Ungefragt hätte ich meinen Gimlet am liebsten folgendermaßen.

 

Gimlet

6cl Gin

4cl Rose‘s Lime Juice

0,5cl frischer Limettensaft

Glas: Martiniglas

Garnitur: keine

Zubereitung: Alle Zutaten auf Eiswürfeln kurz und sehr hart shaken. Doublestrain in vorgekühltes Glas.

 

Die Einfachheit dieses Drinks läd selbstverständlich zum kreativen Umgang ein. Viele Aromen lassen sich in diesem Drink hervorragend einbinden, aber das ist ein Kapitel für sich.

Bleibt noch die Variante aus dem ersten Cocktailian, bei der man anstatt des Lime Juice drei Teile Limettensaft und zwei Teile Zucker verwendet. Also die klassische Zusammensetzung eines Sour. Und genau das ist es, was man im Glas vorfindet. Einen ausgesprochen leckeren Gin Sour. Aber eben keinen Gimlet. Auch wenn die Drinks eine gewisse verwandtschaftliche Beziehung haben mögen, sind sie doch grundverschieden.

Ach ja, eine gute Nachricht gibt es noch. Wer gerade an einem dezenten Overkill durch Gin leidet, das Rezept funktioniert auch hervorragend mit Tequila, Mezcal, weißem Rum oder Vodka.

 

Präsentiert von Cocktailian:

Cocktailian, das umfassende Handbuch der Bar für Profis, Einsteiger und Connaisseure entschlüsselt anhand von 13 Key Cocktails die Cocktail-DNA. Dieser erste Band der Cocktail-Enzyklopädie vermittelt auf 528 Seiten alles Wissenswerte rund um die Welt der Cocktails, von den wichtigsten klassischen Rezepturen bis zu den modernsten Arbeitstechniken.

Der zweite Teil der Cocktailian-Serie, “Cocktailian Rum & Cachaça” befasst sich mit der Geschichte und Herstellung von Zuckerrohrdestillaten und den daraus entstandenen Mischgetränken. An Cocktailian 1 und 2 haben neben dem Autoren-Trio Jens Hasenbein, Bastian Heuser und Helmut Adam führende internationale Bar- und Cocktailexperten wie Angus Winchester, Gary Regan, Ian Burrell, Jeff “Beachbum” Berry, Jared Brown und Anistatia Miller als Gastautoren mitgewirkt.

// Cocktailian 1 und 2 sind im Buchhandel erhältlich oder online unter cocktailian.de bzw. amazon.de //

 

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