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Kölsch

Kölsch und Karneval

Sie ist vorbei, die Jeckenzeit, samt Rosenmontagsumzug und Sternenmarsch, Funkenbiwak und Dreigestirn. Und während Köln und der Pott nach mehreren Tagen Ausnahmezustand den Rausch ausschlafen, blickt der Rest der Republik einmal mehr amüsiert skeptisch in Richtung Rhein und fragt sich, wie sich Deutschlands vierte Millionenstadt mit so seichtem Bier derart betrinken kann.
Denn natürlich fließt in der fünften Jahreszeit mehr Kölsch durch durstige Kehlen als zu irgendeiner anderen – schon allein weil während der wilden Tage per unausgesprochenem Gesetz nichts anderes ausgeschenkt werden darf. Es kursieren Legenden von mutigen Narren, die zur Jeckenzeit Altbier in Köln zu bestellen wagten – und Schauergeschichten über ihren Verbleib. In einem Fass Kölsch ersäuft zu werden ist da (außer für einen waschechten Düsseldorfer) wahrscheinlich noch die angenehmste Art, abzutreten, zumindest wenn die Alternative Rhein heißt.
Wider das Vorurteil
30 Millionen Liter Kölsch werden zur Karnevalszeit konsumiert – mehr als sonst in einem ganzen Monat (ca. 20). Auch von den teils erhöhten Preisen lassen sich die Jecken nicht verschrecken. Viele Gastronomien räumen ihre Sitzgelegenheiten aus dem Weg, damit die Köbesse (spezielle Kölschkellner, berühmt für leicht rüpelhafte Schlagfertigkeit) mit den Kränzen voller 0,2l-Kölschstangen überhaupt noch durchkommen. Doch außerhalb des Karnevals und der Stadt Köln, wo Kölsch mit 90% Marktanteil dominiert, scheint niemand so recht warm zu werden mit dem blanken Bier aus der Domstadt. Tatsächlich hat kaum ein Biertyp mit derart vielen Vorurteilen zu kämpfen: zu lasch, zu schwachbrüstig, zu schnell schal! Doch wie es bei Vorurteilen oft der Fall ist, sind jene, die sie äußern, meist weder interessiert an noch kompetent in dem betreffenden Thema.
Der erste Fehlschluss ist, Kölsch mit Lagern der Pilsener Art zu vergleichen. Kölsch ist obergärig, genau wie Ales, Hefeweizen und Altbier. In Deutschland wäre es dem Kristallweizen noch am nächsten, sonst sollte man Gemeinsamkeiten eher mit Pale Ales aus England und den USA suchen. Dass diese bei hoher Trinkbarkeit äußerst aromatisch und hopfenintensiv sein können, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Wieso also geht das beim Kölsch nicht?
Die Kölschkonvention
Viele halten hier die sogenannte Kölschkonvention für den Schuldigen, welche angeblich diktiere, Kölsch müsse ein supersüffiges Gebräu sein. Das ist nicht ganz korrekt.
Die Kölschkonvention spricht von einem hellen, klaren, hopfenbetonten Vollbier. Es beschränkt also eher die Tradition die mögliche Vielfalt, denn obergärig und hopfenbetont sind die neuen Craft-Beer-Bitterkanonen allemal. Wenig hilfreich ist dabei die Formulierung, Kölsch möge „dem dort (Köln) herkömmlich und unter der Bezeichnung „Kölsch“ hergestellten und vertriebenen obergärigen Bier entsprechen.“ Man könnte also sagen, dass hier das Diktat der Mehrheit den Durchschnitt festlegt, an dem alle sich zu orientieren haben. Zugegeben, dem Herkömmlichen zu entsprechen klingt weder nach Vielfalt noch nach aufregenden Aromen.
Seit 1429
Dabei hat Köln eine reiche Bierhistorie. Schon 1429 gab sich die Stadt selbst ein Reinheitsgebot, welches jedoch nicht so eng gefasst war wie das bayrische von 1516. Damals wurden unter anderem Grutbier (statt Hopfen wird eine Kräutermischung verwendet) und Keutebier gebraut. Dieses Weizenbier brachte es bereits um 1500 auf beachtliche 64 Brauereien mit einem Jahresausstoß von 65.000 Hektolitern. Das eigentliche Kölsch war damals einfach als „Hopfen“ bekannt, wobei es natürlich nicht filtriert wurde. Sein Nachfolger heißt „Wieß“ und ist auch heute noch erhältlich. Der Begriff „Kölsch“ hingegen wurde erst 1918 geprägt, die Kölschkonvention wurde gar erst 1986 verabschiedet. Köln und Umgebung als einziger Herkunftsort, die Filtrierung und das eigenwillige Vorschreiben der Stange als einzigem Servierglas sind also kein ehrwürdiges Dekret aus grauer Vorzeit, sondern eine Verbindung aus in Gesetzesform gegossener Tradition und dem Schutz von Marktinteressen.
Denn auch außerhalb Kölns gibt es Biere dieses Typs, sie dürfen sich nur nicht Kölsch nennen. In Bonn gibt es Bönnsch, in Mühlheim gab es Mölmsch. In Bayreuth erfreut man sich am Dampfbier von Maisel, welches sich nur durch eine etwas kräftigere Farbe abhebt. Der größte Absatzmarkt für Kölsch in Deutschland (abgesehen von Köln) ist übrigens Berlin, und das, wo die Hauptstädter doch wohl nur den Düsseldorfern in Tiraden gegen das seichte Gebräu nachstehen.
Letztlich braucht Bier nicht nur Heimat, sondern auch Situation. Kein Bier passt zu jeder Gelegenheit, und Kölsch als schlankes, obergäriges Bier gehört gut gekühlt in warmes Wetter, als Strand- und Parkbier und als unkomplizierter Begleiter zu leichten Speisen. Und natürlich in den Karneval. Na denn, Alaaf und Prost!

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