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Kwānt Bar London Erik Lorincz | Mixology — Magazin für Barkultur

Kwānt Bar: der bodenständige Adel des Erik Lorincz

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und ein Jahr nach seinem Abschied aus dem Savoy hat Erik Lorincz in London die Kwānt Bar eröffnet – sein lang erwartetes, erstes eigenes Projekt. Dort hat er keinen zweiten Aufguss des Savoy entwickelt, sondern zelebriert legeren Cocktail-Adel im Herzen der Metropole.

2018. Ganz Europa ächzt unter der Dürre. Ein Jahr der Trockenheit und der Umbrüche. Cristiano Ronaldo verlässt Real Madrid. Martin Schulz legt den SPD-Vorsitz nieder. Das Ende der Lindenstraße wird verkündet. Und: Erik Lorincz verlässt nach beinahe acht Jahren als Headbartender die American Bar des Savoy. Die Welt hält den Atem an. Vorsorglich wird beim Papst Blutdruck gemessen.

2019. Die dürstenden Böden sind wieder vom Regen getränkt, dem Papst geht’s gut, der SPD nicht so – und Erik Lorincz hat sein lange erwartetes, eigenes Projekt gestartet: Seit Mitte Mai hat in London die Kwānt Bar offen.

Kwānt Bar London Erik Lorincz | Mixology — Magazin für Barkultur
Marokkanischer Tiki-Vibe im Herzen Londons

»Im Herzen der Stadt, in den steinernen Palästen von Marylebone, Mayfair und Knightsbridge, können sich meist nur die prachtvollen Hotels mit ihren prachtvollen Bars die prachtvollen Pachten leisten.«

Kwānt Bar: Die weiße Jacke darf bleiben

„Kwānt“ wie „quaint“, nur ein bisschen cooler geschrieben, und der Name steht entsprechend auch für einen etwas verschrobenen, urigen, gemütlichen Ansatz. Man sollte sich da jedoch keinen falschen Vorstellungen hingeben: Auch in dieser Lorincz-Variante von Gemütlichkeit steckt noch eine ganze Menge Savoy drin; das fängt schon mit den weißen Jackets der Mitarbeiter an. Aber es geht da nicht um Imitation, und natürlich wurde auch nicht die Kleiderkammer des alten Arbeitgebers geplündert: „Weiß steht für Sauberkeit, dunkle oder gar schwarze Kleidung hinter der Bar dient oft dazu, Flecken zu kaschieren – und das soll hier bitteschön niemand glauben,“ sagt Lorincz.

Eine weiteres Déjà-vu hat man beim Blick auf die Karte: Wie im Savoy hat auch das Kwãnt eine Seite mit Vintage Cocktails, deren Basis die Privatsammlung des Chefs darstellt. Der Vintage Sazerac ist mit £ 262 aber auch tatsächlich gut £ 4.700 günstiger als in der American Bar, also praktisch nachgeschmissen, aber die Kriegskasse des Savoy mit seinen Gästen, deren Verständnis von Reichtum sich grundlegend von dem aller anderen Menschen unterscheidet, gehorcht auch anderen Maßstäben.

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Green Pony Cocktail mit Gin, Fallen Pony, Spirulina, Zitronensaft & Tonic Water
Kwānt Bar London Erik Lorincz | Mixology — Magazin für Barkultur
Vornehm und britisch zurückhaltend: die Karte im Kwānt
Kwānt Bar London Erik Lorincz | Mixology — Magazin für Barkultur
La Capilla mit Tequila, Cilantro, Yuzu Grapefruit Soda und schwarzem Salz

Die neue Bar von Erik Lorincz ist im Herzen der Barwelt von London

Noch eine Äußerlichkeit des Kwãnt ist bemerkenswert und weist eine Verbindung mit der alten Heimstätte des Betreibers auf: So gut wie alle relevanten Bars von London befinden sich mehr oder minder in der Peripherie; im Herzen der Stadt, in den steinernen Palästen von Marylebone, Mafair und Knightsbridge, können sich meist nur die prachtvollen Hotels mit ihren prachtvollen Bars die prachtvollen Pachten leisten. Beziehungsweise funktionieren Connaught, Artesian, American Bar und dergleichen halt nach anderen betriebswirtschaftlichen Grundsätzen.

Nun hat Erik Lorincz es geschafft, seine Kwãnt Bar in der Heddon Street zu platzieren, einem U-förmigen Anhängsel der Regent Street, nicht weit vom Picadilly Circus. Und dieses Sträßlein stellt seinen eigenen Speckgürtel dar: Die ganze Straße ist dem Genuss gewidmet, mit Gordon Ramsay, einer noblen Eisbar, japanischem Fine Dining, Michelin-besternten Tapas und noch so manchem darüberhinaus. Location, Location, Location – anschaulicher geht’s nicht. Zielgruppenorientiertes Gründerdenken in Höchstform, und das offensichtlich auch durch Vermittlung des Erfinders des Porn Star Martinis – was sich selbstredend nicht in der Karte niederschlägt.

Eine kleine Agavenliebe im Kwānt

Die Drinks „sind“ Erik Lorincz, aber nicht ausschließlich, weil nämlich das Konzept der Kwānt Bar vom Miteinander des Teams lebt, und das heißt eben nicht nur, dass jeder mal Zesten schnipselt, sondern dass auch Drinks aus dem Team heraus auf die Karte dürfen. Es gibt keine besonderen Ausrichtungen, Schwerpunkte, Beschränkungen, von einer kleinen Affinität zur Agave vielleicht abgesehen.

Die Cocktails im Kwānt sind klassisch, nicht überkandidelt und setzen die Aromen gekonnt miteinander in Szene. Was drin ist, ist auch sensorisch sinnvoll und erkennbar: Der „Sunflower Martini“ mit Hendrick’s Gin, Cocchi Americano, Noilly Prat und Topinambur. Der „Hacienda“ mit Patron Silver, Cocchi Rosa, milchsauer fermentierter Karotte, Mezcal, Agave und Limette. Oder halt auch einfach der „Japanese Highball“ mit Toki Whisky, Orgeat und Peychaud’s Bitters. Reicht auch.

Kwānt Bar London Erik Lorincz | Mixology — Magazin für Barkultur
Der geräumige Tresen im Kwānt

Kwānt Bar

Signature Cocktails im Signature-Glas

Serviert wird in eigens nach den Vorstellungen des Meisters gefertigten Gläsern. Wenn Erik Lorincz seine eigene Bar gestaltet, dann macht er keine halben Sachen. Wobei die Innendekoration schon in gewisser Hinsicht hälftig angelegt ist: Mit gut 50 Plätzen hat die Kwānt Bar eine angenehme Größe – auch Top-Bars in London sind oft von einer erstaunlichen Winzigkeit. Die Ledermöbel sind bequem, aber nicht wuchtig und überladen, die Tische nicht schon ab dem vierten Glas überfüllt. Es gibt Pflanzen! Und: Die Bar mit ihren drei Stationen wirkt einladend, das Ambiente angenehm und kommunikativ, wobei auch hier noch sehr viel stilvolle Zurückhaltung der American Bar zu erkennen ist.

Unter der Schuhsohle wird dann das Kwānt schon direkt zum „Quirky“: Nur weniges ist britischer als der für Außenstehende völlig unverständliche Hang, alles und jedes, von der Hofeinfahrt über das Treppenhaus bis zum Badezimmer, mit Teppichboden auszulegen. Auch das Kwãnt hat einen solchen – ausgerechnet in Parkettoptik. Ganz besonders in London. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Aber was wäre das Leben ohne Mysterien.

Das Interior des Kwānt verströmt einen lustvollen Eklektizismus

Ein Kontrapunkt dazu setzt etwa auf Bauchhöhe ein, denn die Wandbemalung mutet marokkanisch an, die Waben der abgehängten Bambus-Decke strömen einen Tiki-Vibe aus, und beides wirkt auf den ersten Blick stilbrüchig. Das durch die Waben gefilterte Licht allerdings sorgt für eine ganz großartige Stimmung im Raum, und alles zusammen formt sich zur Einheit dessen, was die Kwānt Bar vermitteln will: keine Kompromisse in der Qualität, aber das Ganze für den Normalmenschen doch um etliche Grade zugänglicher als das jeweilige Allerheiligste der bekannten Cocktailtempel. Es gibt keinen Dresscode und keinen Grund zur Schwellenangst, und für £ 14 bis 16 pro Drink kann man in London anderswo ganz problemlos erstaunlich schlecht trinken.

Und so ist die neue Bar von Erik Lorincz natürlich und unverkennbar von hoher adliger Herkunft, aber dabei so etwas wie der legere Spross aus royalem Haus, also quasi die Prinz-Harry-Variante: Zweifellos repräsentabel, aber von den Zwängen befreit, die das drohende Königtum dem Thronfolger auferlegt. Man kann mehr für sich als für die Dynastie arbeiten. Ungezwungen die Liebe des Volkes für sich gewinnen. Und größere Freiheiten bei der Partnerwahl hat man auch. Den echten Thronfolgern fallen in der Regel auch die Haare viel schneller aus, und das Schicksal hat Erik Lorincz nun wirklich nicht verdient.

14,95 

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Credits

Foto: Stefano Agostino

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