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Im Wiener Living Room trifft Rotationsverdampfer auf denkmalgeschütztes Ambiente

Als Eventlocation war die ehemalige Zigarrenlounge im Park Hyatt in Wien dann doch zu schade. Nun zog in die denkmalgeschützten Räume eine kleine Bar mit großem Anspruch am Gast ein. Gastgeber Martin Holzer macht aus dem neuen „Living Room“ in der Tat ein Whisky-Wohnzimmer, Rotationsverdampfer zum Anfassen inklusive.

Was wurden hier schon für Deals gemacht? Die Zigarrenlounge war vom Start des Wiener Park Hyatt an einer der beliebtesten Räume des Hotels. Während die Kassenhalle der ehrwürdigen Boden-Creditanstalt zum Restaurant wurde, erkennt man in der rotbraunen Holzvertäfelung dieser zwei Räume noch den späten imperialen Glanz. Dass über der Mix-Station der Kaiser hängt, würde anderswo sicher als ironische Volte verbucht, hier passt es zum Interieur.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der kroatische General, der hier gerne morgens Tee trank, ward lange nicht mehr gesehen, auch die Edelmetallhändler greifen nicht mehr zur Maduro – das strenge Rauchverbot hat dieses Wohnzimmer der Wiener Aficionados funktionslos werden lassen.

Der Living Room ist denkmalgeschützt und elegant, soll aber keine elitäre Anlaufstelle sein

Martin, fahr schon mal den Wagen vor!

Aber halt! Die immer wieder gelobte Bodenlüftung saugt vielleicht keinen Havanna-Duft mehr, doch die Sammlung an raren „dunklen“ Spirituosen ziert immer noch die in der Wand eingelassenen Kabinette. „Whisky passt halt bestens zur Lounge“, gibt der Gastgeber im „Living Room“ das neue Thema vor. Martin Holzer hat Top-Stationen im Westen Österreichs („Stanglwirt“), aber auch in Wien („Josef Bar“) vorzuweisen, nunmehr ist er Gastgeber für maximal 25 Gäste, die er vorrangig, aber nicht ausschließlich mit Whisky versorgt. Das zentrale und auch schwer zu übersehende Teil ist der massive Manhattan-Trolley mit den Messing-Initialen „LR“ – was übrigens nicht für links/rechts steht, wie Holzer gerne lachend erklärt.

Im Zweiteiler rührt der Barchef hier die Manhattans für das p.t. Publikum. Dass es standardmäßig „Eagle Rare“ ist, der hier ins Rührglas kommt, freut Bourbon-Kenner. Die Anleihe am berühmten Martini-Trolley der Connaught Bar (London) ist gelungen und auch die Grandezza beim Rühren und Einschenken hat Holzer drauf wie Agostino Perrone. Die Varianten sind aber ebenso spannend; der „Sunny side up“ (20 Euro) mit Bananenlikör und Chocolate Bitters etwa sorgt für ein wunderbares Spiel zwischen Power und Frucht. Die Abstimmung weniger, aber markanter Aromen ist eine Spezialität der neuen „Mixology Bar“, so der Untertitel.

Im Living Room arbeitet man frisch und à la minute
Barchef Martin Holzer verleiht dem Living Room einen neuen Anstrich
Das wichtigste „Spielzeug“ ist der Rotationsverdampfer

Wohnzimmer für Hochfinanz und Honeymooner

Sie zeigt sich auch beim ungewöhnlichen zweiten „Signature Cocktail“, der sich im Winter zu einer Art Hausdrink entwickelt hat, wie es Holzer formuliert. Es handelt sich um den altvertrauten Irish Coffee (15 Euro), an dem lange getüftelt wurde. So wurde es letzten Endes Kaffee der Rösterei „Süßmund“, der zusammen mit Bushmills für die Basis sorgt. Eine Sahnehaube mit Tonkabohne sorgt für verführerischen Duft, der sämige Drink stellt aber auch eines der Prunkstücke der zweiten Hotelbar neben The Bank dar. Denn er wird à la minute mit Kaffee aus dem Syphon zubereitet. Womit wir bei der zweiten Besonderheit des „Living Rooms“ wären: Er gehört zu der einstelligen Zahl von Bar mit eigenem Rotationsverdampfer in Österreich. Diese technische Neuerung im denkmalgeschützten Ambiente verlangt dem Barteam einiges an Improvisationsvermögen ab, doch die Ergebnisse sprechen für sich.

Sie begeistern vor allem die gemischte Klientel, die von Erzhändlern bis zu Flitterwöchnern reicht. Beiden gemeinsam ist, dass sie die Ruhe und Intimität der zwei kleinen Räume genießen. So gibt es auch die Hausversionen von „Spritz“ und „Bellini“ (19 Euro – mit Pfirsich-Destillat und -Reduktion), doch die kräftigen Drinks wie der „Greenpoint“ passen gefühlt besser zur Herrenzimmer-Optik. Zumal Holzer auch die Whisky-Basis schon durchschillern lässt, etwas bei der Eigenkreation „Bravo, Charlie, Whisky“mit Caol Ila und Porter-Reduktion.

Der Haus-Gimlet: Dekonstruktion mit Zusatztank

Apropos Reduktion: Bereits in seiner Zeit in Kitzbühel begann sich Holzer mit den Rotationsverdampfung zu beschäftigen, doch bis heute fasziniert ihn das wichtigste „Spielzeug“ des Wohnzimmers. In der gediegenen Umgebung wirkt es wie ein Alien, läuft aber auf Hochtouren, auch wenn kein Fließwasser in die denkmalgeschützten Räume eingebaut werden durfte. Doch sei’s drum: „Die Möglichkeiten sind so unglaublich“, belässt es Holzer nicht beim Redestillieren. „Letztens haben wir unseren eigenen alkoholfreien Gin erzeugt, da brauchst Du keinen fertigen“! Besonders spannend ist die Spezialanfertigung mit Zylinder-förmigem, großen Behälter für Feststoffe, die gerade vielfältigen Experimenten unterzogen werden. Aktuell kommt ein frischer Gimlet zum Gast, der Grapefruit-Zesten-Destillat und Orangensaft aus dem Rotovap mit Tanqueray Ten kombiniert – ein extrafruchtiger Drink, der mit seiner Aromatik zwischen den beiden Zitrusfrüchten herummäandert.

Keine elitäre Anlaufstelle

Dass derlei am Gast erklärt wird und im Idealfall auch ein Drink im Rotovap maßgeschneidert wir („ein Rum-Finish können auch wir Whisky verleihen“), zeichnet den Living Room aus. Und auch wenn die Nick & Nora-Gläser überwiegen, will man keine Anlaufstelle für elitäre Whiskyfreunde sein. Das zeigt etwa die kleine, aber durchdachte Auswahl an Bier aus Wien. Einmal ist es Raf Totés „Saison“, zum anderen kommt aus Ottakring das fruchtige „Native Tongue“. Und selbst eine Reminszenz an die Tage des viel frequentierten Humidors gibt es: Im hölzernen Klimaschrank lagern heute aber die tagesfrischen Pralinen aus der Patisserie.

Credits

Foto: Stefanie Peter

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