TOP

Probier’s mal mit Gemütlichkeit: das Melody Nelson

„Histoire de Melody Nelson“ von Serge Gainsbourg ist laut Rolling Stone das viertbeste französische Album der Geschichte. Seit einigen Jahren steht die Titelheldin auch Namenspate für ein unangestrengt-lässiges Barkonzept in Berlin-Mitte. Zu Besuch bei Black Mojitos und viel Gemütlichkeit.

Eigentlich sollte es diesen Artikel überhaupt nicht geben. Schließlich gibt es einen Grund, weswegen Geheimtipps Geheimtipps sind. Das ist ein bisschen wie mit den Eckkneipen. Die sind so schön, weil keiner sie kennt, weil die ironischen Untertöne hier keinen Platz finden, der an der Jukebox hingegen immer frei ist.

Nun ist das Melody Nelson keine Eckkneipe, weit gefehlt. Dafür ist es nach außen hin viel zu unscheinbar. Eckkneipen haben immerhin ein Schild, auf dem ersichtlich ist, dass hier Fernsehen via Sky möglich ist. Das Melody Nelson hat hingegen nichts, was einen Vorbeischlendernden dazu bewegen könnte, einen Blick hinter den schwarzen Vorhang zu werfen. Dass dieser definitiv belohnt wird, ist von keinem Winkel der Novalisstraße aus zu erwarten.

Wäre man in Kreuzberg, würde man staunen über eine hervorragend ausgestattete Bar, über die man noch nichts gelesen hat. An der Biege der Torstraße hingegen staunt man vor allem über die Möglichkeit eines so wohligen Ortes mitten in Mitte. Dieser Ort gehört Alen Salihbegovic. Im September vor nunmehr fünf Jahren hatte er viel Serge Gainsbourg gehört. Das Album „Histoire de Melody Nelson“, um genau zu sein. Als man beim Eintragen der Bar deren Namen wissen will, ist die Sache also klar. „Ich wollte aber nie, dass das eine Gainsbourg-Bar wird“, lacht Alen und nimmt einen Schluck Amaro Montenegro. Den trinkt er immer, wenn er nicht weiß, was trinken; immerhin liegt Montenegro auch neben seinem Heimatland, Bosnien und Herzegowina. Die Bar ziert dennoch ein Bild von Jane Birkin – ihr hatte Gainsbourg ein Lied gewidmet.

Bitte probieren: Black Mojito

„Die Cocktail-Bars vor sieben Jahren waren großteils schrecklich. Alles hatte diesen Lounge-Charakter, ohne versierte Kenntnis hat man sich kaum an die Bar getraut, immerzu hat man Angst gehabt, etwas kaputt zu machen. Und das, obwohl es vor allem Drinks wie Tequila Sunrise und Piña Colada gab!“

Das wollte Alen anders machen. Und es hat geklappt. Alen hat Architektur studiert, das sieht man der geschmackvoll eingerichteten Bar auch an. Auspuffförmige Lampen beleuchten einen Tresen, der unterhalten wird von einer – für eine Berliner Bar nach wie vor keine Selbstverständlichkeit – erfreulich einnehmenden Equipe. Selina mixt aus Wild Turkey, Aperol, Averna, Apfel und Zitrone einen hervorragenden Paper Plane, in der Luft liegt Minzduft und am Nebentisch kann man sich nicht entscheiden: „Classic“ oder „New Face“ ist die Frage, und man kommt tatsächlich ins Grübeln. Der Whisky Sour, eine Einheit, in der aromatisches Renommee durchaus gemessen werden kann, schmeckt ausgezeichnet, und mit Lagavulin noch viel besser. Juleps sowie den New Faces gebührt eine jeweils komplette Kartenseite. Unter letzter Kategorie findet man unter anderem einen Black Mojito mit Chambord, dem französischen Beerenlikör aus schwarzen Himbeeren, Brombeeren, XO Cognac, Madagaskar-Vanille, Zitronenzeste und Kräutern. Den sollte man probieren.

Sours statt Sahne im Melody Nelson

Alen ist es wichtig, am Ball zu bleiben, was neue Drinks angeht. Trotzdem will er nicht jeden Trend mitgehen. „Von all dem, was ich probiere, kommen zehn Prozent an die Bar. Ich habe das Gefühl, jede Woche kommt ein neuer Gin auf den Markt, und alle haben Angst, sie könnten einen verpassen. Dabei vergessen viele, dass der Gast völlig überfordert ist, wenn man da mitmacht,“ so Alen. Fünfzehn Gin, wie er sie im Angebot hat, sind ja auch nicht wenig.

„Wenn jemand etwas möchte, das ich nicht da habe, empfehle ich die Dinge, die ich habe“, so seine einfache, aber effektive Formel. Zum Beispiel einen Cosmopolitan, wie er ursprünglich gemacht wurde, mit Gin statt Vodka. Das macht nicht nur Sinn, sondern vor allem jede Menge Lust, sich von dem ehemaligen Cookies- und 103-Bartender Drinks empfehlen zu lassen. Wer gerne Ananas, Sahne oder ein Stück Wassermelone im Drink hat, ist bei Alen an der falschen Adresse. Solche Drinks und „Vodka Bull“ sind nämlich der Grund, weshalb es das Melody Nelson gibt.

Einen Abend an der Bar verbracht, kommen noch viele weitere dazu. Stil geht auch ohne Chi-Chi, und die Behaglichkeit des Raums schließt die Brillanz der Drinks nicht aus. Zumindest in Berlin-(Mitte) ist das so selbstverständlich nicht, das Melody Nelson ist eine dankbare Erinnerung daran. Hätte sich eine alte Berliner Kneipe mit einer klassischen Cocktailbar gekreuzt, es wäre dieser Ort entstanden. So waren es eben Alen und Serge. Oder der Wunsch, gutem Geschmack eine Architektur zu verschaffen. Auch wenn es Alens Eltern ein bisschen zu dunkel finden.

Aber es braucht Orte, an denen es Eltern ein bisschen zu dunkel finden.

 

Kommentieren