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Mexikaner Shot, der kleine Scharfe

Das kleine Scharfe oder zur Erfindung des Mexikaner-Shots

Wer noch nie vom „Mexikaner“ gehört hat, muss sich nicht schämen. Eine interessante Geschichte hat der scharfe Shot trotzdem. Eine Spurensuche zwischen norddeutscher Tiefebene, Steppenwolf und Friedrichshain.

Hamburg und Berlin haben einige Gemeinsamkeiten. Beide Städte haben zwei Fußballclubs, wobei die größeren, finanzstärkeren ihrem eigenen Anspruch oft nicht genügen und die kleinen vor allem auch außerhalb des Platzes Sympathien sammeln. Beide Städte wurden in ihrer Geschichte bereits von offen homosexuellen Bürgermeistern reagiert, und beide Städte werden von unzähligen Brücken zusammen gehalten.

Von Curry und Chili zwischen Elbe und Spree …

Die Hansestadt und die Hauptstadt teilen sich jedoch auch Erfindungen. In Berlin steht praktisch im Grundbuch, die Currywurst sei hier erfunden worden, und unzählige Touristen mit der roten Sauce über der dampfenden Wurst in der Hand sind Zeuge dieser Geschichte. Seit 1993 Uwe Timm in seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ die Erfindung des Curry-Klassikers jedoch nach Hamburg verlegt, herrscht etwas Unfrieden unter Kulinarik-Archivaren. Und so, wie die Erfindung der Curry-Wurst eine Geschichte von beiden Städten sein könnte, ist es auch der Mexikaner.
Mexikaner? Das ist ein scharfer, auf Tomatensaft, Tabasco und Vodka basierender Shot, man könnte sagen, praktisch eine in ihrer Entwicklung stecken gebliebene Bloody Mary. Der Mexikaner ist fester Bestandteil des Nachtlebens beider Städte, und in beiden trifft man Menschen, die schwören würden, er sei eine lokale Erfindung. Man findet ihn jedoch weniger in Edelbars oder an Mixologen-Tresen, sondern vielmehr in Eckkneipen oder Kickerkneipen.
Aber nicht nur.

Das Erbe des Stadtteils als Inspiration

So wie in der Booze Bar im Bezirk Friedrichshain, eingebettet in einem Ausgehviertel, wo sich Happy-Hour-Läden, Bio-Burgerbuden und Kiez-Kneipen aneinander reihen. Einen Mexikaner zu finden ist hier ein Leichtes. Aber nirgendwo findet man einen so komplexen wie in der Booze Bar. Der Shot kann in Wahrheit auch was anderes sein: Der Tomatentrunk ist ein hervorragender Agent, mit dem man Leute für Cocktails begeistern kann. Er ist ein Katapult, mit dem man die Augen nicht nur zum Tränen bringen kann, sondern auch dazu, dass man sie für Cocktail-Kultur öffnet. Stichwort: Modifikation.

„Wir arbeiten nicht mit Tabasco, sondern mazerieren Tequila Blanco mit Jalapeños, um die Schärfe zu erzeugen. Hinzu kommt Salz, Pfeffer, Süße wie Zucker, um die Fruchtigkeit zu erhöhen, Worcestershire-Sauce oder torfiger Whiskey. Wir haben auch schon geröstetes Sesam-Öl verarbeitet“, so das Barteam aus der Boxhagener Straße. Dort hat man auch von der Historie gehört: „Der Mexikaner soll eine Hamburger Erfindung sein. Das ist zumindest die Legende.“

Zurück nach Hamburg in den Steppenwolf

Womit wir wieder in den Norden nach Hamburg schwenken,: Dort soll ein gewisser Mike Coloni den Mexikaner tatsächlich erfunden haben. Dieser führte in den 1980-er Jahren den „Steppenwolf“ in Hamburg. Eines Tages kaufte er eine große – und sehr günstige – Ladung Korn, die sich in Wahrheit jedoch als übler Obstbrand-Verschnitt herausstellte. Schlimm genug im Geschmack, dass sogar die nicht gerade als Feinschmecker-Gilde dastehende Kundschaft des Steppenwolfs gegen das Destillat rebellierte, das Coloni ihnen vorsetzte.

Die Entstehung des Mexikaners ist also eine, wie sie so selten in der Geschichte gar nicht vorkommt: Man will eine schlechte Spirituose übertünchen. Coloni servierte seine Erfindung schließlich wie folgt: 0,7 Liter Korn, 0,7 Liter Sangrita, 1,5 Liter Tomatensaft, dazu je einen Teelöffel Pfeffer und Salz sowie 3 Zentiliter Tabasco. Das ganze wurde kühlgestellt und als Shot serviert. Als einer der Gäste im Steppenwolf fachkundig bemerkt, das ganze schmecke mexikanisch, ist der Name auch geboren.

Die Agave kommt erst später

Es mag als Ironie der Geschichte anmuten, dass das Getränk ursprünglich nicht die Spirituose barg, die man aufgrund des Namens vermuten mochte: Tequila kam erst im Laufe der Zeit dazu. Der Mexikaner wurde mit Korn gemacht, erst mit der Zeit holte er sich praktisch seine namensgebende Lokalspirituose zurück. Es würde aber auch eigenartig anmuten, ein Getränk mit dieser Bezeichnung auf der Basis von Korn oder Vodka zu servieren.
Gabriel Daun, MIXOLOGY-Autor und Barmanager im Gekkos in Frankfurt, serviert Tequila und Mezcal mit einem Gläschen hausgemachter Sangrita, quasi einem dekonstruierten Mexikaner, der auf die Offenlegung der Ausgangsqualitäten Wert legt. Wie immer man den Mexikaner auch interpretiert: Man kann sich austoben an dem kleinen Scharfen. Es funktioniert jedoch nicht, wenn sich jemand mit einem Mexikaner betrinken will: Die Vitamine und Elektrolyte des Drinks bewirken nämlich genau das Gegenteil.
Und das ist in Hamburg und Berlin wiederum das gleiche.

Credits

Foto: ©Maxim Fesenko via Istockphoto.com

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