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Die Milk Punch Boys klären die Sache auf

Tarek Nix und Andreas Andricopoulos sind in der Barwelt keine Unbekannten. Der eine ist Barchef im „Provocateur“, der andere leitet die Bar des sterneprämierten „Golvet“. Mit ihrem Projekt „Milk Punch Boys“ haben die beiden Bartender auf die Schließungen der ersten Coronawelle reagiert. Und einfach nicht mehr aufgehört.

Es gibt eine Sache, die sich in der Coronakrise gezeigt hat: So hart die Barszene auch von der Coronakrise betroffen war und ist, so sehr beweist sie Erfindungsreichtum, Kreativität und Durchhaltevermögen. Auf Schließungen folgte das Cocktail-Liefergeschäft, im Sommer wurde am Slushee-Rad gedreht und Bartender zu Speiseeisproduzenten, und der Slushee des Winters, der Glühwein, steht in den Startlöchern. Nicht hadern, sondern handeln – so lautet die Devise.

Eine weitere Realität, die die erzwungene Isolation durch das Coronavirus zeigt: Wir alle brauchen Freunde, wir brauchen unsere Netzwerke und echten Austausch. Je stärker uns die Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen in das Digitale zurückdrängt, desto wichtiger und wertvoller sind analoge Kontakte.

Und das dritte Resultat, das man aus der Krise ableiten kann: Es hilft, den Humor nicht zu verlieren.

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Milk Punch für die Welt

All diese drei Dinge zusammengezählt, und wir sind bei den Milk Punch Boys, dem Gemeinschaftsprojekt von Tarek Nix und Andreas Andricopoulos, angekommen. In der Barwelt sind die beiden auch keine Unbekannten: Tarek Nix ist Barchef im Provocateur Berlin, u.a. zweimaliger Gewinner der MIXOLOGY BAR AWARDS 2019, Andreas Andricopoulos leitet die Bar des sterneprämierten Golvet am Potsdamer Platz.

Auch die beiden standen im März plötzlich vor ihren verschlossenen Tresen. „Wir haben dann die Idee eines Milk Punch mit einem Partner aus der Industrie entwickelt“, erinnert sich Tarek Nix, „wir hatten ja nichts zu tun. Den Punch haben wir in unserem Netzwerk verschickt und waren überrascht, wie viel Resonanz wir bekamen.“

Was als eine Art Beschäftigungstherapie beginnt, entwickelt rasch ein Eigenleben. Einmal im Monat wird seither ein Milk Punch produziert, in Kooperation mit einem Industriepartner. Um die 50 Stück werden auf diese Weise jeweils verschickt. Die Umsetzung erfordert dabei freilich mehrere Tage Zeit – zumindest aber Zeit ist in der Pandemie ja kein allzu knappes Gut. „Ein Tag für Konzeption, ein Tag für Produktion, ein Tag für Social Media, und dann nochmal händischer Versand“, rechnet Andreas Andricopoulos den Aufwand pro Produktion zusammen.

Der Godfather Milk Punch auf der Basis von Amaretto und Scotch
Tarek Nix (links) und Andreas Andricopoulos (rechts) wollen Milk Punch auf ein neues Level hieven
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Keine feste Formel für Milk Punch

Wer Milk Punch kennt und produziert hat, weiß um die buddhistische Geduld, die man benötigt, um die Flüssigkeit auf ihrem Weg durch den Filter anzufeuern. Die einzige Tätigkeit in der Bar, die noch langsamer wäre, wäre wahrscheinlich nur, dem Eis beim Frieren zuzusehen. „Am Anfang dachten wir: ‚Was, schon 4 Uhr morgens, und immer noch nicht fertig?!‘“, grinst Andreas Andricopoulos, „aber wir entwickeln auch Lösungen. Die Milch vorher aufzukochen und 24 Stunden stehen zu lassen beschleunigt den Prozess etwa beim Filtern enorm. Aber vieles beim Milk Punch ist learning by doing, es gibt keine richtige Formel. Es gibt nur: Machen, Machen, Probieren, Probieren. Irgendwann bekommst du ein Gefühl dafür.“

Darum gehe es auch, fügt Tarek Nix hinzu: um das Teilen des Wissens. „Wir stellen uns nicht hin und behaupten, wir hätten den Milk Punch erfunden. Ganz im Gegenteil. Wir zeigen es auf unserem Instagram-Account nur auf so transparente Weise, wie es bisher vielleicht noch nicht gemacht wurde. Wir versuchen auch, in jedem Milk Punch eine weitere Technik mit einzubauen, beispielsweise zu demonstrieren, wie man Sherbet oder einen Cordial macht oder wie man mit Fermentation umgeht. Das ist auch für jüngere Bartender interessant, die mit dieser Materie noch nicht vertraut sind.“

Das Bartender-Comedy-Duo Nix und Andricopoulos

Ein Grund, warum das Projekt innerhalb kurzer Zeit viel Aufmerksamkeit erregt, ist mit Sicherheit die digitale Präsenz und Vernetzung der beiden. Wobei das etwas zu nüchtern ausgedrückt ist für das Spiel, das sie auf Social Media, insbesondere Instagram, betreiben: Es gibt wohl kaum zwei Bartender, die sich mit derartig konsequenter Selbstironie auf den Arm nehmen wie Tarek Nix und Andreas Andricopoulos. Das ist manchmal genial, manchmal übertrieben, aber immer ohne Rücksicht auf Verluste.

Es zeigt letztlich aber auch von der großen Vertrautheit zweier Freunde, die sich 2012 im Adina Hotel in Berlin kennenlernten. 2014 arbeiteten sie gemeinsam in der Alto Bar, Andreas Andricopoulos fungierte als Mentor von Tarek Nix. Auch diese frühen Jahre rollen sie heute noch konsequent in alten Bildern auf ihren Accounts aus, niemals unkommentiert, immer persifliert, frei unter dem Motto: keine(r) ist sicher. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie auf ihrem Instagram-Account auch „Comedy Duo“ in die Biografie geschrieben haben.

Das Konzept der Milk Punch Boys: qualitative Produkte, humorvolle Kommunikation

Der Markt für Milch Punch

Aber bei aller Liebe zum Spaß: Ein Scherzprojekt ist Milk Punch Boys nicht. Dafür sind die beiden zu sehr Profis und qualitätsbewusste Bartender. „Wir haben schon seit Längerem immer einen Milk Punch auf der Karte im Provocateur. Milk Punches haben eine tolle Textur, sind lange haltbar, eignen sich als Aperitif oder als letzter Drinks des Abends. Ein Milk Punch geht eigentlich immer“, so Tarek Nix, der auch einen Blick in die Zukunft wirft. „Hotels, die keine Bartender haben, können einen Milk Punch schnell auf Eis servieren. Das ist etwas, wo wir eventuell hinwollen.“

Und damit haben wir auch den unvermeidlichen Bogen zu Corona gespannt. Eine Abwanderung von Mitarbeitern aus der Bar und Gastronomie scheint als Folge der Pandemie sicher, ein Mangel an qualifiziertem Personal die Folge. Das Angebot an Bottled Cocktails ist natürlich in dieser Zeit nicht kleiner geworden, ganz im Gegenteil. Aber die Konkurrenz an Milk Punch ist vergleichsweise klein. Es erfordert eben einen erheblichen zeitlichen und logistischen Aufwand, bis man die geschmeidige, cremige Textur des Milk Punches im Glas hat; ein Aufwand, den viele nicht stemmen können oder wollen.

Milk Punch für die Welt

Die Produkte der Milk Punch Boys soll es jedenfalls auch zu kaufen geben. Mittlerweile haben die beiden neben einem monatlichen Projekt erste Produkte im Angebot, wie beispielsweise einen Godfather Punch in Kooperation mit dem Bottled-Cocktails-Shop Mrs. Walsh oder einen X-Mas-Punch, den man sich direkt über ihren Instagram-Account ordern kann. 50 Stück zum Preis von je 36,90 Euro haben sie davon im Angebot, der Verkauf, so Tarek Nix, läuft gut.

„Noch sind wir ein Zero-Profit-Unternehmen. Das Projekt soll auch organisch wachsen“, resümiert Andreas Andricopoulos. „Es wäre nicht schlimm, wenn es nicht groß wird. Es wäre aber schöner, wenn es groß werden würde.“

Credits

Foto: Antoine Lê Minh

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