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Peter Weintögl – i did it „My Way“

Wo andere Spritzer, Achterl und Willi-Birne suchen, kämpft ein Mann aufopferungsvoll für die Barkultur und gepflegten Trinkgenuss abseits des billigen Rausches.
Ein geregeltes Einkommen, Bürozeiten und die Freundin an der Seite: ein ruhiges Leben abseits des Trubels und der Großstadt. Was zum Klischee-Superlativ noch fehlt, wäre höchstens ein Golden Retriever, aber sicherlich keine Bar, Oase der Nacht. Nicht, dass jener Herr seinen Lebensunterhalt durch Alkoholausschank bestreiten müsste – als Experte für komplexe Abläufe, unterhält er im „Brotberuf“ ein Ingenieursbüro, das alleine die geistigen und zeitlichen Kapazitäten vieler „Normalsterblicher“ längst ausgeschöpft hätte.
Vakuum, Flüssig-CO2, Omega 3
Doch wo andere aufhören, fängt Peter Weintögl erst an. Sowohl wenn er nach einem langen Arbeitstag nochmals ganz auf Anfang schaltet und seine Bar aufsperrt, als auch wenn er Gäste mit Kreationen überrascht, die vor Kreativität und hausgemachten Spielereien nur so strotzen. Fast wie der verrückte Professor tüftelt er vor seinem Publikum oder still im Backoffice an Essenzen, Auszügen, Extrakten unter Zuhilfenahme teils höchst technischer Utensilien, die einem Labor oder Chemiesaal entsprungen scheinen. Die Resultate werden in Abwandlungen von Klassikern und gänzlich neuen Ideen vermixt. Es darf einen also nicht wundern, wenn man sich schon einmal einem Getränk mit Fischkapseln und Omega 3 Fettsäuren gegenüber sieht.
Landidylle, alte Gemäuer, Holz
Knapp eine Autostunde Fahrt von der Bundeshauptstadt Wien muss der Genusssuchende auf sich nehmen, um dem „My Way“ einen überfälligen Besuch abzustatten. Unmittelbar unter dem Rathaus, am beschaulichen Haupt- und Kirchenplatz des idyllischen Hainburg an der Donau gelegen, öffnen sich die alten Mauerbögen, die die Außenansicht des Lokals prägen. Zwar findet man hier noch die Beschreibungen Vinothek und Lounge, aber die Weinauswahl wurde reduziert, hier geht es um Cocktails von Weltformat, Spirituosen internationaler Provenienz. Der Raum ist klein, mit dem traditionellen Charme und der Patina alter Gemäuer. Viel Holz prägt die Szenerie, ein robuster Tresen, ein selbstgezimmerter Verbau als Rückbuffet, „aus einem Stück gefertigt“, und natürlich in eigener Handarbeit, wie der Besitzer und Betreiber bescheiden anmerkt. Zudem ist er übrigens auch Barback, Barkellner, Einkäufer und zuständig für alles, was sonst noch anfällt.
Großer Wert, kleiner Preis
Die Karte ist sehr überschaubar, logisch gegliedert und bietet Mischgetränke sowie eine wohlfeile Auswahl an Purspirituosen, besonders Whisky ist die – nicht sonderlich geheime – Leidenschaft des Ingenieurs. Manch einer würde hier Willi, Obstler und „Selbstgebrannten“ vermuten, findet jedoch alte Ardbegs, Port Ellen Releases, die Enthusiasten Tränen in die Augen treiben, sowie amerikanische und internationale Destillate der Extraklasse. Die Preise sind dabei mehr als nur fair kalkuliert!
Der „Kampf“ um jeden Gast
Es gibt Städte wie London, New York oder Paris, wo Trends gesetzt und aufgegriffen werden, Innovationen entstehen und eine Dichte an Top Bars gegeben ist, wie man sie andernorts vergeblich sucht. Zweifelsohne findet man dabei auch leichter ein aufgeschlossenes Publikum und eine natürliche Affinität zu Mixed Drinks und Cocktails. In Hainburg an der Donau sind die Voraussetzungen ganz andere, umgeben von Weinreben, Heurigen und Kleinstkneipen, bei denen Doppler, Spritzer, das „Schnapserl“ und der billige Rausch in der Luft schweben. Mit unermüdlichem Einsatz versucht Weintögl seine Gäste von dem Faszinosum Bar zu überzeugen, der Erfolg gibt ihm Recht. Zudem wagt der Barmann selbst den Blick über den Tellerrand, im internationalen Austausch, bei Wettbewerben wie dem World Class G&A Finale in München und mit seinem unstillbaren Wissensdurst. Zurück im My Way wird man geführt, lässt sich führen und fallen, in ein Gefühl der Geborgenheit und Professionalität. So greift Weintögl auch schon einmal „(er)klärend“ bei Bestellungen ein und versucht eine Alternative, ein neues Erlebnis zu bescheren. Bestimmt, stets höflich und mit dem Feingefühl eines herzlichen Gastgebers. „Billig ansaufen braucht sich bei mir keiner, dafür gibt es genug andere Lokale.“
Weintögl geht seinen Weg – „my way“ – mit Überzeugung und auch der entsprechenden Durchsetzungskraft, die der Standort und teils damit verbundene Herausforderungen verlangen. Voller Ecken und Kanten ist das Lokal, ein Naturprodukt, wie die vielen Holzelemente, die sich im Raum wiederfinden. Das Interieur, die Drinks, der Gastgeber, hier hat alles Charakter!
Bargenuss in seiner ehrlichsten Form, wenn die Zeit und Erinnerungen verwaschen, die Anzahl der Getränke keine Rolle mehr spielt und man in das wohlige Gefühl der Nacht eintaucht. Bis man glücklich und selig das My Way verlässt, in die klare Luft Hainburgs tritt und sicher ist, „ich komme wieder“ – denn das ist es, was eine gute  Bar letztlich ausmacht.
 
 

Backdoor 43

Ripa di Porta Ticinese 43
20143 Mailand

Mo - Sa 19:30 - 03 Uhr

Credits

Foto: Peter Weintögl

Comments (1)

  • Thomas Domenig

    Klingt sehr gut: Weiterhin viel Glück und Begeisterung bei diesem Projekt!

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