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Die Geschichte des Cocktails, Teil 13 (Abschluss): Negroni Cocktail (1939)

Der Negroni Cocktail ist ein Klassiker. Heute wird er zu gleichen Teilen aus Gin, Wermut und Campari zubereitet. Doch ursprünglich war er etwas anderes. Etwas sehr anderes, wie wir zum Abschluss unserer Serie beweisen. Somit zeigt sich am Negroni, auf welch extreme Weise sich ein einzelner Cocktail im Laufe der Zeit verändern kann.

Zwischen 1919 und 1920 entstand in Florenz im Caffè Casoni das Mischgetränk, das später als Negroni Cocktail bekannt werden sollte. Der Stammgast der Bar, der 1868 geborene Graf Camillo Luigi Manfredo Negroni, wollte eines Tages seinen Americano etwas kräftiger zubereitet haben. Bartender des Hauses war Fosco Bruno Sabatino Scarselli. Er berichtet, dass er dem Wunsch des Grafen nachkam und den Americano mit ein paar Tropfen Gin verstärkte. Diese Variante sei dann bei anderen Kunden beliebt geworden, sie hätten das Getränk des Grafen Negroni bestellt, und so kam es schließlich zur Bezeichnung „Negroni“.

Für Campari ist dieses Mischgetränk der Signature-Drink. Es kam sogar in den 1950er Jahren zu Rechtsstreitigkeiten, infolge dessen es einem anderen Herrn Negroni durch Campari verboten wurde, einen in Flaschen abgefüllten „Old Negroni Cocktail“ zu vermarkten.

3 cl Dry Gin
3 cl roter (italienischer) Wermut
3 cl Campari
Zubereitung: Gerührt. In einem Tumbler mit einem großen Stück Eis servieren, mit Orangenzeste abspritzen.

Im originalen Negroni Cocktail waren vermutlich nur 3 cl

Der originale Negroni

Doch wie sah der erste Negroni Cocktail aus? Fosco Scarselli berichtet davon, dass der Graf ein großer Trinker war, der an manchen Tagen bis zu 40 Negronis trank, er ihn aber nie betrunken sah. Das ist ein entscheidender Hinweis, denn er belegt, dass das Volumen eines originalen Negronis sehr gering war, vermutlich nur 3 cl. Denn damals, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, war es in Florenz üblich, in einem kleinen, ungefähr 3 cl fassenden Cordialglas einen Aperitif zu trinken. Man zelebrierte die sogenannte Wermut-Stunde als Nachmittagsprogramm für den Gentleman. Bald kombinierte man auch Wermut und Amari, und der sogenannte Milano-Turino war entstanden, denn Campari stammt aus Mailand, der Wermut aus Turin. Gab man Soda hinzu, so nannte man es Americano.

Doch der originale Negroni bestand nicht aus gleichen Teilen Gin, Wermut und Campari. Fosco Scarselli gibt selber an, er hätte nur ein paar Tropfen Gin hinzugefügt. Auch gibt es Berichte aus Florenz, die darüber berichten, wie der Negroni zubereitet wurde. Fasst man die erhaltenen Quellen zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Der ursprüngliche Negroni war ein Americano, dem etwas Gin hinzugefügt wurde. Er wurde weder auf Eis serviert noch auf Eis gerührt oder geschüttelt, und man verwendete Soda. Eine Orange als Garnitur ist eine spätere Erfindung. Rechnet man die Mengen runter auf 3 cl, so sah der ursprüngliche Negroni ungefähr so aus: 5 ml Campari, 10 ml Wermut, 2,5 ml Gin und 12,5 ml Soda. Rechnet man die Mengen hoch auf ein Highballglas, so ergibt sich als rekonstruierte, historische Rezeptur die folgende:

4 cl roter (italienischer) Wermut
2 cl Campari
1 cl Navy Strength Gin
5 cl Soda

Diesen empfehle ich als Highball zuzubereiten. Das ist zwar historisch gesehen nicht korrekt, aber ich bevorzuge diese Mischung auf Eis im Highballglas serviert. Das Eis wurde früher wohl nicht verwendet.

Der Negroni Cocktail, wie er heute als Standard gepflegt wird
Ein gleiches Verhältnis aus Gin, Campari und Wermut – kaum eine Rezeptur lässt sich leichter merken als die des Negroni

Der moderne Negroni Cocktail

Das ist natürlich etwas ganz anderes als das Rezept, das wir heute kennen und als Negroni Cocktail bezeichnen. Es liegt die Vermutung nahe, dass die drastische Rezepturänderung auf Campari zurückgeht. In den 1950er Jahren begann man mit dem Negroni Cocktail in den USA zu werben, und es spricht viel dafür, dass man die Rezeptur an die amerikanischen Trinkgewohnheiten angepaßt hat.

Es gibt jedoch auch Stimmen, die diese Entstehungsgeschichte in Zweifel ziehen und der Meinung sind, der Negroni Cocktail sei eine Erfindung eines anderen Grafen Negroni, nämlich von Pascal Oliver Negroni, gebürtig aus Korsika. Dieser habe ihn im Senegal um 1857 anläßlich seiner Hochzeit erstmals zubereitet. Es gibt jedoch gewichtige Argumente, die dagegen sprechen. So wurde Campari erst 1860 in Italien gegründet, war somit um 1857 im Senegal sicherlich nicht verfügbar. Man darf jedoch annehmen, dass dieser Graf einen Negroni Cocktail ersonnen hat, doch muß es sich um einen Negroni Cocktail mit abweichender Rezeptur gehandelt haben.

Die Bedeutung des Negroni Cocktails

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass die Entstehung des Negroni Cocktails keinesfalls die großartige Sternstunde der Cocktailgeschichte ist, wie es vielleicht manchmal behauptet wird. Die erste Rezeptur für einen Negroni Cocktail erschien wohl um 1939 in „Cuna del Daiquiri Cocktail“ in Havana; leider ist in dem Buch kein Erscheinungsjahr angegeben. Dann erst wieder 1949 in „Evolución y arte del cocktail“ von Jacinto Sanfeliu Brucart, schließlich 1951 in Ted Sauciers „Ted Saucier‘s Bottoms Up“.

Wenn man nun das Jahr 1939 als das Jahr nimmt, in dem erstmals eine Negroni-Rezeptur veröffentlicht wurde, so muß man feststellen, dass in den Jahren zuvor mindestens 24 ähnliche Rezepturen erschienen, nämlich als eine Kombination aus Gin, Wermut und Campari, und zwar unter 16 verschiedenen Namen. Ähnlich ist es auch in den Jahren danach. Erst ab 1950 kann man sagen, dass ungefähr die Hälfte der Gin-Wermut-Campari-Kombinationen auch Negroni genannt werden.

Campari lag ab den 1920er Jahren in der Luft

Zwischen 1970 und 1979 sind es ungefähr zwei Drittel. Das soll die Kreativität von Fosco Scarselli in keinster Weise schmälern. Es soll nur verdeutlichen, daß die Verwendung von Campari als Bitter, kombiniert mit Wermut und Gin, ab den 1920er Jahren quasi in der Luft lag und in gewisser Weise auch naheliegend war. Kann man diese Varianten doch als eine Fortentwicklung des Martini Cocktails betrachten, bei dem Campari als Bitter eingesetzt wird.

Und somit beenden wir unsere 13-teilige Serie über die Geschichte des Cocktails, über seine Ursprünge und über Mythen, die sich bewahrheitet haben oder solche, die im Strudel der Zeit und mit Fortschreiten der Erkenntnisse gewankt sind. Alle anderen Beiträge sind unter den unten stehenden Links nachzulesen. Wir empfehlen es dringend.

Credits

Foto: Sarah Swantje Fischer

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