Buch und Bar: Im Auftrag seiner Majestät

News 22.1.2019

Mit „Recipes of Cock-Tails and Other Iced Drinks“ verlagern wir unsere Serie über alte Cocktailbücher in das Queen’s Hotel nach Sri Lanka. Mit welchen Mitteln und Zutaten der Verfasser L. E. Perera im ehemaligen Ceylon gearbeitet – und vor allem nicht gearbeitet – hat, spiegelt sich wunderbar in dem Werk aus dem Jahre 1924 wider.

Faszinierend ist, was in diesen alten Büchern steht, und enorm bildend, getränketechnisch wie auch sonst. Jedoch: Manchmal ist es beinahe interessanter, was nicht drin steht. Siehe: „Recipes of Cock-Tails and Other Iced Drinks“ von einem gewissen L. E. Perera,

Der Mann, den sie Charles nannten

Herr Perera ließ sich aber offenbar „Charles“ rufen, jedenfalls steht das in Klammern hinter seinem Namen, und wir erkennen darin den ersten Hinweis, wohin uns dieser Diskurs führen wird. Die „Cock-Tails“ erschienen in seiner (zweiten) Ausgabe 1924 in Kandy, Sri Lanka, das damals noch Ceylon hieß und britische Kronkolonie war. Die Singhalesenhauptstadt Kandy wiederum war die letzte Bastion gegen die Briten, bevor sie 1815 eingenommen wurde, und in Kandy war Herr Perera, also Charles, für die Bar im Queen’s Hotel zuständig, und man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass mit der Queen keine einheimische Königin gemeint war.

Das Queen’s Hotel gibt es heute noch, ein prachtvoller Bau, der mit dem eigenartig ambivalenten Slogan wirbt, „der unauslöschliche Teil einer Kolonialgeschichte“ zu sein. Nun denn. Auch das Büchlein mit seinen 100 Cocktailrezepten ist ein Teil der Kolonialgeschichte, wenn auch kein ausgewiesen unauslöschlicher, und es ist bestimmt kein Zufall, dass L. E., der es sich wohl nicht grundlos ersparte, seine Initialen aufzuklären, nach außen hin lieber ein Charles war.

Buch Bar

Buch und Bar als All-British-Combination

Tatsächlich bemüht sich bei genauerer Betrachtung das ganze Buch intensiv darum, ein Charles zu sein. Gerade aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, ein Rezeptbuch in Händen zu halten, das absolut keine inhaltlichen Spuren aus dem Ursprungsland zeigt. Ceylon! Ein Land, das in einem verschwenderischen Übermaß an Früchten und Kräutern, an Düften und Aromen schwelgt – und nichts davon spiegelt sich in den Rezepten wider. Fänden sich nicht die Reklamen einer lokalen Autovermietung (mit günstigen Ersatzteilen, „ALL BRITISH“ – offensichtlich ließ sich damit seinerzeit noch werben) sowie eines Lebensmittelhändlers wieder, der auch Reis und Currys anbietet, dann könnte dieses Buch auch aus London stammen. Und so soll es auch aussehen.

Von einer „Local Food Movement“ keine Spur. Andere Zeiten. Dabei sind die Rezepte so britisch nun auch wieder nicht: Die 60 Jahre alte Prophezeiung aus „Cups and their Customs“, dass sich diese neumodernen Getränke ja bestimmt nicht bewähren würden, hat sich komplett erübrigt. All das ursprünglich verhasste Amerikanerzeugs hat sich bei den Engländern längst durchgesetzt, und auch das Queen’s Hotel bietet die ganze Bandbreite aus Rickie (sic), Sling, Swizzle und Fizz, selbst wenn immerhin der Tom Collins seine britischen Wurzeln zeigt und noch John Collins heißt.

Man bedenke den zeitlichen Kontext: In den USA wütet die Prohibition, und viele Profis aus dem Gewerbe haben das Land verlassen; Harry Craddock etwa arbeitet bereits im Savoy, wo er ein paar Jahre später das legendäre Cocktail Book veröffentlichen wird. Die Diaspora tritt an die Stelle des Cocktail-Mutterlandes. Gut möglich, dass man damals im Queen’s Hotel in Kandy bessere Drinks genießen konnte als in den alten Tempeln der neuen Welt.

Buch Bar

Fancy Manhattans für die Offiziere seiner Majestät

Die Vielfalt der gezeigten Getränke lässt auch tatsächlich wenig zu wünschen übrig; da ist schon mehr geboten als nur ein Abklatsch der altbekannten Rezepte. Beim Manhattan wird mit trockenem und süßem Wermut gearbeitet, der „Fancy Manhattan“ setzt Dashes von Cuaraçao (Curacoa), Maraschino und Orange Bitters ein, den „Martine“ gibt es trocken oder süß. Verschiedene Bitters, Chartreuse, Rheinwein oder Crème de Noyaux scheinen auch in Ceylon zur Verfügung gestanden zu haben, wohingegen unser Charles bei den wenigen Punches, die noch aufgeführt sind, wohl ganz problemlos auf Arrak verzichten konnte. Den hätte es halt gleich vor der Haustür gegeben, aber vermutlich hat der im Ausland stationierte Offizier seiner Majestät alles Mögliche in sich hineingekippt, bloß nicht das, was es gleich vor der Haustür gab. Heimat beginnt auf der Getränkekarte.

Und das ist schon die eigentliche Besonderheit des Buches: Bei aller gebotenen Qualität ist es doch nicht viel mehr als eine koloniale Variante der Wurstel con Krauti, die der deutsche Pauschalurlauber in den Betonburgen Bibiones einfordert, bevor er seinen Wohlstandswanst an den Mittelmeerstrand wälzt. Sicherlich sah der britische Offizier dabei besser aus, aber im Prinzip … grade, dass sie den Tee nicht auch noch importiert haben.

Eine Besonderheit des Buches verdient noch Erwähnung: Die wenigen Seiten, die nicht Rezepten oder Reklame gewidmet sind („Every Barkeeper Knows that Coate’s Plymouth is the Only Gin for Cocktails“), verwendet Charles Perera zur Prestigeförderung. Im März des Jahres 1922 war der britische Thronfolger in Sri Lanka gewesen, und der Autor nutzt die Gelegenheit, um sich ein wenig royales Flair zu verleihen. Sich im Glanz des künftigen Potentaten zu sonnen. Und sich damit noch das Prädikat „Extra-British“ an die Backe zu kleben.

Charles war wohl bei einem Empfang des Prince of Wales dazu ausersehen, die Getränke zu bereiten. Was auch ganz offiziell vom Adjutanten des ceylonesischen Gouverneurs bestätigt wird. Charles selber bestätigt dann noch, dass ihn Gott und die Welt genötigt haben, seine Rezepte in ein Buch zu fassen, und dem habe er letztlich nachgegeben. Schließlich fand er sich wohl auch berufen, das entstandene Buch dem Prinzen nachzusenden, was, bestätigt vom Vizesekretär, von jenem „huldvoll angenommen“ wurde. Und somit ist L. E. Perera (Charles) nicht irgendein Schüttelknecht, sondern „Cocktail-Maker to His Royal Highness the Prince of Wales“. Ein Hauch von Hoflieferant.

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Der König, der nicht lange König war

Bei dem betreffenden Prince of Wales handelte es sich um den späteren König Edward VIII., der als Thronfolger über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg ausgedehnte Reisen unternahm, um das Empire gründlich kennenzulernen, die erworbenen Kenntnisse aber nur recht kurz beruflich nutzen konnte, weil er bereits nach zehn Monaten wieder abdankte, um die Bürgerliche Wallis Simpson zu heiraten. DER Skandal der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hätte es nicht einen Weltkrieg vorher und einen nachher gegeben, die Gesellschaft hätte kein anderes Thema gehabt als dieses. Der König, der dann eben kein König mehr war.

Letztlich ließ er dann neben seiner Krone auch sehr viel von dem hinter sich, was an britischen Werten so unantastbar schien. Sein Prestige litt merklich. Das Königreich war ein anderes geworden. Wie L. E. „Charles“ Perera diese Nachrichten aufnahm, ist nicht überliefert.

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