Trinkhalm Alternative

Glas, Stroh, Apfel: Was kommt statt dem Plastik-Trinkhalm?

News 19.10.2018 1 Kommentar

Ein Ort, an dem die Gäste so oft über die Welt philosophieren wie in einer Bar, sollte auch zu ihrer Rettung beitragen. Das sieht man in den Alternativen zum Plastik-Trinkhalm. Bei deren Einsätzen hakt es zwar mitunter noch, wie eine Umfrage von MIXOLOGY ONLINE beweist. Diese zeigt aber auch klar auf: Am Willen der Bar-Community fehlt es nicht.

Nein, die Makkaroni löst die Frage nicht, auch wenn findige Bartender schon den Stückpreis einer Nudel dem eines Plastikhalms gegenüber stellen. Rohe Nudeln in hochprozentigen Drinks sind aber nicht nur ein Kulturschock, sie splittern auch bei etwas festerem Lippenkontakt – der Cocktail ist damit ruiniert, der Abend wohl auch. Sieht man sich am Vorabend des geplanten EU-weiten Plastikverbots die seriösen Alternativen an, offenbaren sich aber in praktisch allen Fällen klare Schwächen.

Welcher Trinkhalm ist der vertretbarste?

So hat Bambus zwar eine zu vielen Drinks passende „exotische“ Optik, der Stückpreis (ca. 1,50 Euro) ist aber hoch. Ob der Halm gereinigt wurde, kann der Gast – ähnlich wie bei Metall-Halmen, die in der Regel noch teurer sind – nicht erkennen. Gäste-Beschwerden  über das angeblich ungewohnte und kalte Material gebe es hingegen keine, berichtet Lukas Hochmuth aus der D-Bar des Wiener Ritz-Carlton Hotels, die „seit langem Metall-Halme verwendet“. Sie seien spülmaschinenfest, bruchsicher und optisch ansprechend, meint der Bar-Chef, „zudem ersetzen sie den Stirrer im Cocktail“.

Dass der Markt für Plastik-Alternativen in den letzten Jahren „anspringt“, bestätigt eine der bekanntesten Anbieterinnen Deutschlands. Jana Gessert drehte das Rad der Zeit zurück und bietet Trinkhalme an, die tatsächlich von Stroh stammen. Von Bayern aus bedient die BIO Strohhalme GmbH selbst den enorm wachsenden Markt in Asien.

„Original-Naturstrohhalme sind weiterhin begehrt, doch in der Gastronomie geht der Trend mehr zu den Papiertrinkhalmen und zur neuesten Entwicklung, den Bio POT-Halmen“, so Jana Gessert. Letztere bestehen aus Kartoffelstärke, Calcium und Magnesium. Einen Nachteil ortet hier allerdings auch einer der größten Fans, nämlich der Tiroler Bartender Andreas Hotter: „Wir haben alles ausprobiert, die passen am besten.“ Für Heiß-Getränke – wie sie in Skigebieten üblich sind – eignen sie sich jedoch nur bedingt. Optisch überzeugen den Englhof-Chef (übrigens „Bar des Jahres Österreich“ bei den MIXOLOGY BAR AWARDS 2019) die neuen, mehrheitlich aus Pflanzenstärke gewonnenen Halme. „Die sind auch in Schwarz lieferbar, für viele ja die vertraute Optik beim Halm“, so Andreas Hotter.

Die Alternative: Zurück zur Natur

Diese in großen Anlagen biologisch abbaubaren Bio-Halme gibt es auch mit einem größeren Durchmesser bis zu acht Millimetern. Damit bieten sie eine Lösung für eine Problematik an, die Liquid Market-Macher Bert Jachmann an den echten Strohhalmen wurmt. Gerne hätte er für die Wiener Cocktail-Messe eine Alternative angeboten, „doch der Durchmesser ist mitunter zu klein für manche Drinks“.

Als Naturprodukt sind zudem die Unterschiede der einzelnen Halme beträchtlich. Die Zweitnutzung von Getreide, dessen Ähren genauso genutzt werden können für Halme, ist für Züchter interessant. „Verschiedenste Versuche mit neuen Sorten stehen an der Tagesordnung“, berichtet Daniela Piererfellner von Bioverpackungen.at . Allerdings: „Garantie für einen dickeren Durchmesser gibt’s jedoch zur Zeit keine.“

Ebenfalls nach Naturmaterialien hat sich Markus Müller aus der Hefner Bar in Berlin umgeschaut. Er verwendet die aus Frucht-Trester gefertigten Halme des Start-ups Wisefood. Diese aus Äpfeln gewonnenen Halme „müssen aber zum Drink passen und sind dann gleich so etwas wie ein Snack dazu“, so Müller. Preislich kommen sie mit ca. 0,34 Euro/Stück zwischen Glas- und Papierhalmen zu liegen. Vor allem letztere lehnen die meisten Bars ab, da sie sich schnell aufweichen. Auch wenn sie dicht bleiben, ist die Optik der Papp-Kameraden unschön.

Vor- und Nachteil der gläsernen Alternative

Glas wiederum löst als transparentes Material keine Ängste vor ungeputzten Halmen aus, eine gewisse psychologische Angst vor Verletzungen schwingt aber mit. Das mag man ignorieren, die aufwendigere Reinigung – meist mit eigener Bürste und damit für jeden Halm einzeln – ist den Bar-Backs dann schon weniger egal. Und wenig turnt mehr ab als offensichtlich verschrammte Halme, auch wenn die Verletzungen von der Glas-Pflege im Spüler stammen.

Denke man die Trinkhalm-Frage zu Ende, stellten sich aber auch andere Frage, wirft der Hamburger Uwe Christiansen ein: „Wird am Ende des Abends wirklich jeder Halm aus dem Glas gefischt? Manche sind nur industriell recyclebar, nur landen sie auch wirklich in diesen Anlagen? Nur dann hat die Überlegung der Bar einen Sinn.“ Das vom Christiansen’s-Chef angesprochene Problem betrifft etwa jene überwiegend aus natürlicher Kartoffelstärke hergestellten Halme.

Nicht an den Strohhalm klammern!

So unausgegoren die Lösungen, die alle Anforderungen der Bar abdecken, auch sein mögen – in einem Punkt herrscht Einigkeit: Die Vermeidung von Plastik ist der wesentliche Schritt. Markus Müller nimmt beim Servieren im Garten der Hefner Bar „auch dann keine Strohhalme automatisch mit, wenn ich denke, der Gast wird sicher einen wollen“. Der Extra-Gang mag von den Kollegen schon verflucht worden sein, „so ist aber allen klar, dass es eigentlich nicht sein muss“, hofft er auf langsames Umdenken der Gäste.

In der Wiener Hammond Bar kommen seit acht Monaten nur noch Glashalme zum Einsatz. „Und das auch nur bei Drinks mit Crushed Ice oder Obers (Sahne, Anm. d. Red.)“, so Sigrid Schot. Diese seien zwar anfangs eine Investition, „aber sie kommen gut an und werden auch kaum geklaut“, so die Erfahrung Schots, die die Halme abends mit einer kleinen Bürste reinigt. Cocktail-Servietten hat die Wienerin verbannt, dafür wurden Coaster aus Kork angefertigt, „einem super-nachhaltigen Produkt“. Selbst bei Veranstaltungen in der Bar besteht sie auf Besteck und Geschirr aus nachwachsenden Materialien.

Welche Alternative auch immer – ohne Trinkhalm geht es nicht

Ähnlich wie Schot setzt auch Damir Bušić in seiner Innsbrucker Bar Liquid Diary auf ein ganzheitliches Programm, in dem die Glashalme nur ein Aspekt sind. „Wir halten Glas für die beste Lösung“, so der Tiroler, der mit einem zweigeteilten Spüldurchgang auch den Glanz der Halme erhält. Allerdings gibt es auch Servietten nur auf Nachfrage. Und als Wassergläser der bereits zum Frühstück geöffneten Lokalität hat er extrakleine Varianten gewählt. „Weißt du, was wir sonst im Laufe eines Tages an gutem Tiroler Wasser wegschütten?“

Die Einstellung der Bar-Community passt also – jetzt braucht es nur noch ein Universalprodukt, das diesen gestiegenen Nachhaltigkeitsansprüchen auch gerecht wird. Denn ganz ohne Trinkhalm wird es nicht gehen.

Photo credit: Tim Klöcker

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