josef farthofer

Der Brenner spricht: Josef Farthofer

News 11.12.2017 1 Kommentar

Diesmal begibt sich unsere Serie „Der Brenner spricht“ ins österreichische Mostviertel und in die Bio-Brennerei von Josef Farthofer.Der sympathische Edelbrenner erzählt uns, wie er unter dem Namen seiner Mutter erste Medaillen gewann, warum er in einer WhatsApp-Gruppe mit Sido ist – und warum alles kam, wie es kam.

Josef Farthofer führt seit 2003 eine Vollverschlussbrennerei im österreichischen Mostviertel. Sie ist nicht nur vollends auf Bio ausgerichtet, sondern besticht auch noch durch eine der beeindruckendsten Produktpaletten, deren Flaschen sich auch immer häufiger in Bars wiederfindet. Eines seiner bekanntesten Produkte ist der von ihm entwickelte Mostello, ein Birnendessertwein, den er nach der Portweinmethode herstellt. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der heute 44-jährige im Jahre 2012 bekannt, als sein Organic Vodka unter 2.400 Einreichungen bei der IWSC 2012 in London auf den ersten Platz gewählt wurde. Josef V. Farthofer – das V. steht für die Zahl fünf, sein Sohn trägt den Namen Josef VI. – hat jedenfalls noch Einiges vor, und das gerne auch in Kooperationen mit anderen, wie er im großen MIXOLOGY ONLINE-Interview verrät.

MIXOLOGY: Josef, es heißt, Du hast Dein erstes Geld mit Nachhilfe verdient und eine Mostpresse damit gekauft. Worin hast Du Nachhilfe gegeben und war war Dein Trick?

Josef Farthofer: In Rechnungswesen und Betriebswirtschaftslehre. Ich habe ursprünglich die Handelsschule absolviert und erst auf dem zweiten Bildungsweg Betriebswirtschaft und Landwirtschaftspädagogik studiert. Mein Trick war, das System zu erklären, und nicht, die Leute etwas auswendig lernen lassen. Dieses Verständnis habe ich versucht, mit eigenen Worten und Praxisbeispielen zu untermauern.

MIXOLOGY: Und was hast Du mit dem Most gemacht?

Josef Farthofer: Den habe ich selbst getrunken oder meinen Arbeits- und Studienkollegen verkauft. Auf Studentenfesten kam später der Schnaps dazu.

MIXOLOGY: Bis zu der Gründung der Brennerei 2003 hast du als Unternehmensberater Jungunternehmer beraten. Was war Dein erstes Produkt als offizieller Brenner?

Josef Farthofer: Das war ein Birnenmostbrand, danach kam die Zwetschke. Aber im Grunde war es das, was ich zuvor schon unter dem Namen meiner Mutter bäuerlich gebrannt hatte. Da hatte ich auch schon Medaillen gemacht, nur eben nicht unter meinem Namen. Aber mein Hobby wurde irgendwann zu teuer, und ich wurde von Kollegen auch immer häufiger nach meinem Schnaps gefragt, also habe ich gedacht: „Der Markt fragt nach deinen Produkten.“ So habe ich als Ein-Mann-Betrieb gestartet.

In der Generation meiner Eltern war der Most nichts mehr wert.

MIXOLOGY: Was hat der Berater in Dir Dir selbst geraten?

Josef Farthofer: Für mich war wichtig, meinen Kollegen aus der Region nicht Konkurrenz zu machen, wie Hans Reisetbauer oder Georg Hiebl, die schon früher gebrannt und die Szene geprägt haben. Ich musste mich bei der Verschlussbrennerei entscheiden, ob ich exportieren will und den hohen Steuersatz zahle, oder den geringeren Steuersatz wähle und nur österreichweit verkaufe. Mein Ziel war aber immer der Export. Schon nach der Schule hatte ich bei der Voest Alpine Stahlbleche im Import-Export verkauft. Wir exportieren heute auch den Großteil unserer Produkte.

MIXOLOGY: Aber natürlich wolltest Du mit den Produkten des Mostviertels die Stärken des Reviers nutzen…

Josef Farthofer: Ich komme ursprünglich aus der Obstbrand-Szene. Ich wollte die Birnen nicht mehr ins Lagerhaus fahren, wie es meine Eltern getan hatten. In der Generation meiner Großeltern war der Most etwas wert und hatte seinen Preis, für die meiner Eltern aber nicht mehr. Wir hatten aber sehr viele Bäume. Ich habe Streuobstwiesen erhalten und mit Sicherheit selbst über 1.000 Bäume gepflanzt. Mein Ziel war das regionale Produkt. Ich wollte das, was in unserer Landwirtschaft anfällt, verwerten.

MIXOLOGY: Und das immer schon Bio?

Josef Farthofer: Ich war von Anfang an Bio. Mein Ziel war es, konventionelle Produkte durch Bio zu ersetzen. Die Bio-Hotels haben auch nach Produkten für ihre Bars gefragt. So kam 2005 der erste Gin, dann auch bald der Vodka. Ich habe das Rohmaterial gesucht, was heute leichter ist als damals. Zu der Zeit war es schwieriger, Rohstoffe in Bio-Qualität zu finden. Erst 2009 habe ich beispielsweise Zuckerrohrmelasse in Bio-Qualität für Rum bekommen.

Ich wollte energieunabhängig und autark sein.

MIXOLOGY: Wo liegen die Wurzeln dieser Philosophie?

Josef Farthofer: In meiner Kindheit. Schon meine Eltern hatten einen sogenannten Ökopunktebetrieb. Sie haben Spritzmittel vermieden, und für mich war klar: Wenn ich Landwirtschaft mache, dann arbeite ich auf keinen Fall mit Spritzmitteln oder Kunstdünger. Das ist gesundheitsschädigend, ich kenne genügend Menschen, die an Krebs gestorben sind. Wenn ich schon mit der Natur arbeite, dann möchte ich wirklich mit der Natur arbeiten und nicht mit Chemie.

MIXOLOGY: Du baust Elefantengras an, verwendest Schlempe als Dünger, aus altem Bio-Brot macht ihr Schnaps, Euer eigenes Quellwasser stammt aus einem WWF-Naturschutzgebiet. Steckt hinter dieser Bio-Verwertungskette eigentlich ein hoher logistischer Aufwand oder ergibt eines das andere?

Josef Farthofer: Wir nutzen eben alles doppelt, dreifach oder mehr. Wir haben 2007 mit dem Umbau eines Kellerhauses aus dem Jahre 1874 hier in Öhling angefangen und drei Jahre gebaut. Meine ersten Brennkessel hatte ich noch mit Öl beheizt, hier wollte ich mit meiner eigenen Energie meine Brennkessel beheizen. Ich wollte energieunabhängig und autark sein. Durch eine glückliche Fügung haben die Schule, der Kindergarten und die Feuerwehr gefragt, ob ich sie nicht mitversorgen kann. Das Elefantengras versorgt unsere Brennereien, die Abwärme geht in die Schule, den Kindergarten oder zur Feuerwehr. Das hat sich so ergeben.

MIXOLOGY: Den Vodka macht Ihr auf Nachfrage, habe ich gelesen. Obstbrände müssen natürlich auf Lager gemacht werden…

Josef Farthofer: Wir bewirtschaften 45 Hektar Biolandwirtschaft. Die gesamte Ernte – und da ist viel Getreide dabei – wird bei uns in der Destillerie verarbeitet, d.h. es wird nichts am freien Markt verkauft. Obst müssen wir vergären, sobald es reif ist. Da ist Druck. Beim Getreide gib es weniger Stress, erst heute haben wir Bio-Roggen eingemaischt. Das geht das ganze Jahr über, denn der muss ohnehin lagern. Wir investieren gerade auch in eine Mälzerei für den Whisky. Wir haben viele Fässer von unserem Mostello, die nehmen wir für die Lagerung von Whisky und Rum.

Alle unsere Mitarbeiter müssen vielseitig sein.

MIXOLOGY: Euer Whisky ist relativ neu. Warum hast Du Dich auch noch auf diesen komplizierten Markt begeben?

Josef Farthofer: Weil ich mir gedacht habe: warum nicht? Getreide zu verarbeiten ist eine unserer Stärken. Ich habe die Fässer, ich habe die Rohstoffe, ich habe also alles im Haus, was ich benötige. Es war naheliegend. Mittlerweile haben wir einen Mitarbeiter, der die Fässer ausschleift und toastet. Wir machen alles selbst, vom Rohprodukt bis zu dem, was im Glas landet.

MIXOLOGY: Apropos Mostello. Wie trinkst Du ihn am liebsten?

Josef Farthofer: Pur! Wobei er hier meistens bei Zimmertemperatur getrunken wird. In Singapur beispielsweise trinken sie ihn gekühlt. Das ist auch eine Frage des Klimas, dort würde er bei Zimmertemperatur innerhalb kürzester Zeit zu warm werden.

MIXOLOGY: Und als Cocktail? 

Josef Farthofer: Als Mostello Spritz mit einem Schuss Zitronenlikör von unseren sizilianischen Bio-Zitronen, Minze und Soda-Topping. Ein top Sommerdrink.

MIXOLOGY: Nach dem Mostello habt ihr auch Eure Mostelleria benannt, die ca. 10.000 Besucher im Jahr anzieht. Wenn man das umrechnet, sind das in etwa 30 Menschen pro Tag. Zum einen macht das Eure Philosophie anfassbar, aber leidet da nicht auch die Privatsphäre darunter?

Josef Farthofer: Bei den Führungen bin ich nicht mehr so häufig dabei, das machen meine Frau oder andere Mitarbeiter. Wenn drei Busse auf einmal kommen, müssen aber alle anpacken. Wir halten das so, dass alle Mitarbeiter vielseitig sein müssen. Mein Schwager in der Brennerei oder die Leute, die abfüllen, helfen dann bei Führungen aus.

„Durch Besuche in unserer Mostelleria sind die meisten Exportkontakte entstanden.“

MIXOLOGY: Also nichts von wegen Typ einsilbiger Brenner, für den ein „Guten Morgen“ eine Überwindung darstellt?

Josef Farthofer: Wir schauen bei der Mitarbeiterauswahl auf ein breites Know-How. Damit sind wir bis jetzt ganz gut gefahren. Im Büro sind Absolventen aus Tourismusschulen oder der Lebensmitteltechnologie. Und ich finde, auch für die Mitarbeiter selbst ist das abwechslungsreicher, wenn sie nicht nur ständig in einem Bereich eingesetzt werden.

MIXOLOGY: Ist der Verkauf ab Hof für euch ein Faktor?

Josef Farthofer: Für uns ist beides wichtig. Die meisten meiner Exportkontakte sind aber durch Besuche dieser Art entstanden. Ein Beispiel: Die Mutter von Klaus Leopold hat uns besucht und gemeint, ihr Sohne wäre in Singapur. So entstehen die guten Kontakte. (Und das Produkt Leopold, Anm.) Auf Messen trifft man zwar viele Menschen, aber auch viele, die nur reden. Menschen, die uns besucht und gesehen haben, was wir machen, transportieren das weiter. Das ist die wichtigste Werbung.

MIXOLOGY: Es wurde in Eurer Familie also nicht immer nur der Namen weitergegeben – Du bist Josef V., dein Sohn ist Josef VI. – sondern auch das Umweltbewusstsein?

Josef Farthofer: Ja, das Leben mit der Natur. Natürlich sind wir vom Wetter abhängig. Meine Wetter-App ist ein wichtiges Element. Das sind Dinge, die man in der Landwirtschaft im Griff haben muss. Aber es freut mich immer, wenn ich die Zeit finden kann, auf dem Traktor zu sitzen. Die Gedanken können wandern, es kommen Lösungen. Ebenso während der Ernte. Das ist für mich Entspannung, es geht nur leider nicht mehr so häufig wie früher.

MIXOLOGY: Wie viel Zeit bist Du noch in der Brennerei und am Feld, und wie viel unterwegs?

Josef Farthofer: Ich würde sagen, ich bin zu 50 Prozent in der Brennerei und zu 50 Prozent unterwegs.

„Mittlerweile wird weniger getrunken, aber dafür hochwertiger.“

MIXOLOGY: Welches Obst ist größte Herausforderung beim Brennen?

Josef Farthofer: Vermutlich die Marille. Da haben wir ein eigenes System entwickelt, um sie direkt vom Baum in den Tank zu bekommen. Es geht darum, die feinfruchtigen Aromen einzufangen. Die Herausforderung im Sommer bei Hitze ist die Kühlung. Fruchtbrände sind jedenfalls anspruchsvoller als etwa Gin.

MIXOLOGY: Du hattest vorhin Hans Reisetbauer angesprochen. Der hat in einem Interview für diese Serie gesagt, eigentlich müsste man auch bei Bränden die Inhaltsstoffe auf die Flasche schreiben. Siehst Du das ähnlich?

Josef Farthofer: Bei uns im Bio-Bereich haben wir ohnehin strikte Kontrollen. Aber natürlich gibt es viele Produkte am Markt, die noch nie eine Frucht gesehen haben und beim Konsumenten trotzdem diesen Anschein erwecken, während in Wahrheit mit natürlichem Aroma gearbeitet wurde. Ich war beispielsweise 2003 viel auf Messen in München unterwegs mit meinem Marillenprodukt. Das war wirklich mit Liebe gemacht, ich hatte damals noch nicht mal eine Passiermaschine, sondern habe alles per Hand gemacht. Mit dieser wundervollen Marille stehe ich also da, und was war die häufigste Reaktion? „Das schmeckt gar nicht nach Marille“ oder „Marille schmeckt anders“. Das war deprimierend. Ich habe mir gedacht: Wie kann das denn sein? Da ist mir bewusst geworden, wie geschmacksgeschädigt viele Menschen sind. Heute ist das zum Glück besser geworden.

MIXOLOGY: Auch durch die Barkultur und ihrer Hinwendung zu Obstbränden?

Josef Farthofer: Ich glaube, dass mittlerweile weniger getrunken wird, aber dafür hochwertiger. Das ist die Chance, die wir Edelbrenner – oder wie man uns nennen mag – haben. Es gibt viele Vorreiter in der Bar, die regionale oder handwerkliche produzierte Spirituosen verwenden, wie Oliver Ebert in Berlin. Aber gerade auch am Land tut sich was. Da gibt es Hotels, die Massenprodukte aus dem Pouring nehmen und mit unseren sowie Produkten von Kollegen arbeiten. Das funktioniert auch wirtschaftlich. Sie haben einen besseren Umsatz und höheren Deckungsbeitrag, denn man kann mehr für die Produkte verlangen. Der Konsument ist bereit, für einen guten Gin & Tonic zwei Euro mehr zu zahlen. Das ist kein Problem. Man bekommt ja im Grunde auch schon jedes Produkt handwerklich produziert oder regional – auch wenn ich mir mit der Bezeichnung „regional“ schwer tue, denn wenn ich nach Berlin liefere, ist das ja nicht mehr regional.

MIXOLOGY: Du hast auch Sido Nachhilfe in Sachen Spirituosen gegeben, das Resultat ist eure Vodka- und Gin-Linie „Kabumm”. Seid ihr eigentlich in Kontakt oder läuft das jetzt vor sich hin?

Josef Farthofer: Wir stimmen uns häufig ab und haben eine WhatsApp-Gruppe, in der wir Strategien besprechen. Erst kürzlich haben wir eine 3-Liter-Kugel für Kabumm gemacht. Sido identifiziert sich sehr mit dem Produkt und ist stark involviert.

„Man kann durch Kooperationen mehr bewegen als alleine.“

MIXOLOGY: Ich sehe das Produkt kaum in Bars. Warum? Ist die Klientel eine andere?

Josef Farthofer: Es ist ein 80-Euro-Produkt. Das wird viel zu Hause genossen. In Bar müsste man vertriebsmäßig vielleicht mehr machen, aber wir haben viele Anfragen. Die 3-Liter-Kugel machen wir für gehobene Clubs.

MIXOLOGY: War diese Kooperation für Dich ein reiner PR-Schritt?

Josef Farthofer: Sidos Manager hat angerufen, zwei Wochen später sind sie gekommen und haben uns gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, gemeinsam einen Vodka zu machen. Ich bin ein Typ, der viele Kooperationen eingeht, denn gemeinsam ist man einfach stärker als als Einzelkämpfer. Sido hatte in Österreich natürlich einen gewissen Ruf, durch die Vorfälle mit Dominic Heinzl hatte ich ihn nur aus Medien gekannt. Aber man muss den Menschen dahinter kennenlernen. Wenn man gut zusammenarbeiten kann, wird es auch eine gute Partnerschaft. Es gibt mit Sicherheit Brenner, die sagen, dass sie das nicht wollen. Ich bin offen für solche Dinge, denn man kann nur lernen: Man lernt andere Menschen kennen, und man lernt, was am Markt funktioniert. Man kann durch Kooperationen mehr bewegen als alleine. Und wenn man Kooperationen eingeht, muss man den anderen auch positiv und nicht negativ betrachten. Dann funktioniert es meistens auch.

MIXOLOGY: So wie auch deine Arbeit für das Freimeisterkollektiv, wo Du etwa gemeinsam mit Ralf Rüller einen Kaffeelikör und -Geist produziert hast?

Josef Farthofer: Mit Geist hatte ich zuvor schon einiges gemacht. Aber der Kaffeelikör war eine ziemliche Herausforderung. Dafür habe ich eine eigene Presse konstruiert und versucht, eine Espressomaschine im größeren Stil zu simulieren. Ich bin auch der Typ Tüftler. Sehr viele meiner Geräte haben wir selbst entwickelt und gebaut. Wir haben einen Edelstahlschweißer und können das. Wo andere vielleicht sagen, es gebe keine Lösung, finden wir eine. Ich bin ein positiv denkender Mensch.

MIXOLOGY: Letzte Frage: Wenn Du nur noch ein Obst brennen dürfest, welches wäre das?

Josef Farthofer: Natürlich die Mostbirne.

Lieber Josef, wir danken Dir ganz herlich für das Gespräch!

Offenlegung: Die Plattform „First Berlin Beverage“, an der MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam beteiligt ist, ist beratend für die Destillerie Farthofer tätig. 

Ein Kommentar

  1. Jens

    Wunderbar, keep goin Jo
    Jens Hoffmann
    Travel-Food-Art Mag.

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