Fancy ist nicht tot!

News 13.12.2014 1 Kommentar

Fancy ist tot? Von wegen: gerade lässt Jeffrey Morgenthaler den Long Island Ice Tea wieder aufleben. Zeit für uns, in die 70er und 80er abzutauchen und die Klassiker von damals noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Am besten geht das natürlich mit bekannten Fürsprechern vergangener Zeiten. Wie etwa Tom Cruise in dem 1988 erschienenen Film „Cocktail“. 

Insgesamt geben sich 29 Drinks in diesem Film die Ehre. Einige davon waren zu seiner Zeit bereits Klassiker und haben die Evolution auch bis heute überdauert. Andere, eindeutig den 70er Jahren zuzurechnende Cocktails, sind dagegen völlig in der Versenkung verschwunden.

Deftiger Einstieg

Alles hat einen Anfang. Wir öffnen ganz Vorsichtig ein Auge und präsentieren: den Red Eye. Definitiv der präsenteste unter allen Vertretern, wird dieser Cocktail doch mindestens einmal täglich von Doug Coughlin, Tom Cruises Lehrmeister, getrunken. Zudem ist er eine Hauptzutat in Coughlins Diät: „Cocktails & Dreams“.

Red Eye

20cl Tomatensaft
35cl Bier
1 ganzes Ei

Zubereitung: Den Tomatensaft in das Gästeglas geben. Den Saft mit einem gekühlten Bier auffüllen. Ein Ei aufschlagen und in den Drink geben. Der Cocktail wird ohne Eis serviert.

Wake me up, before you go-go – Die Fancy Drinks

Ab in die 80er Jahre, und damit in die Fancy-Schublade! Gefühlt gibt es aus diesem Zeitraum auf jeden einst kreierten Drink mindestens 10 weitere Variationen. In jeder Bar findet man andere Zutatenlisten für Sex on the Beach, Bahama Mama oder den Hurricane. Wobei der Letztere mit einer gekonnten Auswahl an Rum, frischem Limettensaft und frischer Maracuja gar nicht so verkehrt schmeckt.

Die meisten dieser Cocktails findet man heute nur noch in Kettenbetrieben. Der Umkehrschluss ist jedoch ein Trugschluss. Auch erfahrene Bartender servieren diese Kategorie an Cocktails mit dem angemessenen Respekt.
Ein Drink von damals, der die Zeit überdauert hat und besondere Erwähnung verdient? Eindeutig der von Charles Schumann 1979 kreierte Flying Kangaroo. Mit diesem gewann er auch die Cocktail-Weltmeisterschaft.

Zucker? Gerne!

Der Harvey Wallbanger besteht aus Galliano Vanilla, Wodka und Orangensaft. Man munkelt, dass er seinen Namen einem kalifornischen Surfer verdankt. Dieser wurde von einem bedeutenden Wettbewerb ausgeschlossen, ertränke seinen Frust mit besagtem Drink und schlug voller Frust über die verpasste Teilnahme seinen Kopf immer wieder gegen die Wand.
Der Pink Elephant hingegen bekommt seinen Namen wegen der Verwendung von Amarula-Likör als Basis. Der Marula-Baum wird aufgrund der Vorliebe der Dickhäuter für dessen Früchte umgangssprachlich auch Elefantenbaum genannt. Moment, Amarula? Das ist doch dieser Klebstoff, den klischeehafterweise vor allem ältere Damen gern vermixen lassen. Ja, so sieht es wohl aus. Der entsprechende Cocktail bietet sich dann auch hervorragend im Falle einer starken Unterzuckerung an:

Pink Elephant

4,5cl Amarula
2,5cl Schokoladenlikör
7,5cl Himbeerpüree
5cl Merlot
7,5cl Sahne
2bl Zucker

Zubereitung: Alle Zutaten in einen Shaker geben, mit Eiswürfeln füllen und ca. 15 Sekunden schütteln. In das vorgekühlte Gästeglas abseihen.

Immer noch “Fancy”: Jus d’Amour, Pink Bikini, Alabama Slammer, Dingeling

Wenn man heute die Rezepte der folgenden Drinks liest, unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den bereits genannten. Etwas Saft, vielleicht noch etwas Saft und am Ende einen Schuss Spirituose. Den Jus d’Amour serviert Tom Cruise alias Brian Flanagan am Anfang der zweiten Hälfte des Films, um seine Verführungskünste zu präsentieren. Hinzu kommen Pink Bikini, Alabama Slammer und der klangvolle Dingeling. Sie alle stammen aus dem „The Last Barman Poem“, das Brian am Ende der ersten Filmabschnitts vorträgt.
Wenn wir uns Geschichten und Ideen hinter diesen Cocktails anschauen, kann man bereits an dieser Stelle sagen: “Fancy ist nicht tot, nur vergessen!“ Mit diesen Drinks wurden Grundsteine für die aktuelle Entwicklung der Barkultur gelegt. Ausgefallene Farben, Geschmackskompositionen und Dekoelemente entwickeln sich bis heute immer weiter. Ein bekanntet Bartender erwähnte erst vor kurzem: “Die Basis ist das Maß aller Dinge, aus ihr kann man sich alles herleiten?“

Jus D´Amour

5cl Wodka
1cl Mangosirup
1 cl Zitronensaft
1 cl Grenadinesirup
6 cl Orangensaft
6 cl Maracujanektar

Zubereitung: Alle Zutaten in einen Shaker geben, mit Eiswürfeln füllen und ca. 15 Sekunden schütteln. Auf gestoßenes Eis in das Gästeglas abseihen.

Die Klassiker: Martinis, Sours und Daiquiris

Stets präsent, weil schlicht und einfach. Die “Altbewährten” auf unserem Menü. Wir finden viele verschiedene Rezepte für diesen Klassiker. Eines der am häufigsten wiederholten beginnt mit der Basis Bourbon Whiskey, dazu kommen Zitronensaft und Zuckersirup. Oft wird der Drink auch mit ein paar Dashes Angostura Bitters abgerundet. Das ergibt den Whiskey Sour.
Den Daiquiri, ein kubanischer Klassiker, muss man fraglos ebenfalls mit in die Kategorie der Sours aufnehmen. Am liebsten mit weißem Rum über 40%, verdammt frischem Limettensaft und weißem Rohrzucker. Doch sind sie fancy? Sicher nicht im heutigen Gebrauch des Wortes. Aber sie waren damals die gleichberechtigten Partner der obigen Saftbomben. Die Stilisierung zum heiligen Gral der Cocktailklassik haben sie erst später erfahren. Aus der Sicht von Jus D’Amour & Co sind sie aber vor allem eines: deren Grundform und Basis. Der Saft ist das Beiwerk, das den Drink zur Fancy-Leckerei macht.

Fancy Martini – Wie geht das?

Der Martini Cocktail steht, zur Not auch mit Wodka zubereitet, als Inbegriff des klassisch-trockenen Aperitifs an herausragender Position im Bar-Universum. Doch auch hier finden sich Experimente, die ihn in die spielerische Ecke rücken. Wer in den 80ern nicht komplett auf der trockenen Seite des Lebens, aber trotzdem elegant trinken wollte, ließ sich den eigentlich klaren Klassiker mit etwas mediterraner Süße twisten:

Dry Martini / Anis-Twist

2cl Wermut
6cl Wodka
1 dash Pernod

Zubereitung: Wermut und Wodka in ein mit Eiswürfeln gefülltes Rührglas geben und ca. 30 Sekunden kalt rühren. Das vorgekühlte Gästeglas mit einem Spritzer Pernod ausschwenken. Den Drink darauf abseihen und mit einer Steinolive garnieren.

Der Hundertjährige: Singapore Sling

Das Originalrezept verschwand irgendwann vor 1930. Der Bartender Ngiam Tong Boon entwickelte es um 1914 im bekannten Raffles Hotel in Singapur. Die Rezepte, welche für diesen Drink heutzutage bekannt sind, ähneln allerdings mitnichten einem klassischen Sling. Der Drink wurde während der aufkommenden Tiki-Welle um 1936 neu interpretiert und in neuem Gewand präsentiert. Seine Hauptdarsteller sind Gin, Kirsche und Kräuter: Fancy, vielleicht sogar ein wahrer Archetypus des Grellbunten, aber nichtsdestotrotz ein sauberer Punch.

Orgasmus, Alexander, Friar Tuck, Angel’s Tip und Velvet Hammer

Gefühlt wurde damals jede zweite Geschmackskomposition in Richtung Sahne und Kakao ausgerichtet. Ein bodenständiger Vertreter dieser Art ist der Alexander. Je zu gleichen Teilen aus Gin, weißer Crème de Cacao und Sahne geschüttelt, findet er auch heute noch entsprechenden Anklang. Aber es geht fraglos noch süßer, noch weniger auf die Spirituose bedacht. An seinem ersten Abend an der Bar direkt ins kalte Wasser geworfen, feuern die Gäste Tom Cruise etwa folgende Bestellung entgegen:

Dirty Mother

3cl Tequila
3cl Kahlúa
6cl Milch

Zubereitung: Alle Zutaten auf Eiswürfel in einen Tumbler geben und gut umrühren.

Die Highballs, G&T und Cuba Libre

Wenden wir uns dieser meist unterbewerteten Kategorie an alkoholischen Getränken zu, sehen wir ganz schnell, dass sämtliche Drinks noch immer zum täglichen Repertoire des Bartenders gehören. Gin & Tonic, der Cuba Libre, vielleicht auch der Screwdriver. Der hat seinen Namen übrigens aus Pittsburgh, da die dortigen Öl- und Stahlarbeiter angeblich Ihren Wodka-Orange zum Feierabend traditionell mit dem immer am Mann getragenen Schraubendreher umgerührt haben.

Screwdriver

5cl Wodka
10cl Orangensaft

Zubereitung: Alle Zutaten werden auf Eiswürfeln in einem Tumbler gerührt.

Am Ende: bitte nicht immer zu Ernst

Hier bleiben nur noch die “Außenseiter” zu nennen. Den Negligé In Blue oder die Eisfee wussten wir in dieser Aufteilung keiner der genannten Kategorien zuzuweisen. Wobei das Rezept des Negligé In Blue, bestehend aus Ouzo, Parfait Amour und Chartreuse Verte zu gleichen Teilen einem die Einordnung auch wirklich nicht leicht macht.

Die Fancy-Kultur hat stark nachgelassen. In den gefragten Bars findet man kaum durch Sahne oder Saft dominierte Drinks. Wer doch einen bestellt, wird vom Bartender meist mit schiefen Augen angesehen. Zu recht? Naja, muss man doch sagen, dass auch diese Drinks ihre Berechtigung haben oder hatten. Schließlich haben wir doch alle in unserem Leben bereits einen Hurricane getrunken oder gemixt.

Wenn der Begriff «Fancy» eines betont, dann vielleicht die Tatsache, dass wir unsere Zunft nicht ausschließlich mit verkrampfter Engstirnigkeit betrachten dürfen. Ein Martinez mag die komplexere Herausforderung sein, aber dadurch wird nicht jeder Fancy-Drink zum Sakrileg. Mal sehen ob Jeffrey Morgenthaler, der Do-it-yourself-Vorzeige-Bartender, nicht noch weiteren, in Verruf geratenen Drinks wieder auf die Beine hilft. Jetzt aber gönnen wir uns erst einmal einen Red-Eye auf die Adventszeit. Und wir neigen unser Glas in Richtung von Douglas Coughlin, dem großen Logiker und Negativist, der uns damals die Fancy-Welt gezeigt hat.

Photo credit: Tom Cruise in "Cocktail"

Ein Kommentar

  1. Frantisek Jandos

    Inspiration..

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