Mixology: Magazin fur Barkultur

Gefallene Helden

News 4.12.2008 1 Kommentar

Bartending ist eine finstere Kunst. Für uns gibt es weder Sonnenschein noch vornehme Teepartys, sondern nur dunkle, glitzernde Höhlen, Räusche und die unvermeidlich darauf folgenden Ausfälligkeiten. Große Bartender sind Meister der Mixologie und zugleich Stimmungsmanager. Eine große Bar ist ein Tempel für feine Spirituosen, und die, die sie ausschenken, sind die Hohepriester des Rausches. Wir haben das Privileg, darüber zu entscheiden, ob jemand einen gelungenen oder einen furchtbaren Abend verlebt, und wir missbrauchen dieses Privileg oft nach Gutdünken.

Der Beruf des Bartenders wird oft als Zuflucht für Gestörte, Beistand für Verzweifelte oder Übergangsheim für Gelangweilte angesehen und zieht daher Typen aller Art an. Aber für viele ist es nur ein Boxenstopp auf dem Weg zu einem „richtigen Job“ (als das, was Bartender „Zivilisten“ oder „Daywalker“ nennen). Die, die es ein Leben lang tun, sind ein seltsames Volk. Bartender haben etwas Nächtliches an sich, wenn sie Weisheit, Whisky und eben dieses Nächtliche zu gleichen Teilen an Durstige verteilen.

In meinem eigenen Beruf reise ich um die Welt und bilde Bartender darin aus, ihren Job besser zu machen und die Fähigkeiten des modernen, professionellen Bartenders zu beherrschen. Ich erzähle jedem, der mir zuhört (oder die verlangte Summe dafür bezahlt) von Wissen, Tempo, Stil und Etikette als den Schlüsselfähigkeiten. Aber tief im Inneren weiß ich, dass die großen Bartender oft gerade in diesen Bereichen seltsam unfähig sind. Es ist ihre Persönlichkeit, die sie unvergesslich oder berühmt macht. Nicht die Fähigkeit, einen guten Drink zuzubereiten, sondern die, dass der Gast sich gut fühlt mit seinem Drink. Fragen Sie einen Daywalker nach berühmten Köchen und er rasselt sofort vier oder fünf Namen herunter. Fragen Sie ihn aber nach berühmten Bartendern, bekommt er denselben glasigen Blick, der sich sonst nur nach ein paar Tequilas einstellt. Bartender können wie Ärzte sein, die das notwendige Medikament verschreiben, oder wie Dealer, die ihre Drogen an Bedürftige mit dem nötigen Bargeld verkaufen. Aber es gibt ganz Große unter ihnen, und die, die das Vergnügen hatten, von ihnen bedient worden zu sein, preisen ihre perfekte Imperfektion.

Audrey Saunders im Pegu in New York ist auf dem neuesten Stand der Mixologie und hat doch etwas deutlich Viktorianisch-Schulmeisterliches in ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten. Ein paar Blocks weiter findet man Dale DeGroff, der aussieht wie eine Kreuzung zwischen Tony Bennet und Martin Scorcese und der nach ein paar Gläschen nach einem Klavier sucht, zu dem er schmachtend singen kann.

In London sind die besten Bartender ähnlich schrullig und individuell. Tony Conigliaro im Sochu ist unfassbar talentiert und so leidenschaftlich wie ein Cocktail Casanova, aber so trocken wie ein guter Martini. Dick Bradsell ist genauso überheblich wie Malcolm McLaren und hat dessen Vorliebe für schöne Kleider, aber er mixt grandiose Drinks. Giles Lookers jungenhafter Charme und jungenhaftes Aussehen sind ebenso hypnotisch und berauschend wie die Drinks, die er serviert.

Ein schlechter Bartender verlässt sich auf die Alkoholmenge, die er serviert, und wird daher immer vergessen werden. Ein großer Bartender serviert einen Cocktail mit tollem Alkohol, netter Gesellschaft und leistet dabei auch noch einen Beitrag zur Bildung, gewissermaßen – und man erinnert sich seiner als eines großen Lehrers. Er ist so geistvoll wie die Produkte, die er verkauft.
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Erschienen in Mixology Issue 6/2008.

Autor: Angus Winchester
Übersetzung: Vanadis Buhr

Über den Autor:
Angus Winchester, Bartender, Spirituosen- und Barspezialist, begründete Alconomics sowie Alconomics Asia. Er arbeitet seit 20 Jahren in der Getränkeindustrie, fungiert seit zehn Jahren international als Trainer und Consultant und ist Global Brand Ambassador für Tanqueray Gin.

Link: www.alconomics.com

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